Wiedervereinigung 35 Jahre Mauerfall: Handwerker zwischen Stolz und Ernüchterung

Gut drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall und ihrem Sprung in die Selbstständigkeit im neuen Wirtschaftssystem sehen viele ostdeutsche Handwerker ihre Lage mit gemischten Gefühlen. Trotz ihrer Erfolge sehen sie keinen Grund zum Feiern. Einblicke in die Werdegänge eines Tischlers, eines Friseurs und eines Steinmetzes – und warum ihr Fazit zur Wiedervereinigung eher trüb ausfällt.

Grenzöffnung 1989 in Ungarn
Historischer Moment: Am 27. Juni 1989 durchtrennen die damaligen Außenminister von Österreich und Ungarn den Grenzzaun. Damit leiten Alois Mock (li.) und Gyula Horn (re.) das Ende des Eisernen Vorhangs ein. - © picture-alliance/dpa | Robert Jaeger

Als Peter Hermsdorf im September 1989 mit der Meisterschule begann, da stand noch Staatsbürgerkunde auf dem Lehrplan. "Wir sind gerade bis zum Kapitalismus gekommen, dann war Schluss mit dem Politunterricht. Am Ende der Ausbildung waren wir die erste Meisterklasse, die nach Weststandard ge­prüft wurde", berichtet der Tischlermeister aus Naundorf bei Freiberg in Mittelsachsen.

Eigentlich wäre er lieber Förster ge­­worden. Aber für einen Studienplatz wäre es von großem Vorteil gewesen, in die Staatspartei SED einzutreten. Und das kam auf keinen Fall in Frage, war doch sein Vater von eben jenem Staat 1972 enteignet worden. Nach der Wende konnte die Familie ihren ehemaligen Baubetrieb zurückkaufen. Hier startete Peter Hermsdorf in die Selbstständigkeit.

Aufbruch in die freie Marktwirtschaft

Hermsdorf gehört zu jener Schar von Handwerkern, die nach dem Mauerfall und dem Ende der DDR als Unternehmer in die freie Marktwirtschaft aufbrachen. Viele der Gründer der frühen 1990er-Jahre in Ostdeutschland hegten schon länger den Wunsch, einen eigenen Betrieb zu führen. Aber die Obrigkeit im sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat duldete so gut wie keine privaten Unternehmen.

Tischlermeister Peter Hermsdorf
Tischlermeister Peter Hermsdorf. - © privat

Das bekam auch Friseurmeister Jens Koegel zu spüren, der heute in Halle an der Saale ein Geschäft in dritter Generation führt. "In der DDR hätte ich warten müssen, bis meine Mutter in Rente geht, ehe ich ihren Salon hätte übernehmen dürfen. Mein eigenes Unternehmen zu gründen, dafür habe ich keine Erlaubnis erhalten." Im Sommer 1989, als sich in Ungarn der Eiserne Vorhang lüftete, nutzte Koegel die Gelegenheit, um abzuhauen. Ein Jahr lang arbeitete er in der Oberpfalz als Salon­leiter, dann kehrte er zurück und verwirklichte seinen Traum vom eigenen Unternehmen.

Die Wirren der Wende begleiteten auch Andreas Kühn während der Arbeit an seinem Meisterstück im September 1989. "Wir hingen ständig vor dem Radio, um nichts zu verpassen. Da war es schwierig, sich auf das Meisterstück zu konzentrieren", blickt der Steinmetzmeister zurück. Gemeinsam mit seiner Frau, einer Steinmetzgesellin, und zwei kleinen Kindern war er von Jena ins ostthüringische Löhma ge­zogen, um auf dem Land Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Arbeit gab es für den 1990 gegründeten Be­­trieb reichlich: "In der DDR waren viele Kulturdenkmäler vernachlässigt worden. Es herrschte eine richtige Gründerzeit."

Nach dem Mauerfall beruflich erfolgreich

Gut drei Jahrzehnte später haben sich viele der Anfang der 1990er-Jahre gegründeten Handwerksbetriebe am Markt etabliert und ihre Inhaber können stolz auf ihre Lebensleistungen zurückblicken. Tischlermeister Peter Hermsdorf hat 1997/98 einen neuen Firmensitz gebaut und den Maschinenpark modernisiert. Seit 20 Jahren ist er Vorsitzender des Sachverständigenwesens im sächsischen Tischlerhandwerk und seit 16 Jahren Obermeister der Tischlerinnung Freiberg. Wenn heute Besucher in Freiberg das älteste Stadttheater der Welt betreten, gehen sie durch eine Tür, die Denkmalschutz mit modernster Sicherheitstechnik vereint, gebaut von der Tischlerei Hermsdorf.

Friseurmeister Jens Koegel
Friseurmeister Jens Koegel. - © privat

Steinmetzmeister Andreas Kühn hat nach der Jahrtausendwende ebenfalls ein neues Werkstattgebäude er­­richtet und sich einige Jahre als Obermeister der Steinmetzinnung Ostthüringen engagiert. 2007 konzipierte er für die Bundesgartenschau in Gera den Auftritt seiner Berufskollegen.

Friseurmeister Jens Koegel wurde 2018 als bester Arbeitgeber Sachsen-­Anhalts ausgezeichnet. 2016 erhielt sein Unternehmen den in der Branche angesehenen Top-­Salon-Award. Seine Söhne Paul und Marius haben 2017 und 2019 bei den Weltmeisterschaften der Friseure in Paris jeweils Gold gewonnen.

Bilanzen, die sich sehen lassen können und die stellvertretend für viele andere Handwerksbetriebe in Ostdeutschland stehen. Trotzdem ist keinem der drei Handwerksmeister und Betriebsinhaber 35 Jahre nach dem Mauerfall zum Feiern zumute.

Viel Kritik an den politischen Entscheidungsträgern

Peter Hermsdorf sieht die ostdeutsche Wirtschaft 35 Jahre nach dem Mauerfall immer noch als verlängerte Werkbank des Westens. Aber er kritisiert auch die eigene Landesregierung. Nach der Wahl vor fünf Jahren sei die dringend notwendige Reform des sächsischen Vergabegesetzes versprochen worden. "Aber passiert ist viel zu wenig. Immer noch kommen Betriebe, die ihre Mitarbeiter mit dem Mindestlohn abspeisen, an öffentliche Aufträge, während Unternehmer, die ordentliche Löhne zahlen, den Kürzeren ziehen", wettert der Tischlermeister.

Steinmetzmeister Andreas Kühn
Steinmetzmeister Andreas Kühn. - © privat

Die blühenden Landschaften, die Einheitskanzler Helmut Kohl einst den Ostdeutschen versprochen hat, sucht auch Jens Koegel vergebens. Der Friseurmeister beklagt vor allem die politischen Rahmenbedingungen. Noch gelingt es ihm, mit einem attraktiven Arbeitsklima, Fachkräfte zu gewinnen. Zum neuen Lehrjahr haben vier Auszubildende bei ihm begonnen. Aber die Stimmung in der Branche sei bedrückend. Für Friseure werde es immer schwieriger, auskömmliche Preise bei der Kundschaft durchzusetzen.

Derweil sorgt sich Steinmetzmeister Andreas Kühn generell um die Zukunft. "Es macht mich als Christ, Familienvater und Opa traurig, wie die friedliche Entwicklung in Europa gerade aufs Spiel gesetzt wird. Ich wünsche mir mehr Diplomatie und die Einhaltung des Versprechens: keine Waffen in Kriegsgebiete", sagt Kühn. Trotzdem ist er froh, dass er die Wende erleben durfte. Aber die Erfahrungen und Fertigkeiten der DDR-Bürger seien bei der deutschen Wiedervereinigung zu wenig beachtet worden.

Tischlermeister Peter Hermsdorf sieht das ähnlich. Befragt danach, ob die deutsche Einheit gelungen sei, kommt von ihm ein klares Nein.