„2020 haben wir keine Hauptschule mehr“

DHZ-Gespräch mit dem sächsischen Kultusminister Roland Wöller über den Vorschlag, ein zweigliedriges Schulsystem einzuführen

Roland Wöller (CDU) ist Kultusminister in Sachsen und Vorsitzender der CDU-Bildungskommission.Foto: Sächsisches Staatsministerium für Kultus und Sport

„2020 haben wir keine Hauptschule mehr“

DHZ: Herr Prof. Wöller, jeder zweite Lehrling im Handwerk kommt von der Hauptschule. Wer soll später Ihre Heizung reparieren, wenn Sie die Hauptschule abschaffen?

Wöller: Wir wollen zwar die Hauptschule als Schulform abschaffen. Der Hauptschulgang soll aber neben einem Realschulgang unter dem Dach einer neuen Mittel- oder Oberschule weiter bestehen bleiben. So praktizieren wir es heute schon in Sachsen. Die Schüler der Klassen fünf und sechs lernen gemeinsam, dann wählen sie einen Schulgang aus. Den Haupt- und Realschulabschluss wird es weiter geben. Das Handwerk kann auch in Zukunft aus beiden Schulgängen Absolventen auswählen.

DHZ: Weshalb ist der sächsische Weg für Sie so einleuchtend?

Wöller: Es ist kein Modell, das am Reißbrett entsteht. Es ist ein Modell, das seit 20 Jahren erfolgreich besteht und dem es gelungen ist, 50 Prozent eines Jahrganges zur mittleren Reife zu führen. Im Bundesschnitt liegt der Anteil nur bei 40 Prozent. Die Durchlässigkeit und die Anschlussfähigkeit sind hier besser gewährleistet. Oder nehmen Sie den Anteil der lern- und kompetenzschwächeren Schüler. Er liegt bundesweit bei rund 20 Prozent und bei uns bei acht bis zehn Prozent - so gering wie nirgendwo sonst.

DHZ: Ist das überhaupt vergleichbar? Die sächsischen Lehrer haben anders als in Westdeutschland keine Klassen, in denen bis zu 80 Prozent Schüler mit Migrationshintergrund sitzen.

Wöller: Das stimmt. Andererseits gibt es auch gemeinsame Herausforderungen wie etwa den demografischen Wandel. In Sachsen mussten wir einen Rückgang der Schülerzahlen um 50 Prozent verkraften und Schulstandorte schließen. Diese Entwicklung kommt jetzt im Westen an. Auch dort gehen die Schülerzahlen in den nächsten zehn Jahren um 20 Prozent zurück. Auch dort werden Hauptschulstandorte zur Disposition gestellt. Außerdem findet die Hauptschule hier wie dort bei den Eltern keine Akzeptanz mehr.

DHZ: Können Sie den Widerstand aus Bayern und Hessen nachvollziehen?

Wöller: Ich habe Verständnis für gewachsene Traditionen. Gleichwohl ist das dreigliedrige Schulsystem ein Modell von gestern. Es passt bei der heutigen demografischen Entwicklung nicht mehr in die Landschaft. Ich gehe davon aus, dass wir im Jahr 2020 keine Hauptschule mehr haben werden.

DHZ: Gibt man mit dem Vorschlag einer gemeinsamen Mittelschule dem Ganzen nicht nur einen neuen Anstrich? Wäre hier nicht eine Kernsanierung mit überarbeiteten Lehrplänen und besserer Lehrerausbildung nötig?

Wöller: Genau deshalb halte ich die Lehrerausbildung für einen der wichtigsten Punkte. Wir haben eine entsprechende Lehrerexzellenzinitiative vorgeschlagen, die auf sehr fruchtbaren Boden gefallen ist. Neben der fachwissenschaftlichen Ausbildung soll künftig die pädagogische Ausbildung eine größere Rolle spielen. Genauso müssen die Inhalte der Lehrerausbildung durchforstet werden.

DHZ: Durch die abnehmenden Schülerzahlen wird auch Geld freigesetzt. Was sollte damit passieren?

Wöller: In Sachsen haben wir den Rückgang der Schülerzahlen nicht dazu genutzt, in gleichem Maße die Lehrerstellen zu streichen. Wir haben einen Großteil der frei werdenden Mittel reinvestiert und so ein pädagogisches Plus geschaffen. Entscheidend ist, mit den frei werdenden Mitteln die Qualität des Unterrichts zu verbessern.

DHZ: Wie sehen Sie die Chancen, dass Ihre Vorschläge in die Tat umgesetzt werden?

Wöller: Zunächst einmal muss die Partei darüber diskutieren. Das machen wir auf dem Parteitag im November. Aber nehmen Sie die Entwicklung in Hamburg, Berlin oder Niedersachsen, hier ist die Hauptschule schon jetzt verschwunden. Meines Erachtens ist die Abschaffung der Hauptschule unaufhaltsam.