DHZ-Interview "Die Politik des billigen Geldes ist gefährlich"

"Währungskrieg", "Handelskrieg" – eine martialische Rhetorik wählen Experten für die momentanen Abwertungswettläufe zwischen den Staaten. Im DHZ-Interview erklärt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, wer die Schuldigen sind und mit welchen Waffen gekämpft wird. Interview: Karin Birk

Jörg Krämer ist Chefvolkswirt der Commerzbank. Foto: Commerzbank

"Die Politik des billigen Geldes ist gefährlich"

DHZ: Herr Krämer, alle reden von einem Währungskrieg. Wer sind die Hauptbeteiligten?

Jörg Krämer: Da sind zum einen die Chinesen, die seit Jahren ihre Währung gegenüber dem Dollar künstlich drücken, um so ihre Exporte zu fördern. Da sind zum anderen die Japaner, die sich zuletzt gegen die Aufwertung ihrer eigenen Währung gestemmt haben. Da sind aber auch die Schweizer, die keinen zu starken Franken wollen. Und da sind vor allem die Amerikaner, die derzeit den Abwertungswettlauf verschärfen.

DHZ: Mit welchen Waffen wird gekämpft?

Krämer: Viele Länder versuchen, die eigene Währung zu schwächen. Sie greifen direkt in die Devisenmärkte ein oder drucken Geld. Dabei haben alle dasselbe Ziel. Sie wollen die eigene Währung schwächen, um sich so einen kurzfristigen Wettbewerbsvorteil zu sichern. Nehmen Sie die USA: Die wollen bald in großem Stil in einer zweiten Welle Staatsanleihen kaufen und so mehr Dollar in Umlauf bringen. Sie setzen auf einen schwachen Dollar, aus Sicht ausländischer Kunden verbilligt das die in den USA hergestellten Güter, so dass die USA mehr exportieren können.

DHZ: Die Amerikaner begründen ihren Schritt mit dem unfairen Verhalten der Chinesen?

Krämer: Das stimmt. Die Chinesen betreiben seit vielen Jahren eine Politik, die eigene Währung gegenüber dem Dollar künstlich niedrig zu halten. Selbst wenn die Chinesen wie zuletzt etwas aufwerten, dann geschieht das nur in homöopathischen Dosen, um die Amerikaner zu besänftigen. Die Chinesen werden noch lange dafür sorgen, dass der Yuan künstlich unterbewertet ist, um so ihre Exportwirtschaft anzukurbeln.

DHZ: Sehen Sie die Gefahr, dass der Konflikt eskalieren könnte? Dass es einen Abwertungswettlauf oder gar einen Handelskrieg geben könnte?

Krämer: Die unmittelbare Gefahr eines Handelskrieges sehe ich nicht. Die WTO-Regeln und die Verflechtung der internationalen Produktion sprechen dagegen. Nach den Regeln des Welthandelsabkommens können die Vereinigten Staaten nicht einfach Strafzölle auf chinesische Güter verhängen. Ganz abgesehen davon, dass sie damit auch Waren von US-Firmen träfen, die in China produzieren und exportieren wollen. Gleichwohl befürchte ich, dass sich hier und da Handelshemmnisse einschleichen werden. Solch eine schleichende Tendenz von Handelsbeschränkungen bringt für den Welthandel und eine Exportnation wie Deutschland nur Nachteile.

DHZ: Welches Risiko birgt die amerikanische Geldpolitik?

Krämer: Die Amerikaner bekämpfen die Folgen der Wirtschaftskrise mit einer Politik des billigen Geldes. Dabei war es diese Politik des billigen Geldes, die uns in die Finanz- und Wirtschaftskrise gestürzt hat. Sie hat in den USA, aber auch in Europa viele dazu verführt, sich zu hoch zu verschulden: Angefangen bei den amerikanischen Hausbauern über die Banken bis hin zu den Staaten. Eine erneute Politik des billigen Geldes ist gefährlich. Das Risiko ist, dass diese Politik abermals Verbraucher und Unternehmen dazu verleitet, sich zu hoch zu verschulden.

DHZ: Was sollten die Notenbanken stattdessen machen?

Krämer: Die amerikanische Notenbank sollte darauf verzichten, erneut Staatsanleihen aufzukaufen, den Dollar abzuwerten und ihre Wirtschaft so kurzfristig zu stützen. Die USA sollten akzeptieren, dass sich ihre Wirtschaft nur langsam von der Wirtschaftskrise erholt und dass es dafür Zeit braucht. Mit Abstrichen gilt das im Übrigen auch für die Europäische Zentralbank. Auch sie verfolgt eine Politik des billigen Geldes. Die Europäische Zentralbank sollte langsam beginnen, Liquidität aus dem Markt zu nehmen, wie sie es angekündigt hat.