Verunsicherung und Sorge, aber auch Wut über die Informationspolitik der Verantwortlichen und die bange Frage, ob ein ähnlicher Unfall auch in Europa passieren könnte - die Anhebung der Havarie im japanischen Atomkraftwerk Fukushima auf die höchste Stufe der Internationalen Bewertungsskala für Nuklearunfälle beschäftigt auch die Menschen in Deutschland.
dapd-Umfrage zu Fukushima: Menschen in Deutschland sind besorgt und verunsichert
Berlin (dapd). Verunsicherung und Sorge, aber auch Wut über die Informationspolitik der Verantwortlichen und die bange Frage, ob ein ähnlicher Unfall auch in Europa passieren könnte - die Anhebung der Havarie im japanischen Atomkraftwerk Fukushima auf die höchste Stufe der Internationalen Bewertungsskala für Nuklearunfälle beschäftigt auch die Menschen in Deutschland, wie eine Umfrage der Nachrichtenagentur dapd vom Dienstag in deutschen Großstädten zeigt.
Für den Berliner Musikwissenschaftler Wolf Kühnelt ist die Heraufstufung des Reaktorunglücks ein "Ausdruck von höchster Hilflosigkeit". Getäuscht oder gar angelogen fühle er sich aber nicht, sagt er. Schließlich handele es sich um eine Katastrophe, die "einfach nicht vergleichbar" sei. Wer sollte da die Gefahren sogleich einschätzen können.
"Tepco wirkt hilflos", sagt Philipp Förster, 29 Jahre und Sozialpädagoge in Frankfurt. "Es war ja nicht anders zu erwarten, als dass der Kraftwerksbetreiber mit den Informationen nur nach und nach herausrückt. Der hat doch vor allem den Profit im Blick. Die Gesundheit der Bevölkerung interessiert ihn vielleicht weniger", fügt er an.
"Furchtbar und beängstigend" findet Ingeborg Zimmermann (72) aus Frankfurt die Bilder aus Japan. "Ich glaube, dass noch viel verheimlicht wird von Tepco", sagt sie.
"Die Informationspolitik in Japan scheint katastrophal zu sein", sagt Jochen Bals am Düsseldorfer Flughafen und verweist auf eine Freundin. Sie hat seit etwa 25 Jahren in Tokio gelebt. Jetzt ist sie mit Mann und vier Kindern zurück nach Deutschland gekommen, weil sie sich schlecht informiert gefühlt habe. "Sie haben die Arbeit und alles andere aufgegeben und leben nun bei ihrer Familie in Hagen mit sieben Personen auf 70 Quadratmetern."
"Es ist krass, wenn erst gesagt wird: 'Es ist nicht so schlimm, wir bekommen das in den Griff.' Und plötzlich ist die Stufe 7 da", sagt die 27-jährige Mona Ardeleanu aus Stuttgart. Sie glaubt, dass Hilfe von Außen schneller da gewesen wäre, wenn Betreiber und Behörden von Anfang an mit offenen Karten gespielt hätten. Sorgen, dass die Atomkatastrophe in Japan auch negative Auswirkungen auf Deutschland haben könne, macht sie sich aber nicht.
"Es betrifft mich persönlich ja nicht so sehr. Auch ist Europa insgesamt kaum von den Folgen des Unfalls betroffen, außer wirtschaftlich", sagt auch Tom Kaulfuß, 21 Jahre und Student in Dresden. Von der Berichterstattung insgesamt fühlt er sich sogar genervt: "Das ist oftmals sehr übertrieben." Insbesondere das Fernsehen dramatisiere die Situation.
Auch die Dresdner Textilreinigerin Gisela Schüler hat die Ereignisse im havarierten Kernkraftwerk Fukushima in Japan überwiegend im Fernsehen verfolgt. "Da hat man schon Angst und kann nur hoffen, dass so etwas nicht auch hier passiert", sagt die 57-Jährige, die sich noch oft an die Katastrophe in Tschernobyl erinnert: "Da war das genauso furchtbar."
Gerhard Golze (61), der für den TÜV Süddeutschland arbeitet, fürchtet, dass der westliche Hunger nach Wirtschaftswachstum eine Ursache der Katastrophe sei. "Wir brauchen Energie, aber wo kommt sie her?", fragt der Lehrbeauftragte an der Technischen Universität Dresden. Das Wagnis Atomkraft habe viele Vorteile, aber auch Risiken, die nun zur Katastrophe führten. Golze hat nach eigener Aussage Angst, dass dies auch in Europa passieren könnte, etwa in den Nachbarländern Frankreich und Tschechien. "Was dann?", fragt er.
Gabriele Wehrheim, 54, Herbergsmutter auf Sylt, ärgert sich, dass man das Erdbebenrisiko in Japan gekannt hat und trotzdem dort Atomkraftwerke gebaut hat. "Wenn was passiert, trifft es uns alle. Ich weiß nicht, wie man dem Herr werden sollte", sagt sie.
Die Dresdner Kinderärztin Julie Häselbarth (38) wundert sich nicht über die Katastrophe in Fukushima: "Das war doch vorhersehbar, dass so etwas eintritt." Die dreifache Mutter ist empört, dass es überhaupt zur Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke kommen konnte: "Man hätte viel früher aus der Atomkraft aussteigen sollen. Das ist das wirklich Tragische."
An einen Ausstieg aus der Atomenergie in Deutschland glaubt Masseurin Sabine Müller (35) in Hannover nicht. "Da wird jetzt viel Welle gemacht und dann passiert gar nichts", sagte sie. Die Atomkraft besitze eine "starke Lobby", der es letztendlich "nur ums Geld" gehe.
Politikwissenschaftlerin Viola Tölke (47) aus Hannover hofft, dass die Anti-AKW-Bewegung in Deutschland den Atomausstieg beschleunigen werde. "Die Bundesregierung wird nichts ändern", sagt aber auch sie. Die Kraftwerke würden nur für eine gewisse Zeit heruntergefahren, bis sich die Wogen geglättet hätten. "Schlimmstenfalls sagt man, Außerirdische wären in Japan im Einsatz gewesen, bevor man zugibt, dass es an den Atomkraftwerken liegt", sagte Tölke.
Als "Katastrophe pur" bezeichnet der Bausachverständige Dieter Weberling (60) aus Berlin das Reaktorunglück. Es sei zu hoffen, dass alle Ländern in Europa nun angesichts der Katastrophe nachdächten. "Tschechien steht vor der Tür, Frankreich hat 74 Atommeiler, Japan hat 55 - was haben wir da für eine Chance mit unseren zehn, die noch am Netz sind?", sagte er mit Blick auf einen deutschen Alleingang. Die deutsche Atomkraft sei aber im Vergleich "relativ sicher". Jetzt vorzupreschen und auszusteigen, weil man Windräder habe, das funktioniere nicht. Da breche die Industrie zusammen.
Uwe Eickhorst, 70 Jahre, aus München macht sich Sorgen: "Es ist irgendwie ein beklemmendes Gefühl, was einen da beschleicht, wenn man von der Atomkatastrophe hört. Auch wenn das 9.000 Kilometer entfernt ist, wer weiß, das kann ja auch hier herkommen."
dapd
