Damals wie heute – Handwerk am Scheideweg 100 Jahre Bauhaus: Ausstellung zur Bedeutung des Handwerks

Das Luther-Jahr strebt gerade seinem Höhepunkt entgegen, da wirft schon das nächste große Jubiläum seine Schatten voraus. 2019 feiert Deutschland "100 Jahre Bauhaus".

Ulrich Steudel

Der Armlehnstuhl ti 244, entworfen von Josef Albers, der 1929 die Tischlereiwerkstatt am Bauhaus in Dessau übernahm. - © Stiftung Bauhaus Dessau/The Josef and Anni Albers Foundation/VG Bild-Kunst/Thomas Meyer/Ostkreuz

Was die stilbildende Schule für Architektur und Design mit dem Handwerk zu tun hat, beleuchtet die Ausstellung "Handwerk wird modern: Vom Herstellen am Bauhaus", die noch bis zum 7. Januar 2018 am Bauhaus Dessau zu sehen ist.

Walter Gropius will zum Handwerk zurück

"Architekten, Bildhauer, Maler – wir alle müssen zum Handwerk zurück! Denn es gibt keine ,Kunst von Beruf‘", schreibt Walter Gropius im April 1919 in seinem Bauhaus-Manifest, das als Gründungsbibel der legendären Hochschule für Gestaltung in Weimar bezeichnet werden könnte. Gropius hält nur das Handwerk für lehr- und erlernbar, nicht aber die Kunst. Deshalb soll das Studium am Bauhaus auf einer handwerklichen Ausbildung beruhen. Die Werkstätten werden von einem Künstler und einem Handwerksmeister geleitet, um künstlerische Entwürfe direkt auf ihre praktische Umsetzbarkeit prüfen zu können.

Die Form folgt der Funktion: Die Rolle des Handwerks im Schaffen der Bauhaus-Schüler thematisiert eine Ausstellung in Dessau. - © Stiftung Bauhaus Dessau/Thomas Meyer/Ostkreuz

Diesen Denkansatz greift die aktuelle Ausstellung in Dessau, wohin das Bauhaus 1925 gezogen war, an einem der Originalschauplätze auf. In der Weberei wird jener Teil der Bauhaus-Ausbildung in den Fokus gerückt, der auf Handarbeit beruhte. Denn nirgendwo sonst wurden die Verhältnisse zwischen Kunst, industrieller Produktion und Handwerk so radikal diskutiert wie in den legendären Vorkursen, in denen sich die Bauhaus-Schüler mit der Beschaffenheit von Materialien oder den Eigenschaften von Farben und Formen im Spannungsfeld zwischen Theorie und Praxis vertraut machten.

Der Ausstellungsparcours gliedert sich in fünf Themenfelder, von denen gleich das erste aktueller nicht sein könnte: "Handwerk am Scheideweg". In Zeiten der zunehmenden Digitalisierung nahezu aller Bereiche des sozialen und wirtschaftlichen Miteinanders werden historisch gewachsene Arbeitsweisen mehr und mehr hinterfragt, verschwimmen die Grenzen zwischen Experte und Amateur, zwischen Denken und Machen. Die Gesellschaft muss sich heute auf ähnliche Umbrüche gefasst machen, wie sie die industrielle Revolution zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts ausgelöst hat. Diesem Spannungsfeld nähern sich international anerkannte Designer in ihren experimentellen Projekten.

Die Handwerksmeister unter den Bauhaus-Lehrern

Eine Bresche für die Handwerksmeister unter den Bauhaus-Lehrern schlägt der Themenraum "Ungleiche Paare: Werkmeister-Formmeister", in dem die Rollenverteilung in Tischlerei, Metallwerkstatt und Weberei des Bauhauses kritisch hinterfragt wird. Denn während Arbeiten wie der Armlehnstuhl ti 244 von Josef Albers, der 1929 die Leitung der Tischlerei übernahm, weltweit Beachtung finden, bleiben zum Beispiel die Lampenentwürfe des Metall-Werkmeisters Alfred Schäfter bis heute unterbeleuchtet.

Es ist der Verdienst der von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Ausstellung, der Rolle des Handwerks im kreativen Prozess der Entwicklung einer neuen Formensprache, wie sie das Bauhaus in den 14 Jahren seiner Existenz hervorbrachte, aufzuhellen und den ihm gebührenden Stellenwert zu geben. Und das lange vor dem eigentlichen Jubiläum.

Wenn 2019 kunst- und kulturinteressierte Touristen in Heerscharen nach Weimar und Dessau pilgern, dann klingt ihnen vielleicht Walter Gropius Manifest noch im Ohr, in dem er das Ziel der von ihm gegründeten Schule folgendermaßen umreißt: "Das Bauhaus will Architekten, Maler und Bildhauer aller Grade je nach ihren Fähigkeiten zu tüchtigen Handwerkern oder selbständig schaffenden Künstlern erziehen ..., die Bauwerke in ihrer Gesamtheit – Rohbau, Ausbau, Ausschmückung und Einrichtung – aus gleichgeartetem Geist heraus einheitlich zu gestalten weiß."