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Gastkommentar Zinsen im Sinkflug: Sparer müssen umdenken

Wenn über das niedrige Zinsniveau gesprochen wird, gerät oft die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank in den Fokus. Doch ein trendmäßiger Rückgang der Zinsen ist schon lange erkennbar.

Wird über das rekordverdächtig niedrige Zinsniveau gesprochen, gerät fast immer die expansive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) in den Fokus. Mit Leitzinssenkungen und Liquiditätsmaßnahmen wie etwa Anleihekäufen hat sie dafür gesorgt, dass die Zinsen für Spareinlagen fast auf null gesunken sind. Doch schon seit Beginn der 1980erJahre ist ein trendmäßiger Rückgang der Zinsen erkennbar. Die Renditen der längerfristigen deutschen Staatsanleihen begannen ihren Sinkflug schon vor Jahrzehnten – nicht erst mit Beginn der expansiven Geldpolitik der EZB im Jahr 2010. Dieser Zinstrend geht auf langfristige Faktoren globaler und struktureller Natur zurück.

Rückgang der Bevölkerung verlangsamt Wirtschaftswachstum

Zwei wichtige Ursachen für die sinkenden Zinsen in den letzten 30 Jahren sind sicherlich das schwächere Wachstum und ein nachhaltiger Rückgang der Inflationsraten weltweit. Beides wiederum beruht auf vielfältigen Ursachen. Ein zentraler Grund ist in vielen Ländern der demografische Wandel: Die Bevölkerungszahl sinkt bei gleichzeitig steigender Lebenserwartung. Wenn weniger Menschen arbeiten und konsumieren, dann sinken auch die Wachstumsraten. Es ist davon auszugehen, dass der Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter das Wirtschaftswachstum auch in Zukunft verlangsamen wird.

Selbst wenn die EZB auf längere Sicht eine Normalisierung der Geldpolitik anstreben sollte, begrenzt dieser übergeordnete Trend das Aufwärtspotenzial bei den Kapitalmarktzinsen. Die Renditen von Bundesanleihen werden daher wohl noch über mehrere Jahre hinweg sehr niedrig oder sogar negativ bleiben. Für die Sparer bedeutet das, dass mit herkömmlichen Geldanlagen auch auf Sicht der nächsten Jahre kaum ein positiver Ertrag zu erzielen ist.

Michael Holstein ist Leiter der Abteilung Volkswirtschaft bei der DZ-Bank AG.

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