Der japanische Fotograf Jun Ishikura hält das Handwerk der Schmiede in eindrucksvollen Bildern fest. Für ihn ist es mehr als nur ein Motiv: Schmiedekunst sieht er als Fundament von Geschichte, Zivilisation und Gesellschaft. Nach Stationen in Europa, Amerika und Asien soll 2026 Afrika folgen. Vor kurzem machte er Station in Mittelfranken.
Über 500 Schmiede hat Jun Ishikura in den vergangenen Jahren getroffen. In 27 Ländern. Heute sitzt der Fotograf aus Yokohama in der gemütlichen Küche von Kunstschmied Peter Brunner in Sperberslohe. Die beiden sind mittlerweile Freunde. Doch zum ersten Mal haben sie sich ursprünglich wegen Jun Ishikuras Leidenschaft für das Schmiedehandwerk gesehen.
Wie diese Passion begann? "2012 war ich im Urlaub in Estland. Dort wurde mir ein Schmied vorgestellt. Ich habe ihn in seiner Werkstatt besucht und fotografiert", erzählt der 52-Jährige – er war sofort fasziniert. Nicht nur das Visuelle, die starken Bilder, haben ihn angezogen, sondern das ganze Handwerk. "Ohne Schmiede gäbe es Kultur und Zivilisation, wie wir sie kennen, nicht. Eisen hat einen großen Beitrag zur Entwicklung der Menschheit geleistet. Diese Eisenkultur hat die Grundlage für Geschichte, Zivilisation und Gesellschaft gebildet", sagt er begeistert. "Schmiede waren es, die die Werkzeuge für Steinmetze, Schneider, Schreiner, Bauern und alle anderen herstellten. "
Erster Besuch in Deutschland bereits 2017
Seit seinem ersten Treffen mit einem Schmied in Estland reist er daher durch die Welt und fotografiert die "blacksmiths". Er war unter anderem schon in Finnland, Litauen, Polen, Lettland, Spanien, Frankreich, Italien, Österreich, der Türkei, Israel, Griechenland, Kroatien, Serbien, Bulgarien, aber auch Taiwan, Indonesien, Thailand, Nepal und den USA.
Ein Schmied in St. Petersburg, Russland, hat ihn dann 2017 zu Peter Brunner geschickt. "Ich wollte auch deutsche Schmiede kennenlernen", sagt Jun Ishikura. Da war er bei dem Sperbersloher, der auch das Schmiede-Festival "Hammer In" organisiert und selbst jahrelang auf Wanderschaft war, genau richtig: "Ich bin so eine Art Anlaufstelle für alle in der Community der Schmiede, die international unterwegs sind", erzählt Brunner lachend.
Fünf Tage wohnt Jun bei ihm und seiner Familie. "Ich möchte mich in meinem Projekt darauf konzentrieren, wie Kulturen und Berufe durch die Schmiede in der Gesellschaft überleben. Aber wie in anderen Berufen gibt es auch bei den Schmieden verschiedene Typen: Einige halten weiterhin an den ursprünglichen Traditionen fest, während andere begonnen haben, neue Technologien und Techniken zu übernehmen und sich an die Zeit anzupassen. "
Schmiedekunst erlebt Trendwende
In den USA beispielsweise, wo in den vergangenen zehn Jahren ein wahrer Schmiede-Boom stattfand, sind die Werkstätten oft sehr modern eingerichtet, zum Beispiel mit Induktionsessen. In Europa fasziniert ihn die Einbindung der Metallgestaltung in die Architektur. "Das sieht man in der Geschichte Japans eher selten", berichtet er.



Nach dem Zweiten Weltkrieg stand die Tradition der Schmiedekunst aber auch in Deutschland auf der Kippe. "Die Menschen mussten schnell bauen und billig. Da hatte niemand Zeit und Geld ein Gartentor bei einem Kunstschmied zu bestellen", berichtet Peter Brunner. Doch seit den 2000er-Jahren erlebt er eine Trendwende. "Kunden legen wieder Wert auf Qualität und wünschen sich nachhaltige und gestalterisch hochwertige Dinge anstatt Massenware", sagt er. Diesen Trend beobachtet auch Jun Ishikura in einigen Ländern, vor allem in Europa und den USA.
Gastfamilien ermöglichen geringe Kosten
Seine Fotomodels und die Kulturen, in denen sie leben, lernt der Fotograf kennen, indem er bei ihnen wohnt. "Ich schlafe nur selten in Hotels, sondern meistens in Gastfamilien", erklärt er. So kann er auch die Kosten gering halten, denn sein Projekt finanziert er zu großen Teilen selbst: "Manchmal lädt mich eine Schule oder ein Museum ein, manchmal bietet ein Event den Anlass zu einer neuen Tour, aber meistens spare ich und düse dann einfach wieder los."
Der Anlass für den aktuellen Besuch in Europa war beispielsweise die 12. Weltmeisterschaft der Schmiede Anfang September im Rahmen der Biennale d‘arte fabbrile im italienischen Stia. Sieben Wochen wird er diesmal unterwegs sein. Seine Route verlief von Griechenland über Bulgarien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Italien nach Deutschland. Von Sperberslohe geht es noch nach München und dann zurück in die Heimat nach Yokohama.
Bildband für Schmiedefreunde
Zum ersten Mal fotografiert er auf diesem Trip nicht nur Schmiede, sondern führt auch ein Journal, ein Tagebuch, in dem er seine Eindrücke festhält. Und wer weiß, vielleicht wird ja ein Buch daraus? Es gibt zwar bereits einen Fotoband – der seinen Schmiedefreunden vorbehalten ist – und manchmal macht er auch Ausstellungen mit seinen Bildern, doch seinen Lebensunterhalt verdient er damit nicht. "Die Miete bezahle ich mit Auftragsarbeiten für Unternehmen", sagt er.
Leidenschaft bringt viele Freundschaften ein
Als professioneller Fotograf ist er selbst Handwerker. In seinem Projekt kann er darüber hinaus seine künstlerische Ader ausleben. Er möchte die Menschen darstellen, aber auch die Schmiedekunst in den unterschiedlichen Kulturen. Zufrieden ist er dabei nie: "Ich habe immer das Gefühl, ich hätte es noch besser machen können, aber der Moment ist der Moment, in dem ich mein Bestes gebe."
Seine Leidenschaft hat ihm schon viele Freundschaften eingebracht. "In Bali gab es eine riesige Familie, in der alle Schmiede waren. Ihr Beruf war auch ihr Nachname. Einer von ihnen sprach Englisch und hat mich allen seinen Familienmitgliedern vorgestellt. Ich war dann auch in einem Hindu-Tempel beim Geburtstag seiner Frau dabei", erzählt er begeistert.
Mittlerweile ist er in den USA und Europa sogar schon richtig bekannt. Schmiede rufen ihn an und fragen, ob er nicht bei ihnen vorbeikommen möchte, um sie zu fotografieren. Sein Netzwerk ist groß, aber "ich will immer noch mehr Schmiede kennenlernen und freue mich über jeden Anruf oder Kontakt", versichert er.
Auch für 2026 hat er schon große Pläne. Denn dann startet er mit einem neuen Kontinent: Afrika. "Ich bin schon sehr gespannt", verrät er. Wann er wieder in Deutschland sein wird? "Wer weiß. Vielleicht melden sich ja ganz viele neue Schmiede zum Fotografieren bei mir", sagt er lachend. "Und natürlich wäre 2027 ja auch wieder ein 'Hammer In' in Franken", ergänzt Peter Brunner augenzwinkernd.
Wer Lust hat, Jun Ishikura in seine oder ihre Schmiede einzuladen, kann auch über die Dorfschmiede von Peter Brunner Kontakt aufnehmen.
