Übertrieben kritisch oder extrem introvertiert – jeder Ausbildungsbetrieb macht Erfahrungen mit speziellen Charakteren. Wer als Meister oder Ausbildungsbeauftragter weiß, welche Ansprache wann funktioniert, vermeidet Konflikte und holt mehr aus der Ausbildung heraus. Ausbildungsberater Peter Braune stellt drei typische Fälle vor und erklärt, welche Werkzeuge Ausbilder dafür im Koffer haben sollten.

Meister und Ausbildungsbeauftragte müssen sich auf die Charaktere ihrer Lehrlinge einstellen, um diese optimal anzuleiten und zu entwickeln. Dabei gibt es einiges zu beachten. Drei Typen und die damit verbundenen Herausforderungen:
1. Fall: der kritische Lehrling
Eine Meisterin verzweifelt an ihrem Lehrling. Denn der hinterfragt notorisch unterschiedlichste Dinge: Entscheidungen, Behauptungen, Überzeugungen oder sogar den Sinn von Lernzielen. Er betrachtet viele Dinge kritisch. Eine Herausforderung wird für ihn so häufig zum großen Hindernis. Seine abwartende Haltung behindert, dass er sich voll für die Ziele seiner Ausbildung einsetzt. Zweifelnd prüft er und will manches nur anerkennen, wenn es durch Fachliteratur oder eine zweite, fachkundige Person belegt wird.
Die Meisterin unterhält sich bei passender Gelegenheit mit einer Kollegin und bekommt von dieser ein paar Ratschläge. Die empfiehlt Folgendes:
Wie häufig sollte am Anfang eine offene Unterhaltung stehen; in ruhiger Umgebung und geduldiger Atmosphäre. Geeignet ist dafür das monatliche Gespräch mit dem Lehrling. Es sollte ausreichend Zeit dafür eingeplant werden, um durch möglichst genaue Erklärungen die Bedenken des Azubis auszuräumen. Wenn möglich wird er danach im Betriebsablauf in gewisse Entscheidungen einbezogen. Als Folge könnte die Meisterin aus seiner kritischen Haltung unter Umständen sogar einen Nutzen für bestimmte Arbeitsabläufe gewinnen.
Geeignete Werkzeuge sind:
- Gut zuhören
- Sachlich und ruhig bleiben
- Eine wertschätzende Haltung einnehmen
- Zweifel ernst nehmen, statt sie abzuwerten
In der Regel überzeugen nur klare Tatsachen und keine Mutmaßungen. Große Versprechen machen den Lehrling meistens misstrauisch. Der Meister ergänzt die Gesprächsinhalte mit Daten, Beispielen oder Belegen. Zwischendurch werden offene Fragen und Rückfragen gestellt, um Einwände zu verstehen. Der Azubis wird nicht offensiv herausgefordert, es gilt den eigenen Unmut zu kaschieren. Der Lehrling kann zur Motivation in Lösungen eingebunden werden.
2. Fall: der stille Lehrling
Beim zweiten Typ ist ein Meister grundsätzlich zufrieden mit seinem Lehrling, denn er ist sehr zuverlässig und gewissenhaft. Was ihm Sorgen bereitet ist, dass dieser sich ganz häufig zurückzieht. Er ist still und in sich gekehrt. Am liebsten will er seine Tätigkeiten immer alleine erledigen. Mit der Kundschaft möchte er ebenfalls nichts zu tun haben.
Der Meister achtet auf die Wünsche des Lehrlings. Wann immer möglich bekommt er die Gelegenheit an einem ruhigen und ungestörten Ausbildungsplatz zu arbeiten. Regelmäßig, aber unaufdringlich wird er angesprochen. So kann er sich gut an der Ausbildung beteiligen, ohne sich überfordert zu fühlen. Anerkennung und Wertschätzung sind wichtig. Dies setzt der Meister aber sehr behutsam ein.
Zeitnah und bevor sich der Zustand verfestigt, versucht er herauszufinden, welche Hintergründe vorliegen.
Ist der Lehrling
- überlastet oder unmotiviert?
- Hat er persönliche Probleme?
- Oder liegt es an der Ausbildungsumgebung?
Er fragt den Lehrling nach seiner Sichtweise, vermeidet Vorwürfe und macht auf seine echte Sorge aufmerksam. Möglicherweise kann es sich um private Probleme handeln oder Streitigkeiten mit anderen Beschäftigten. Vielleicht fühlt sich der Lehrling nicht genug anerkannt. Zur Orientierung vereinbart er mit ihm erreichbare Ziele und Maßnahmen.
3. Fall: der unzufriedene Lehrling
Der Unzufriedene ist ein Lehrling im dritten Ausbildungsbetrieb. Er ist nie wirklich zufrieden: Egal wie gut seine Ausbildung läuft, egal was sich seine Ausbilderin alles einfallen lässt oder welche Verbesserungen eingeführt werden. Egal ob es die Berufsschule ist, die Aufgabenverteilung oder andere Lehrlinge in der Gruppe. Er findet immer einen Grund zu meckern. Seine Unzufriedenheit steckt an und beeinflusst immer mehr die Stimmung im Betrieb. Hinzu kommen sein Leistungsabfall und hohe Fehlzeiten – genervtes Seufzen und Augenrollen sind seine Merkmale.
Mit ihm umzugehen erfordert Geduld und viel Einfühlungsvermögen seines Ausbilders. Er hört sich seine Kritik an, unterscheidet dabei aber zwischen sachlicher Kritik und Unzufriedenheit. Regelmäßig spricht er mit ihm und fordert Hinweise, um zu verstehen, was die Ursachen sind. Er bietet Lösungen an, die im Rahmen einer Berufsausbildung und auf Grundlage vom Ausbildungsvertrag möglich sind. Gleichzeitig setzt er klare Grenzen und weist auf die rechtlichen Folgen von diesem Verhalten hin.
Ihr Ausbildungsberater Peter Braune
Zum Autor: Peter Braune hat Farbenlithographie gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.