„1,5 Billionen Euro sind zu hoch angesetzt“

DHZ-Gespräch mit Stephan Kohler über wirtschaftliche und sozialpolitische Herausforderungen der Energiewende

Stephan Kohler, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur, will zum Jahresende aufhören. - © Foto: dena

„1,5 Billionen Euro sind zu hoch angesetzt“

DHZ: Herr Kohler, die Energiewende wird teuer. Vattenfall-Europa-Chef Tuomo Hatakka warf jüngst eine Investitionssumme von 150 bis 200 Milliarden Euro bis 2022 in den Raum. Reicht das?

Kohler: Die von Ihnen genannten Zahlen möchte ich nicht kommentieren, aber es gibt auch ganz andere Schätzungen. Ohne Frage kommen erhebliche Kosten auf uns zu.

DHZ: Sie werden doch eigene Zahlen erhoben haben?

Kohler: Wir haben keine Abschätzung für die Kosten der gesamten Energiewende gemacht. Allerdings kann ich Ihnen sagen, dass die in den Medien spekulierten Zahlen wie etwa 1,5 Billionen Euro für die Gebäudesanierung bis 2050 viel zu hoch sind. Hier wurden einfach Sanierungskosten reingerechnet, die gar nicht im Zusammenhang mit der Energieeffizienzsteigerung stehen.

DHZ: Die Energiewende erfordert einen Ausbau an Gaskraftwerken. In welcher Größe wird sich dieser bewegen?

Kohler: Durch die Abschaltung der Atomkraftwerke werden wir bis 2022 circa 10.000 Megawatt (MW) von fossilen Kraftwerken benötigen. Dies müssen aber nicht nur Gaskraftwerke sein, sondern könnten zusätzlich auch durch ein paar Kohleblöcke generiert werden. Ein Dutzend neuer Gaskraftwerke ist aber sicher erforderlich.

DHZ: Sonnenenergie spielt gemessen an den Subventionen der Bundesregierung auch eine wichtige Rolle. Und dass, obwohl Deutschland nicht unbedingt sonnenverwöhnt ist.

Kohler: Ich sehe den dynamischen Ausbau mit Vorbehalt und rate zur Vorsicht. Einerseits ist es die teuerste Energieform, die wir haben. Zum anderen stehen wir vor einer großen Herausforderung bezüglich der notwendigen Speichertechnologien. Die Regierung will, dass bis 2020 rund 50.000 bis 60.000 MW Photovoltaik gebaut werden. Die Speichertechnologie haben wir heute noch nicht, weshalb aus unserer Sicht der Ausbau an die Entwicklung der Infrastruktur angepasst werden soll.

DHZ: Ist die Energiewende also eine Mogelpackung, die letztlich nur mit verstärkten Importen von Atomenergie aus dem Ausland zu stemmen ist?

Kohler. Das ist ein verzerrtes Bild. Natürlich beziehen wir in den Sommermonaten mehr Atomenergie vom Ausland, weil diese in Ländern wie Tschechien dann in geringerem Maße benötigt wird. Unabhängig von der Energiewende wird sich dies mit dem Einsetzen des Winters wieder ändern, wenn diese Ressourcen gar nicht auf dem Markt angeboten werden.

DHZ: Die Investitionen sind eine Sache. Für den Verbraucher viel wichtiger ist, was er davon im Geldbeutel zu spüren bekommt. Wird es zu einer Explosion der Energiepreise kommen?

Kohler: Das kann im Rahmen gehalten werden, wenn wir es vernünftig machen. Am Beispiel der Strompreise für Haushaltskunden kann ich Ihnen die Kostensteigerung veranschaulichen. Wenn wir davon ausgehen, dass 2022 der Anteil der regenerativen Stromerzeugnisse 38 Prozent betragen wird, werden die zusätzlichen Kosten für den Haushaltskunden pro Kilowattstunde circa bei 4,5 bis 5 Cent liegen.

DHZ: Das Szenario „zurück zur Atomenergie“ schließen Sie also aus?

Kohler. Die Energiewende hat eine sehr hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Unsere Aufgabe wird es sein, dem Endkunden näherzubringen, dass er auf der anderen Seite 30 bis 40 Prozent seiner Energiekosten durch die Verwendung moderner, energieeffizienter Haushaltsgeräte einsparen kann.

DHZ: Lassen Sie uns an Ihren Plänen teilhaben.

Kohler. Das Wissen beim Kunden über Effizienz, Netzausbau und neue Kraftwerke ist heute leider noch nicht ausreichend vorhanden. Deshalb fordern wir eine Transparenz- und Kommunikationsoffensive. Wir haben dafür den Auftrag vom Bundesumweltministerium und werden zielgruppenspezifisch die ganze Bandbreite an Werbemitteln nutzen.