Führungskultur Noch keine 30, weiblich, Chefin im Metallbau

Johanna Börgel ist alles andere als eine gewöhnliche Handwerkerin. Die junge Frau hat den Metallbaubetrieb von ihrer Mutter übernommen. Wie sie das Unternehmen zukunftsfähig macht und was Roboter und grüner Stahl damit zu tun haben.

Echte Handarbeit. Das verschnörkelte Geländer wurde in den 1970er Jahren vom Gründer selbst gebaut. - © privat

"Das hier hat mein Opa noch selbst gemacht", sagt sie und zeigt auf das verschnörkelte Geländer der Wendeltreppe im Eingangsbereich. Sichtlich stolz auf den traditionsreichen Betrieb führt Johanna Börgel durch die Eingangstür hinein in das Verwaltungsgebäude ihres Unternehmens, der Laumann GmbH & Co. KG. Der braune Pony fällt ihr leicht über die grün-blauen Augen, den dicken, blauen Mantel wird sie nicht ausziehen, es ist kalt in den Räumen und ruhig. Es sind Betriebsferien. Eine der vielen Neuerungen, seit Börgel das Ruder übernommen hat: Brückentage sind nun Betriebsferien. Die Maschinen stehen still im Industriegebiet von Hörstel, dem kleinen, verschlafenen Dorf im Münsterland.

"Hier sitzt eigentlich die Sekretärin und das war der Fahrradladen meiner Oma". Sie zeigt auf einen großen, hellen Raum mit Fensterfront zur Straße. Ein langer Tisch mit vielen Stühlen dominiert den Raum, an einen Fahrradladen erinnert hier nichts mehr.

Seit der Renovierung 2015 dient der "Showroom" wie sie ihn nennen für Besprechungen. Seltener wird den Kunden der Stahl präsentiert: rostfreier Edelstahl, Cortenstahl, gebürsteter oder geschliffener Stahl, unbearbeiteter Stahl. Vor allem Privatkunden können an den Wänden des Showrooms die einzigartigen Eigenschaften und die Vielfältigkeit des Materials bestaunen und entscheiden, welcher der geeignete für ihre Treppen, ihren Zaun oder ihr Geländer ist.

Die meisten Kunden kommen allerdings selbst aus dem Maschinen- und Anlagenbau: dem Landmaschinenbau, der Fördertechnik oder dem Fahrzeugbau. Sie wissen also, wie Stahl aussieht, wenn sie mit ihren Anliegen zu Börgel kommen. Sie bestellen dort unterschiedlichste Metall- und Blechkomponenten für den Maschinen- und Anlagenbau oder Konstruktionen wie Treppen, Geländer und Handläufe für den Gewerbebau.

"Investitionen in Grün standen bisher immer hinten an"

Über dem "Showroom", die Wendeltreppe hoch in den ersten Stock, befindet sich ein Teil der Büros. Ein schmaler Flur, vorbei an Türen aus Milchglas und Kunst aus Stahl. Am Ende des Flurs, die letzte Tür: "Hier müssen wir uns einmal durchschlängeln". Um in ihr Büro zu gelangen, schiebt sich Börgel durch den schmalen Schlitz zwischen Türrahmen und Tür. Seit kurzem sei die Tür kaputt. Eine kaputte Tür in einem Handwerksbetrieb. Doch sie nimmt es mit Humor. Wohl auch, weil gerade niemand da wäre, der sich darum kümmern könnte.

In diesem unscheinbaren Raum plant Börgel ihre Strategie für die kommenden Jahre. Die vorherrschenden Farben sind grau, weiß und schwarz. Edelstahl ist auch hier das dominierende Material. Eine Investition in neue Büromöbel komme nicht infrage: "ich würde immer eher in andere Dinge investieren, als mir neue Büromöbel zu besorgen". Beispielsweise in neue Roboter oder Photovoltaik-Anlagen. "Investitionen in "Grün" standen bisher immer hinten an", fährt sie fort, aber erste Photovoltaik-Anlagen sollen bald kommen.

Dabei sieht Börgel weniger das Problem in der klimaneutralen Verarbeitung: "Den Energiebedarf aus Regenerativen zu decken wäre möglich, das Problem liegt im benötigten Material: dem Stahl". Die Kunden seien bisher nicht bereit, mehr Geld für nachhaltige Materialien auszugeben. Dieser Widerstand gegen höhere Kosten für grünen Stahl ist eine der Realitäten, mit der Börgel in ihrer Branche konfrontiert ist. Dennoch ist sie entschlossen, das Familienunternehmen in die Zukunft zu führen.

Verantwortlich für den neuen Kurs im Unternehmen: Geschäftsführerin Johanna Börgel. Sie folgt ihrer Mutter in dritter Generation. - © privat

Generationswechsel und strategische Neuausrichtung

Als Börgel 2019 in den Betrieb ihrer Mutter einsteigt, damals als angestellte Controllerin, wird schnell klar: Sie will mitgestalten. Nicht nur dabei sein. Sie will anpacken und das Unternehmen nach vorne bringen.

Bald wird sie allein in dritter Generation den Betrieb leiten. Noch kommt ihre Mutter dreimal die Woche im Büro vorbei. Das soll sich im Jahr 2025 ändern. Dann will sich Börgel Senior ganz aus dem Unternehmen zurückziehen und ihrer Tochter das Ruder übergeben, wie es ihr Vater wiederum 2003 mit ihr gemacht hat. Damals war der Betrieb noch halb so groß, die Hallen, die Roboter, einen Großteil der Belegschaft: das gab es alles noch nicht.

Börgel ist sichtlich stolz auf das Vermächtnis ihrer Mutter: "Vorher war’s ja eine kleine Bude". Ihre Mutter habe strategische Entscheidungen getroffen, immer wieder Land dazu gekauft, um auch während schwierigerer wirtschaftlicher Lagen handlungsfähig zu bleiben. Die Strategie habe sich ausgezahlt. Und trotzdem: es sei Zeit für eine neue Generation, mit einer neuen strategischen Ausrichtung. Der Fokus liegt nun auf der Serienproduktion, insbesondere dem Bau von Landmaschinenzubehör. Die Bauschlosserei, für die Laumann in der Region bekannt ist, soll aber bestehen bleiben. "Das Wichtigste bleibt, dass die Qualität zu jeder Zeit gesichert ist."

Die Laumann GmbH & Co. KG ist bereit für die Zukunft. Die orangefarbenen Roboter unterstützen ihre Kollegen beim Schweißen der Schweißbaugruppen. - © privat

Für die Zukunft gut aufgestellt

Der Weg durch die Hallen, in denen neben den neuen Robotern für gewöhnlich um die 60 Mitarbeitende arbeiten, eine Szenerie, die normalerweise von Lärm erfüllt ist. Ein Ohropax-Behälter am Eingang zeugt davon. Doch während der Betriebsferien herrscht Stille. Der Gang durch die Hallen offenbart die Größe der Maschinen, die hier gefertigt werden: Bauteile mit bis zu 20 Meter Länge und Stückgewichten von bis zu 15 Tonnen können hier erstellt werden. Das stete Zischen und Knarzen lässt die Kräfte, die hier sonst durchgehend am Werk sind, erahnen. Als Teil der neuen strategischen Ausrichtung wurde vermehrt in Robotik investiert. Dies habe die Effizienz gesteigert und die Produktionsprozesse revolutioniert. Die drei Schweißroboter übernehmen dabei Schweißarbeiten für Schweißbaugruppen und arbeiten Hand in Hand mit den Fachkräften, um Präzision und Qualität sicherzustellen. Und nebenher kann so langfristig dem Fachkräftemangel die Stirn geboten werden. Meilensteine, die auch einen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Branche leisten können.

Mit Johanna Börgel kommt nicht nur frischer Wind ins Unternehmen, sondern auch ein großes Umstrukturierungsprogramm. Sie hat die Strategie und Ausrichtung auf den Prüfstand gestellt, ein neues Auszubildendenprogramm entwickelt und das gesamte Organigramm überarbeitet. Es wurde eine neue Führungsebene implementiert. Die "Geschäftsleitungsjungs", wie Börgel sie nennt, haben jeweils eigene Abteilungen und Teams unter sich. Von der Qualitätssicherung, über das Personalmanagement, hin zur Werkstattleitung. Die Mitarbeitenden hätten nun klare Strukturen und wüssten immer, an wen sie sich zu wenden haben. Dass die Mitarbeitenden da so gut mitziehen, sei alles andere als selbstverständlich. Aber: der neue Kurs sei durchweg positiv aufgefasst worden. Aber auch nach Ende des Umstrukturierungsprogramms stehen weiterhin Änderungen auf dem Plan, so ist aktuell eine Bachelorarbeit zum Thema "Arbeitszeitmodelle der Zukunft" ausgeschrieben.

Im eindrucksvollen Ambiente der Werkshallen, umgeben von gespenstisch ruhigen Maschinen, löscht Johanna Börgel zufrieden das Licht: "Wir wollen ein Familienunternehmen bleiben. Was das genau bedeutet, steht noch aus. Ich möchte aber weiterhin durch den Betrieb laufen können und möglichst alle mit Namen ansprechen können. Es sollen alle mein Gesicht noch kennen" betont Johanna Börgel. Genauso, wie ihr Großvater einst mit persönlichem Einsatz die beeindruckende Wendeltreppe schuf, will sie die Traditionen bewahren und zugleich innovativ in die Zukunft führen.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.