EU-Unternehmerparlament Europa besser verstehen

Beim zweiten Parlament der Unternehmen in Brüssel verschafften sich 775 Betriebsinhaber Gehör im Europäischen Parlament und untermauerten die Bedeutung des Mittelstandes. Von Patrick Choinowski, Brüssel

Im Europäischen Parlament in Brüssel debattierten 775 Unternehmer mit EU-Spitzenpolitikern über die Probleme des Mittelstandes. Foto: veldemanphoto

Europa besser verstehen

Parlamentserfahrung haben die wenigsten. "Das ist mein erstes Mal", sagt Frank Berting und wartet gespannt vor den Türen zum Plenarsaal des Europäischen Parlaments in Brüssel. Als Metallbauermeister kommt er sonst nie in den Genuss, das "Herz Europas" zu betreten. Das bleibt normalerweise den 751 Europaabgeordneten vorbehalten.

van Rompuy: "Beteiligung der Unternehmer für die EU unentbehrlich"

Beim zweiten Europäischen Parlament der Unternehmen durften Berting und weitere 95 Unternehmer aus Deutschland in die Rolle der Abgeordneten schlüpfen. Insgesamt versammelten sich 775 Handwerker, Inhaber von Industrie- und Handelsunternehmen sowie Banken aus den 27 EU-Staaten auf Einladung des europäischen Dachverbandes Eurochambres im Parlament, um ihre aktuellen Probleme mit Spitzenvertretern der Europäischen Union zu diskutieren und Lösungsvorschläge zu unterbreiten. "Die Beteiligung der Unternehmen ist unentbehrlich für die EU“, sagte Herman Van Rompuy, Vorsitzender des Europäischen Rates, in seiner Begrüßung. Auch EU-Parlamentspräsident Jerzy Buzek betonte: "Ihre Empfehlungen werden uns sehr wichtig sein." Denn alles, was in Europa geschaffen werde, sei "sehr wichtig für die Europäische Union“.

Dieser Ansicht ist auch Frank Berting. "Ich möchte mit meiner Teilnahme Europa besser verstehen. Das ist wichtig für unsere Entscheidungen." Der 33-Jährige war nicht nur als Unternehmer in Brüssel dabei, sondern befand sich auf besonderer Mission. Vor knapp drei Wochen wurde Berting zum neuen Vorsitzenden der Junioren des Handwerks gewählt. Da in dem Verband in letzter Zeit immer mehr kritische Stimmen über eine europäische Vertretung der Handwerksjunioren laut wurden, erhofft sich Berting, durch seine Erfahrungen beim Unternehmerparlament die Stimmung drehen zu können. "Die Arbeit der Europaabgeordneten ist schwer zu fassen“, weiß Berting. Was die Arbeit im Plenum betrifft, kann der Metallbauermeister jetzt mitreden.

Fast vier Stunden dauerte die Sitzung, die sich in die drei Teile "Rahmenbedingungen", "Ressourcen" und "Märkte“ unterteilte. Die Unternehmer nutzten ausgiebig die Gelegenheit, den Experten der Europäischen Union ihre Sicht der Dinge zu vermitteln und anschließend über bestimmte Fragen abzustimmen. Handwerkspräsident Otto Kentzler forderte von EU-Kommissar Antonio Tajani, die Mobilität in der beruflichen Bildung zu verbessern und konkrete Ziele festzulegen. Lob hatte Kentzler für den Small Business Act (SBA) parat, den noch Tajanis Vorgänger Günter Verheugen (SPD) auf den Weg gebracht hatte. "Das war ein richtiges Signal, die Vorfahrt für KMU in Europa zu betonen", sagte der Handwerkspräsident.

Auf die Frage, wie der im SBA beinhaltete KMU-Test funktionieren würde, erhielt er vom Italiener Tajani keine befriedigende Antwort. Vielmehr mussten Kentzler und die zahlreichen anderen Handwerksunternehmer erkennen, dass der neue Kommissar für Industrie- und Unternehmertum seine Schwerpunkte wohl woanders setzen wird. "Wir wollen das neue Industriemodell und die neue Industriepolitik in nächster Zeit kommunizieren“, sagte Tajani, der auch Vizepräsident der Europäischen Kommission ist. Er wolle aber auch die KMU in Europa unterstützen. So habe das EU-Parlament eine Richtlinie zum Zahlungsverzug im öffentlichen Bereich verabschiedet, die in allen EU-Mitgliedsstaaten in zwei Jahren umgesetzt sein soll. Auch das Unternehmerparlament stimmte der Richtlinie mit 71 Prozent zu.

Allerdings äußerte es auch Unzufriedenheit. 83 Prozent fanden, dass sich die Europäische Union zu wenig für die KMU einsetzt. Eine Einschätzung, die auch Handwerksjunior und Metallbauermeister Frank Berting vertrat: "Große Unternehmen haben es leichter als KMU, sich Gehör zu verschaffen.“ Das Europäische Parlament der Unternehmen versucht dies alle zwei Jahre umzudrehen.