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Mobilität von Auszubildenden Das ist der weiteste Berufsschulweg Deutschlands

Demografie und Berufswahlverhalten stellen Betriebe vor eine Herausforderung. Um einen guten Berufsschulunterricht zu gewährleisten, werden Klassen an bestimmten Standorten zusammengefasst. Azubis müssten mobiler sein, um dorthin zu kommen. Warum das in manchen Berufen überhaupt kein Problem zu sein scheint, in anderen eine echte Hürde ist.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Zukunft Bildung

Wenn Thomas Steiner am Montag Berufsschule hat, muss er sich sonntags auf den Weg machen; acht bis neun Stunden braucht der Hörakustik-Azubi aus Füssen im Schnitt, um per Bahn zu seiner Schule in Lübeck zu kommen. Der 19-Jährige nimmt die Deutschlandreise gelassen: "Ich finde das gar nicht so schlecht, mal ein bisschen von zu Hause wegzukommen.“

Die Hörakustiker sind ein extremer Fall im deutschen Handwerk: Zwei kleinere Berufsschulstandorte gibt es in Nordrhein-Westfalen, alle anderen Azubis aus dem gesamten Bundesgebiet reisen für den Unterricht an die Ostsee.

Eltern winken bei weiten Wegen zur Berufsschule ab

In vielen Handwerksberufen wäre das undenkbar. "Es sind vor allem die Eltern, die abwinken, wenn sie hören, wie weit die Berufsschule entfernt ist“, berichtet Silvia Toll, Geschäftsführerin der Innung Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik Dresden. Die Auszubildenden im Klempnerhandwerk aus der Region Dresden müssen ab dem zweiten Lehrjahr ins 300 Kilometer entfernte Meiningen. Diese Distanz ist vielen Bewerbern zu weit; eine große Hürde für das unter Nachwuchsmangel leidende Gewerk.

Die Hörakustiker dagegen stehen mehrheitlich voll hinter ihrer Bundesfachschule. "Die Zentralisierung macht es möglich, den kurzen Innovationszyklen in der Branche mit stets aktualisierter Ausstattung und Ausbildungsinhalten zu begegnen“, betont Marianne Frickel, Präsidentin der Bundesinnung der Hörakustiker, die Vorteile. Die Zahlen zeigen, dass die entfernte Berufsschule nicht abschreckt. Seit 2002 haben sich die Ausbildungszahlen der Hörakustiker mehr als verdoppelt.

Azubitickets

In folgenden Ländern gibt es bereits Azubi­tickets:
  • Berlin und Brandenburg: 365-Euro-Ticket für den Verkehrsverbund Berlin und Brandenburg.
  • Hessen: Das landesweit geltende Schülerticket für 365 Euro im Jahr steht auch Azubis zur Verfügung.
  • Nordrhein-Westfalen: 60 bis 70 Euro monatlich für den jeweils ­eigenen Verkehrsverbund, für 20 Euro mehr im Monat für das gesamte ­Bundesland.
  • Sachsen: Seit dem 1. August für 48 Euro in einem Verbund, für 68 Euro in allen Verbünden in Sachsen.
  • Thüringen: 50 Euro monatlich für den Schienen-Nahverkehr, teils auch für Busse und Straßenbahnen, ­Tickets vom Land mit etwa 100 Euro pro Jahr gefördert.
Die Azubitickets gelten allerdings nur innerhalb des genannten Bundeslandes. Pendelt ein Auszubildender über die Landesgrenze hinweg, wie die Hörakustiker oder die Klempner aus Sachsen, müssen sie dort den regulären Preis zahlen.

Je nach Bundesland gibt es außerdem Zuschüsse für Fahrt- und Unterbringungskosten - auch diese variieren stark von Region zu Region.

Abiturienten pendeln eher

Ein Blick auf die Lehrlingsstatistik hilft aber auch zu verstehen, warum es Hörakustikern im Schnitt leichter fällt, die weit entfernte Berufsschule wertzuschätzen als Klempnern: Bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen 2018 hatten die Hörakustiker einen Abiturientenanteil von 45 Prozent. Bei den Klempnern dagegen machten die Abiturienten keine 5 Prozent aus, fast zwei Drittel hatten Hauptschulabschluss.

Unter Auszubildenden sind aber vor allem Abiturienten mobil, zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Sie sind häufiger bereit, für ihren Wunschberuf weite Wege auf sich zu nehmen, während jüngere Jugendliche mit niedrigerem Bildungsabschluss eher den Berufswunsch wechseln als ihren Wohnort.

Azubis im Osten pendeln weiter als im Westen

Allerdings gibt es auch regionale Unterschiede. Mobile Auszubildende in den neuen Ländern pendeln mit gut 51 Kilometern täglich deutlich weiter zu ihrem Arbeitsplatz als ihre Kollegen in den alten Ländern (33 Kilometer). Und auch der Weg zur Berufsschule ist hier oft weit, nachdem viele Klassen geschlossen werden mussten. In Mecklenburg-Vorpommern haben sich die Schülerzahlen an Teilzeit-Berufsschulen seit 1992 halbiert; auch Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt haben dramatische Rückgänge.

Immerhin: Bei der Handwerkskammer Südthüringen wurden für das aktuelle Ausbildungsjahr 9,1 Prozent mehr Ausbildungsverträge unterschrieben als im Vorjahr; man hofft auf eine Trendwende bei den Lehrlingszahlen, aber auch bei den Hilfsstrukturen. So hat sich die frisch verlängerte Allianz für Aus- und Weiterbildung auf ein "Mobilitätspaket“ geeinigt, mit dem Azubitickets, Jugendwohnen und Finanzierungshilfen verbessert werden sollen.

Für Hörakustik-Azubi Thomas Steiner spielt das keine Rolle. Sein Chef Christoph Saveur übernimmt Fahrt- und Unterbringungskosten für ihn – ein Luxus, den Steiner zu schätzen weiß. Nicht alle seine Mitschüler haben solche Unterstützung.

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