Aus Fehlern lernen 3 Unternehmer über ihre größten Fehler

Fehler und Rückschläge gehören zum Alltag der Selbstständigkeit – doch gerade daraus lassen sich oft die besten Lehren ziehen. Drei Handwerksunternehmer berichten von ihren größten Fehltritten und wie sie letztlich daran wachsen konnten.

Fehler gehören zum Unternehmer-Alltag – doch aus ihnen lässt sich am besten lernen. Drei Selbstständige berichten von ihren größten Fehltritten. - © Nuthawut - stock.adobe.com

Walter Stuber, Geschäftsführer eines Gerüstbaubetriebs: "Wir wussten gar nicht, warum wir alle Aufträge bekommen haben"

Seit mehr als drei Jahrzehnten ist Walter Stuber in leitender Funktion im Gerüstbau tätig. Fehler machte er dabei viele – entsprechend viele Lehren zog er daraus, wie er bei der Fails Night in Düsseldorf offen mitteilte. - © Screenshot YouTube: "Fails Nights - Scheitern. Lernen. Wachsen"

Walter Stuber ist seit 24 Jahren geschäftsführender Gesellschafter bei der Gemeinhardt Service GmbH Spezial-Gerüstbau und bereits seit mehr als 35 Jahren in leitender Funktion im Gerüstbau tätig. Einen seiner größten Fehler machte er aber noch in seiner Zeit als Angestellter. Nach der Wende sollte er in den neuen Bundesländern eine neue Niederlassung aufbauen. Er analysierte den Standort und siedelte sich inmitten der größten Kundendichte zwischen Leipzig und Dresden an. Was er nicht analysierte: das Preisgefüge, das er mitbrachte. Nach eigenen Angaben lag er 50 Prozent unter dem vorherrschenden Preisniveau.

"Wir sind immer größer geworden, immer schneller größer. Wir wussten gar nicht, warum wir alle Aufträge bekommen haben", berichtete Stuber Ende 2024 im Rahmen der Fails Night – einem Format der Bundesvereinigung Handwerksdenker:innen (BHWD), in dem Unternehmer offen übers Scheitern, Lernen und Wachsen sprechen. Um die Aufträge abzuarbeiten mussten Stubers Mitarbeiter täglich zwölf Stunden und mehr leisten – auf Kosten von Sicherheit und Arbeitsschutz. Nach einem tragischen Unglück mit Todesfall zog Stuber die Reißleine. "Das zog eine Welle von Strafen und Vorwürfen nach sich, die man sich ein Leben lang macht." Als Reaktion wurden die Arbeitszeiten korrigiert, statt "immer größer und immer weiter" fokussierte er sich im Laufe der Zeit lieber auf weniger, kleinere, dafür speziellere Projekte.

Es sollte nicht der einzige große Fehler in seiner Karriere bleiben. Im Jahr 2001 ergab sich die Gelegenheit gemeinsam mit weiteren Führungskräften das zuvor aufgebaute Unternehmen von der Gründerfamilie Gemeinhardt zu übernehmen. "Das war die größte Chance des Lebens", war Walter Stuber damals sofort klar. Und in dieser Hochstimmung stimmten er und vier weitere Gesellschafter überstürzt zu. Als Fehler erkannte er schnell, dass er sich nicht ausreichend mit den Werten und Beweggründen der Partner auseinandergesetzt hatte.

"Der eine will in fünf Jahren seine Anteile mit möglichst viel Gewinn verkaufen, der nächste möchte eine Nachfolge für seine Kinder aufbauen, der andere möchte jetzt damit gut leben und draußen angeben, dass er der Chef ist." Es folgten Jahre der Reibereien. Eine Zusammenarbeit war dauerhaft nicht mehr möglich – die Trennung musste teuer erkauft werden. Am Ende blieben er und ein Geschäftspartner übrig. Für Walter Stuber die klare Erkenntnis: nur mit übereinstimmenden Werten lässt sich eine Unternehmung erfolgreich dauerhaft betreiben.

Felix Moll, Dachdeckermeister: "Ich habe mich zu sehr im Handwerk verloren"

70- oder 80-Stunden-Woche, Sonntagsarbeit im Standard, Kalkulation nach Bauchgefühl und am Ende des Jahres ein mieses Geschäftsergebnis. Als Felix Moll 2012 die in NRW ansässige familieneigene Moll Bedachungen & Bauklempnerei GmbH übernahm, lief die Startphase holprig. "Ich war der klassische Handwerker. Ich war untertags mit auf der Baustelle und am Abend im Büro. Am Ende des Jahres saß ich mit dem Steuerberater zusammen und stellte fest, dass ich keine Gewinne gemacht habe", erklärte er in der Fails Night.

Dass die Übernahme des Familienbetriebs viele Herausforderungen mit sich brachte erklärte Dachdecker Felix Moll. Und auch wie er den Weg aus der Überforderung herausfand. - © Screenshot YouTube: "Fails Nights - Scheitern. Lernen. Wachsen"

"Ich schlief schlecht, war das ganze Jahr über im Blindflug. Ich wusste nie, wo ich gerade mit der Kalkulation stehe. Ich war immer am Limit." Moll übernahm damals die Kalkulationswerte seines Vaters, ohne diese auf den Prüfstand zu stellen und im Hier und Jetzt zu analysieren. Passt die Marge? Wie lange benötige ich für welche Aufgabe? Wie lange muss ich für das Projekt insgesamt veranschlagen? Fehlende Prozesse und eine unstrukturierte Arbeitsweise taten ihr Übriges: "Ich wusste quasi abends nicht, welche Baustelle wie geklappt hat und was wir am nächsten Tag oder in der nächsten Woche machen."

Er suchte sich Hilfe bei der Handwerkskammer, tauschte sich mit vielen Kollegen aus. Die Erkenntnis: entweder kleiner werden und selbst mit anpacken oder wachsen und sich aus dem operativen Geschäft nehmen. Aufgrund der Vielzahl an Kunden und Aufträgen entschied er sich für den zweiten Weg. Bei der Fehleranalyse war er ehrlich zu sich selbst: "Den meisten Stress hast du, weil du zu viel Arbeit hast, weil du es allen Leuten recht machen willst und nicht weißt, wo du stehst." Er investierte: in einen Bauleiter, in den Aufbau von Prozessen und in Digitalisierung. "Im Grunde genommen hatten wir keine Prozesse, es gab nichts zu digitalisieren. Wir haben unseren kompletten Betrieb einmal aufgedröselt und dann versucht, ihn weiterzuentwickeln", blickt Moll zurück.

Vom ersten Beratungsangebot bis zur Rechnungsstellung wurde alles in Einklang gebracht. Heute dokumentieren seine Bauleiter digital den Fortschritt, das Dach wird per Drohne gescannt und das Vorhaben vorab für die Angebotserstellung visualisiert und kalkuliert. Der Blindflug von einst ist Vergangenheit. Auch die Sieben-Tage-Woche: "Ich liebe mein Handwerk – ich stehe auch sehr für Qualität. Aber ich habe mich zu sehr im Handwerk verloren, ich bin zu sehr auf die Ausführung auf der Baustelle fokussiert gewesen."

Samantha Schüller, Friseurmeisterin: "Ich habe gelernt, 'Nein' zu sagen"

"Selbst" und "Ständig" war auch lange das Motto von Friseurmeisterin Samantha Schüller. Heute arbeitet sie komplett im Hintergrund im eigenen Salon und gibt Coachings für andere Unternehmen. - © Screenshot YouTube: "Fails Nights - Scheitern. Lernen. Wachsen"

Samantha Schüller betreibt seit 2014 erfolgreich einen Salon mit zwölf Mitarbeitern in Düsseldorf sowie seit 2022 eine Akademie für branchenunabhängige Weiterbildungen zu Themen wie Social Media oder selbstbestimmter Unternehmensführung. Die Schere nimmt sie nicht mehr zur Hand – ihr Unternehmen ermöglicht ihr finanzielle Unabhängigkeit und entsprechend flexibel Zeit für ihre 2021 geborene Tochter. Aber das war nicht immer so.

Viele Jahre rieb sie sich in der Doppelrolle als Friseurin und Inhaberin auf, lief einer falschen Zielsetzung hinterher, nahm jeden Auftrag an, wurde steuerlich nicht gut beraten und traute sich nicht mit anderen Selbstständigen über ihre Probleme zu sprechen. "Ich dachte, das einzige Ziel in meinem Leben war diese Selbstständigkeit. Das war ziemlich naiv. Dann ist man in seinem Hamsterrad und arbeitet sich von Urlaub zu Urlaub und von Pause zu Pause", blickt die 33-Jährige zurück. Während der Pandemie und mit der Geburt ihrer Tochter wurde für sie klar: so kann es nicht weitergehen, die körperliche und mentale Gesundheit litten unter dem Dauerstress. "Ich habe viel Lehrgeld bezahlt", sagt sie.

Einer ihrer größten Fehler: nicht 'Nein' sagen zu können. Jede Kundenanfrage sollte bedient werden – unabhängig von den eigenen Arbeitszeiten. Jeder Mitarbeiter wurde eingestellt, ob er menschlich passt oder nicht. Hauptsache er generiert Umsatz. "Ich habe gelernt 'Nein' zu sagen, meinen Nein-Muskel trainiert." So  nahm sie sich aus dem Tagesgeschäft heraus, definierte ihre Arbeitszeiten, investierte Zeit in Social Media und Recruiting, um den Salon nach außen sichtbarer zu machen, sich abzuheben und Kunden wie auch passende Mitarbeiter anzulocken. "Ich bin eine große Vertreterin dafür, sich selbst an die erste Stelle zu setzen, denn von unserer Selbstständigkeit hängt so viel ab, nicht nur Arbeitsplätze. Wir tragen die volle Verantwortung, deshalb sollte es uns auch am besten gehen", sagt sie.

Und hier kommt ihr zweiter großer Fehler und die entsprechende Erkenntnis hinzu: Setze dir ein Ziel und definiere Vision und Sinn hinter deiner Unternehmung. Die Fragen, die laut Schüller jeder Selbstständige für sich beantworten muss: "Was möchte ich eigentlich in meinem Leben erreichen? Was möchte ich mir finanzieren? Wie soll das Ende der Selbstständigkeit aussehen?"

Nach reiflicher Überlegung war für Schüller klar: Sie möchte gute und langlebige Arbeitsplätze schaffen und ihre eigene Unabhängigkeit stärken. Unabhängig sein von finanziellen Zwängen und vom Druck, selbst jeden Tag im Handwerk tätig sein zu müssen. Die Konzentration auf das strategische Geschäft und die vielen Lehren, die sie aus ihren eigenen Fehlern gezogen hat, haben ihr die Freiheit gegeben, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, ein guter Arbeitgeber und eine flexible Mutter zu sein.