Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland nimmt zu – sowohl in der Gesamtwirtschaft als auch im Handwerk. Doch die Entwicklung verläuft je nach Branche unterschiedlich. Steffen Müller vom IWH in Halle erklärt, warum die Insolvenzen derzeit steigen und wie Fachleute die Lage einschätzen.

Die Insolvenzzahlen der deutschen Wirtschaft kennen im Moment nur einen Weg: nach oben. 21.812 Unternehmen gingen in Deutschland im vergangenen Jahr insolvent, so das Statistische Bundesamt. Das ist eine Zunahme um 22,4 Prozent. "Es ist eine deutlich erhöhte Aktivität zu sehen", bestätigt Prof. Steffen Müller, Leiter der Insolvenzforschung am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), "die Gruppe der Personen- und Kapitalgesellschaften ist in den vergangenen beiden Jahren sehr steil angestiegen." Im Gegensatz dazu habe sich die Zahl der Insolvenzen bei Kleinstunternehmen kaum erhöht, so der Insolvenzforscher.
In die Kategorie der Personen- und Kapitalgesellschaften fielen etwa 90 Prozent der von Insolvenz betroffenen Arbeitsplätze und 95 Prozent der Forderungen. Zu dieser Gruppe gehören in erster Linie Handwerksunternehmen in der Rechtsform einer OHG, KG oder GmbH.
Wegen der Relevanz dieser Gruppe für die Gesamtwirtschaft, was Arbeitsplätze und Unternehmensgröße angeht, erlebe das Land daher eine Insolvenzsituation wie zuletzt zur Finanzkrise im Jahr 2009. Generell träfen Insolvenzen in erster Linie kleine und junge Unternehmen. "Das war schon immer so", sagt Prof. Müller.
Handwerksinsolvenzen auf höchstem Stand seit 2016
Schaut man auf die Zahlen nur für das Handwerk, so sind im vergangenen Jahr 4.350 Handwerksunternehmen in Insolvenz gegangen. Das ist laut Wirtschaftsauskunftei Creditreform der höchste Wert seit 2016. Gegenüber dem Vorjahr entspricht das einem Anstieg von 18,9 Prozent.
Rückblick: Mit dem zweiten Lockdown inmitten der Pandemie vor bald fünf Jahren fürchteten nicht wenige Menschen, dass über Deutschland eine Insolvenzwelle hereinbrechen könnte. Die Bundesregierung wollte damals mit dem Aussetzen der Insolvenzantragspflicht den durch die Corona-Krise entstandenen wirtschaftlichen Druck auf betroffene Unternehmen reduzieren.
Doch nach der Corona-Krise war vor der Energiekrise, dem Ukraine-Krieg und der Wirtschaftskrise. Seit 2022 steigt die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland nun wieder. "Insolvenz ist furchtbar für die Betroffenen. Aber wir haben – was die Menge an Insolvenzen angeht – noch keine Situation erreicht, in der wir uns Sorgen machen müssen", ordnet Prof. Steffen Müller die aktuelle Lage in Deutschland ein. "Reihenweise Ansteckungseffekte oder Ähnliches sehe ich nicht." Das gebe es im Einzelfall, wenn Unternehmen durch die Insolvenz eines Geschäftspartners selbst in Schwierigkeiten geraten würden. "Aber das ist im Moment kein verbreitetes Phänomen."
So schätzen einzelne Branchen die Lage ein
"Wir nehmen in einzelnen Branchen vermehrt Anfragen wahr", berichtet Carsten Buderer, Leiter des Geschäftsbereichs Recht und Berufsbildung der Handwerkskammer Karlsruhe. Besonders betroffen sind das Metallhandwerk und das Handwerk für den gewerblichen Bedarf mit einem Anstieg um 38,9 Prozent. Der Bundesverband Metall räumt ein, dass die Branche von aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen nicht unberührt sei, jedoch drei Viertel aller Betriebe ihre Geschäftslage weiterhin positiv einschätzten. Eine Entwicklung, die sich mit den Erfahrungen von Carsten Buderer deckt: "Metallverarbeitende Berufe scheinen derzeit anfälliger zu sein als andere Berufsgruppen."
Auch im Bau- und Ausbauhandwerk steigen die Insolvenzen. "Im Maler- und Lackiererhandwerk beobachten wir derzeit einen Anstieg der Insolvenzen. In absoluten Zahlen gemessen bewegen wir uns jedoch auf einem insgesamt sehr niedrigen Niveau. Weniger als ein Prozent unserer Betriebe ist davon betroffen", ordnet Mathias Bucksteeg, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Farbe Gestaltung Bautenschutz die Insolvenzlage für das Maler- und Lackiererhandwerk ein. Das Ausbaugewerbe liegt mit einem Plus von 21,8 Prozent genauso über dem Durchschnitt wie personenbezogene Dienstleistungen (plus 20,2 Prozent). Knapp darunter platziert sich nach Angaben von Creditreform das Bauhandwerk mit plus 18 Prozent. "Dennoch liegen die aktuellen Zahlen weit unter den drastisch hohen Werten zu Beginn des Jahrtausends, als die Insolvenzen in der Bauwirtschaft während des Krisenzyklus von 1995 bis 2005 jährlich bei rund 5.000 lagen", sagt Felix Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des Zentralverbands des Deutschen Baugewerbes (ZDB). Einzig im Nahrungsmittelhandwerk sind die Insolvenzzahlen rückläufig (minus 11,8 Prozent), so Creditreform.
Man erwarte dieses Jahr erneut steigende Insolvenzen im Handwerk, sagte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Auch Prof. Müller vom IWH rechnet nicht mit einem Rückgang der Insolvenzzahlen für die Gesamtwirtschaft. "Wir erwarten, dass die Insolvenzen in den nächsten Monaten auf dem hohen Niveau der vergangenen Monate verharren, aber erstmal nicht weiter ansteigen." Ob der Scheitelpunkt erreicht sei, könne man noch nicht sagen.
"Keine existenzgefährdende Welle"
Mit Blick auf vergangene Jahre zeigen die Insolvenzstatistiken für die Gesamtwirtschaft, dass die Unternehmensinsolvenzen 2016 (21.518) und 2017 (20.093) in etwa das Niveau von 2024 hatten. 2003 und 2004 lag die Zahl der Unternehmensinsolvenzen jedoch deutlich höher. 39.320 und 39.213 Unternehmensinsolvenzen in der Gesamtwirtschaft stellte das Statistische Bundesamt damals fest.
Schaut man nur auf die Insolvenzen der Personen- und Kapitalgesellschaften, ergibt sich folgendes Bild: In dieser Gruppe wurden im vergangenen Jahr 15.904 Insolvenzen gezählt. Das sind 72,91 Prozent der Unternehmensinsolvenzen insgesamt. Damit liegen die Insolvenzen von Personen- und Kapitalgesellschaften über dem Vor-Corona-Niveau. Die Zunahme innerhalb der Gruppe beträgt gegenüber 2023 29,42 Prozent. "Wenn nach knapp 15 Jahren wieder ein Höchststand erreicht wird, ist das eine besondere Situation. Darauf sollte man aufmerksam sein, aber es ist keine existenzgefährdende Welle", so die Einordnung von Prof. Steffen Müller.
Dass die Insolvenzzahlen gerade steigen, dafür macht er zwei Aspekte verantwortlich: die aktuelle Krise und Nachholeffekte. Klar ist, in Phasen wirtschaftlicher Krisen oder stark steigender Kosten gibt es immer mehr Insolvenzen. Hinzukommt "sowohl die staatlichen Fördermaßnahmen für die Pandemie als auch die langfristige Niedrigzinsphase der EZB sind 2022 zu Ende gegangen. Seitdem steigen die Insolvenzzahlen", sagt der Experte.
Sonder- und Nachholeffekte nach der Corona-Pandemie
Vor der Pandemie sanken die Insolvenzzahlen in der Gesamtwirtschaft Jahr für Jahr. 2019 lag die Zahl bei 18.749. Während der Pandemie ist sie durch Förder- und Unterstützungsmaßnahmen wie Kurzarbeitergeld und Aussetzung der Insolvenzantragspflicht nochmals deutlich gesunken: im zweiten Pandemiejahr 2021 auf 13.993 Insolvenzen. "Das waren Sondereffekte, durch die Insolvenzen auch aufgeschoben wurden."
Hinzu kommen die vielen Jahre der Nullzinspolitik der EZB. Weil Geld fast nichts kostete, konnten sich schwache Unternehmen trotzdem über Wasser halten. Dann stiegen in den Ausläufern der Pandemie ab 2022 wieder die Zinsen. Sie erhöhten sich schnell in kurzer und auch noch wirtschaftlich schwieriger Zeit. "Die Unternehmensrefinanzierung ist damit viel teurer geworden. Vor allem für hoch verschuldete Unternehmen ist das oft der Todesstoß. Das ist ein Nachholeffekt, der nicht zu unterschätzen ist."
Deutschland habe jedoch kein Problem mit Zombiefirmen, stellt Prof. Steffen Müller klar. Als Zombies gelten Unternehmen, die beispielsweise nur aufgrund der Niedrigzinsen noch überleben konnten. Diese Quote sei in Spanien, Griechenland oder Italien viel höher. In Südeuropa würden bisweilen – egal wie hoch die Zinsen sind – auch völlig überschuldete Firmen am Markt gehalten, zum Beispiel weil Banken keine Verluste realisieren wollten und deshalb immer weiter Kredite gewährten.
Das Problem liegt oft in der eigenen Buchhaltung
Insolvente Handwerksbetriebe gehören zu den Mandaten von Dr. Markus Schuster, Rechtsanwalt und Insolvenzverwalter der Rechtsanwaltskanzlei Schultze & Braun. Er sieht bei diesen Verfahren, dass die Gründe für eine Insolvenz nur selten aus dem operativen Geschäft resultierten. "Die Betriebe, die zu uns kommen, haben in der Regel steuer- oder sozialversicherungsrechtliche Probleme", so seine Erfahrung. Ausgenommen von dieser Aussage sei derzeit allerdings die Baubranche.
Dass Unternehmen mit Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen im Rückstand sind, läge in den allermeisten Fällen an der eigenen Buchhaltung: zu spät gestellte Rechnungen, kein ordnungsgemäßes Debitoren- und Forderungsmanagement. Hohe Außenstände bedrohten dann irgendwann die Existenz des Betriebes. "Das baut sich wie eine Bugwelle auf. Die Betriebe schieben sie vor sich her, bis sie sie nicht mehr bewältigen können", weiß der Rechtsanwalt. Hinzu komme, dass das Arbeitspensum vieler Betriebsinhaber sehr hoch sei, da die Auftragsbücher immer noch voll sind, es aber an ausreichend qualifiziertem Personal fehle und gleichzeitig die Zahl der Krankmeldungen unter den Mitarbeitern steige. "Das hören wir immer wieder", sagt Schuster.
Viele seiner Mandanten sind Selbstständige in der Rechtsform einer Personengesellschaft. Da sie grundsätzlich nicht verpflichtet sind, einen Insolvenzantrag zu stellen, würden meistens Fremdanträge gestellt – von Gläubigern, dem Finanzamt oder Sozialversicherungsträgern.
Marktaustritt durch "stilles Sterben"
Dabei ist Insolvenz nur ein Weg, um einen Betrieb für immer zu schließen. "Die allermeisten Unternehmen verlassen den Markt ohne Insolvenz. Das sind Hunderttausende pro Jahr", sagt Prof. Steffen Müller. Sie tauchen in der Insolvenzstatistik nicht auf – auch weil ein Marktaustritt ohne Insolvenz kein Scheitern sein muss. "Es gibt viele Gründe, warum ein Unternehmen ohne Insolvenz aus dem Markt austritt." Beispielsweise könnte ein junges Unternehmen von vornherein nur als einjähriges Projekt geplant gewesen sein. Oder ein junger Gründer orientiert sich neu, hat eine bessere Geschäftsidee oder einen besseren Job.
Man spricht in diesem Zusammenhang auch vom "stillen Sterben". Im Hinblick auf Handwerksbetriebe sieht der Zentralverband des Deutschen Handwerks die Entwicklung mit Sorge. Nicht wenige Betriebsinhaber würden sich dazu entscheiden, ihre eigentlich solventen Betriebe zu schließen. Denn oft stelle sich die Frage, ob sich der Aufwand überhaupt noch lohne angesichts steigender Kosten und Belastungen durch Bürokratie, Steuern und Abgaben. Viele Handwerker finden aber auch keinen Nachfolger mehr. Dieses "stille Sterben" führe zum Verlust von Arbeitsplätzen. Ein Teil der schätzungsweise 80.000 Arbeitsplätze, die im vergangenen Jahr im Handwerk verloren gingen, sei auf diese Entwicklung zurückzuführen, so der ZDH.