Wulst für Wulst statt Stein auf Stein 3D-Druck: Die neue Dimension des Bauens

Im schwäbischen Wallenhausen ziehen bald die ersten Mieter in ein Wohnhaus ein, das als größtes 3D-Druck-Gebäude Europas gilt. Derweil plant das ausführende Bauunternehmen Rupp schon die nächsten Projekte.

3D-Portaldrucker
Druckerdüse statt Maurerkelle: Der 3D-Druck wird das Bauen revolutionieren, glaubt Maurermeister Fabian Rupp. - © Peri

Die Außenwände erinnern ein wenig an ein Waschbrett. Kein Putz, stattdessen verleihen horizontale Betonwülste der Gebäudehülle einen ungewohnten Anblick. Die Fassade bleibt das Erkennungsmerkmal des ersten Mehrfamilienhauses, das europaweit im 3D-Druck entstand.

Im Juni sollen im Weißenhorner Ortsteil Wallenhausen die ersten Mieter einziehen. Für den Baubetrieb Rupp aus dem benachbarten Pfaffenhofen geht so langsam das wohl spannendste Projekt in der gut 25-jährigen Geschichte des Familienunternehmens zu Ende. „In vielen Details haben wir den Hausbau neu erfinden müssen. Jetzt sind wir glücklich, dass es fertig ist“, gesteht Juniorchef Fa­bian Rupp. Der Maurermeister sieht im 3D-Druck eine Zukunftstechnologie, die nicht nur Zeit und Kosten spart, sondern gerade für geometrisch anspruchsvolle Gebäude ganz neue Möglichkeiten eröffnet. „Da können die Architekten ihrer Phantasie freien Lauf lassen“, betont Rupp. Gleichzeitig werde das Image der Branche gehörig aufpoliert, wenn die Digitalisierung der Baustellen voranschreitet.

Maurer als Beruf wird attraktiver

Der Portaldrucker des dänischen Herstellers Cobot, der in Wallhausen zum Einsatz kam, gilt als schnellster seiner Art. Für einen Quadratmeter doppelschalige Wand benötigt er rund fünf Minuten. So lässt sich in 25 Stunden ein ganzes Stockwerk hochziehen, während zwei Mitarbeiter die Technik bedienen. In Ziegelbauweise wären vier bis fünf Maurer damit fast eine Woche beschäftigt. Fabian Rupp erhofft sich von der Technik aber auch mehr Attraktivität für den Maurerberuf. Das würde dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Um den 3D-Betondruck in die Ausbildung zu integrieren, sucht er das Gespräch mit der Handwerkskammer für Schwaben und wirbt in der Innung für die Technologie.

Beim Bau des ersten gedruckten Mehrfamilienhauses im Landkreis Neu-Ulm kooperierte Rupp mit dem in Weißenhorn beheimateten Unternehmen Peri. Der Gerüst- und Schalungsspezialist ist seit 2018 an Cobot beteiligt und Vertriebspartner für den europäischen Markt.

Bereits im September vergangenen Jahres hat Peri im nordrhein-westfälischen Beckum ein Einfamilienhaus mit dem Cobot-Portaldrucker vom Typ BOD2 gebaut. Dabei bewegt sich der Druckkopf in drei Achsen auf Laufschienen, die von Metallsäulen getragen werden, über dem Baufeld. „Der Vorteil: Der Drucker kann sich in seinem Rahmen an jede Position innerhalb der Konstruktion bewegen und muss nur einmal kalibriert werden“, erklärt Fabian Meyer-Brötz, Leiter 3D Construction Printing bei Peri. Beim Druck werden bereits Hohlräume für die Leitungen und Anschlüsse für Wasser oder Strom ausgespart. Der BOD2 sei zudem so zertifiziert, dass Installateure schon während des Druckvorgangs manuelle Arbeiten ausführen können, was den Bau zusätzlich beschleunigt.

Befüllt wird der Drucker nicht mit herkömmlichem Beton, sondern mit einem von Heidelberg Cement entwickeltem Baustoff namens „i.tech 3D“. Rund 170 Tonnen des neuartigen Materials lieferte der weltgrößte Hersteller von Zement, Zuschlagstoffen und Transportbeton ins schwäbische Wallenhausen. „Unser i.tech 3D ist gut pumpbar und lässt sich leicht durch die Düse des Druckers pressen“, sagt Jennifer Scheydt, Leiterin Engineering und Innovation bei Heidelberg Cement.

Tochterunternehmen für Gebäudedruck

Maurermeister Fabian Rupp (l.) und sein Bruder Sebastian, der im Herbst 2021 Bauingenieurwesen studieren möchte, führen das Tochter-Unternehmen für Gebäudedruck. gegründet. - © Rupp

„Um einen reibungslosen Druckvorgang zu gewährleisten, haben wir das Verhältnis von Wasser und Zement ständig überwacht“, betont Maurermeister Fabian Rupp. Für ihn und seine Mitarbeiter war der 3D-Druck des Mehrfamilienhauses auch ein Lernprozess. Zusammen mit seinem großen Bruder Sebastian, einem ausgebildeten Bankkaufmann, will Fabian Rupp das gewonnene Know-How in einem Tochterunternehmen für Gebäudedruck bündeln. Dafür planen die Brüder, noch in diesem Jahr in einen eigenen 3D-Portaldrucker zu investieren. Mit ihm soll dann 2022 unter anderem die Eingangshalle für den neuen Firmensitz der Rupp-Gruppe gedruckt werden. Das Interesse an der Technologie sei insgesamt riesig. Fabian Rupp berichtet von Nachfragen aus der ganzen Welt, besonders viele stammen aus Afrika. In Marokko soll eine komplett neue Stadt mit 5.000 Häusern im 3D-Druck entstehen.

Von solchen Phantasien will sich Fabian Rupp aber nicht blenden lassen. „Wir konzentrieren uns zunächst auf den süddeutschen Raum“, sagt der Maurermeister, der lieber auf ein gesundes Wachstum setzt. Eine seiner Erwartungen hat sich bereits bestätigt: Während der Bauphase konnte Rupp vier neue Mitarbeiter gewinnen, die dank der Technologie auf das Unternehmen aufmerksam geworden sind.