Während der Mindestlohn Schlagzeilen macht, kämpfen Fachkräfte um Anerkennung. Kathrin Post-Isenberg, DHZ-Kolumnistin und Steinmetzmeisterin, erklärt in ihrer Kolumne, warum Lohnerhöhungen für Ungelernte zwar wichtig, aber längst nicht genug sind – und was Betriebe konkret tun können.

Wenn der Mindestlohn steigt, jubelt das Land. Zeitungen titeln in Großbuchstaben, Talkshows applaudieren in die Kamera. 14,60 Euro ab 2027. Das klingt nach Fortschritt, nach sozialer Gerechtigkeit, nach "endlich tut sich was". Aber tut sich wirklich etwas für die, die sich tagtäglich reinhängen, einen Beruf gelernt haben, ihrem Handwerk treu bleiben?
Der Mindestlohn ist wichtig. Punkt.Aber er ist nicht alles. Und er darf nicht das einzige Zeichen von Wertschätzung am Arbeitsmarkt bleiben. Denn was sagt es über eine Gesellschaft aus, wenn die Schlagzeilen immer dann groß werden, wenn es um die Bezahlung ungelernten Personals geht – während gleichzeitig die Fachkräfte, die sich bewusst für eine Ausbildung entscheiden und sich weiterbilden, auf der Stelle treten?
Ich frage mich das oft: Was motiviert jemanden, sich durch eine Ausbildung zu kämpfen, vielleicht sogar später noch zur Meisterschule zu gehen, wenn am Ende der Unterschied zum ungelernten Nebenjobber kaum spürbar ist?
Ein fatales Signal
Es geht hier nicht um Neid, sondern um Verhältnismäßigkeit. Um Respekt gegenüber Lebenswegen, die nicht laut, aber verlässlich sind. Gegenüber den Menschen, die bleiben, wenn andere längst weitergezogen sind, die Verantwortung übernehmen, Azubis betreuen, den Laden abschließen und sonntags mal einen Notfall reparieren.
Wer das alles tut, verdient mehr als nur ein Schulterklopfen. Er oder sie verdient eine klare Differenzierung im Lohngefüge.
Denn aktuell sendet der Arbeitsmarkt ein fatales Signal: Bleib flexibel, mach nichts Festes, qualifiziere dich bloß nicht zu sehr, denn die größte mediale Aufmerksamkeit bekommst du, wenn du möglichst wenig gelernt hast und dann auf eine politische Lohnerhöhung hoffen darfst.
Anerkennung ist ein System
Wir brauchen dringend eine Diskussion darüber, wie echte Anerkennung aussieht. Nicht nur in Gesetzen, sondern in Tarifen, Karrierewegen und Sichtbarkeit. Warum nicht Boni für langjährige Betriebszugehörigkeit? Warum keine steuerlichen Vorteile für Weiterbildungsabschlüsse? Warum bleibt der Mindestlohn das einzige Instrument, das Aufmerksamkeit bekommt?
Eine Gesellschaft, die langfristiges Engagement nicht belohnt, sondern kleinschweigt, darf sich nicht wundern, wenn die Fachkräfte ausbleiben. Denn Anerkennung ist kein Applaus – sie ist ein System.
Und dieses System kann jeder Betrieb aktiv mitgestalten. Wertschätzung beginnt nicht beim Mindestlohn, sondern bei der Haltung, mit der wir Menschen begegnen, die bleiben, Verantwortung übernehmen und das Handwerk mittragen.
3 Tipps, wie Betriebe echte Wertschätzung zeigen können – über den Mindestlohn hinaus
- Weiterbildung sichtbar belohnen
Ob Gesellenbrief oder Meisterkurs: Wer sich weiterbildet, sollte spürbar mehr verdienen – und zwar nicht erst nach Jahren. Kleine Lohnsprünge oder Einmalzahlungen nach Abschluss zeigen: Deine Mühe zählt. - Berufstreue anerkennen
Loyalität ist kein Selbstläufer. Jubiläen, langfristige Mitarbeit oder Verantwortungsübernahme sollten gefeiert und entlohnt werden. Zum Beispiel mit Bonuszahlungen, zusätzlichen Urlaubstagen oder internen Entwicklungsmöglichkeiten. - Löhne regelmäßig reflektieren
Nicht erst reagieren, wenn Mitarbeiter kündigen. Wer regelmäßig und transparent über Lohnentwicklungen spricht, zeigt: Wir sehen, was du leistest, und wir reden nicht nur über Mindeststandards.