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Duale Ausbildung in Südkorea, Russland und der Schweiz WorldSkills: Was Medaillengewinner aus anderen Ländern besser machen

Bei den WorldSkills haben uns die Südkoreaner abgehängt. Heute kann es das Team der Deutschen Fußballnationalmannschaft besser machen. Die Deutsche Handwerks Zeitung hat sich angeschaut, was in der Schweiz, Russland und Südkorea bei den WorldSkills anders läuft.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets WorldSkills - Weltmeisterschaft der Berufe
Die Flagge von Südkorea

Südkorea und das Handwerkswunder vom Han-Fluss

Nach dem Koreakrieg hat Südkorea immens vom deutschen Ausbildungssystem abgekupfert. Nun scheint der ostasiatische Tigerstaat seinen einstigen Meister im Handwerksbereich zu überholen: Bei den WorldSkills in Abu Dhabi sicherte sich Südkorea stolze 24 Medaillen.

Der Erfolg der Koreaner basiert auf unablässigem Fleiß – und einem ganz speziellen kulturellen Vorteil. Wenn Cho Seong-yong nach seinem Erfolgsgeheimnis gefragt wird, schlägt der 22-jährige Metallbau-Spezialist bescheidene Töne an.

Unbedingter Wille zum Sieg

Vor allem harte Arbeit sei es gewesen, die den Südkoreaner zur Goldmedaille in der Disziplin Stahlbetonbau bei den WorldSkills geführt hat. "Im gesamten koreanischen Team konnte man den unbedingten Willen zum Sieg spüren", sagt Cho.

Nach der Berufsschule habe er bei der renommierten Hyundai-Werft in der Küstenstadt Ulsan angeheuert – jedoch unter der Bedingung, dass ihn sein künftiger Betrieb bei der Weltmeisterschaft der Berufe teilnehmen lässt und auch aktiv unterstützt. Die letzten vier Monate vor dem Turnier verbrachte Cho schließlich die meiste Zeit im Trainingslager mit der koreanischen Nationalauswahl: "Am Ende habe ich mich zwar leer und ausgelaugt gefühlt, aber als ich dann die Goldmedaille in den Händen hielt, überkamen mich die Tränen."

Know-how aus dem Ausland

Cho Seong-yong kehrte nicht als Einziger mit einer Auszeichnung von den WorldSkills zurück: Insgesamt haben sich die südkoreanischen Fachkräfte acht goldene, silberne und bronzene Medaillen geholt. Im internationalen Ranking sicherten sie sich damit nach Medaillenpunkten den dritten Platz hinter China und der Schweiz. Deutschland landete abgeschlagen auf Rang 20.

Wie erstaunlich dieses Ergebnis ist, unterstreicht ein Blick auf die jüngere Geschichte des Landes: Nach dem Koreakrieg lag Südkorea wortwörtlich in Ruinen. Der Agrarstaat zählte damals mit einem BIP von 79 US-Dollar zu den ärmsten Ländern der Welt. Als der Militärdiktator Park Chung-hee die Industrie seines Heimatlandes in den 1960er- und 1970er-Jahren praktisch von Grund auf aufbauen musste, war er auf Devisen und Know-how aus dem Ausland angewiesen. Park schielte vor allem auf das Wirtschaftswunder vom Rhein – und entsendete Krankenschwestern und Bergarbeiter als Gastarbeiter nach Deutschland.

Ausbildungssystem mit deutscher Hilfe

"Damals kamen erstmals deutsche Ausbilder zur Rekrutierung nach Korea. Wir haben viel von ihnen gelernt und haben uns später große Teile des  deutschen Ausbildungssystems angeeignet", sagt Kwon Hyuk-yul, Vizepräsident von WorldSkills Korea. In den 1990er-Jahren hat Südkorea mit deutscher Hilfe ein duales Ausbildungssystem installiert. Die Berufsfachschulen nennen sich im Koreanischen "Meister"-Schulen. Dass koreanische Berufsschulen ihre Lehrlinge zur Praxis in die Betriebe schicken, ist jedoch erst seit der Jahrtausendwende üblich. Immer mehr Ausbildungsstätten wählen das deutsche Modell, doch noch ist die Zusammenarbeit mit Betrieben nicht in allen Berufsschulen möglich.

Im Gegensatz zur deutschen Mischwirtschaft hat sich Koreas Volkswirtschaft im Zuge des rasanten Aufschwungs während der 1970er- und 1980er-Jahre regelrecht polarisiert: Auf der einen Seite stehen die dominanten Mischkonzerne wie Samsung, LG und Hyundai, die von Autos über Speicherchips bis hin zum Schiffsbau in dutzenden Branchen tätig sind. Auf der anderen Seite gibt es unzählige Kleinstbetriebe, die im harten Konkurrenzkampf oft nah am Ruin stehen. Wie seine Vorgänger hat Südkoreas Präsident Moon Jae-in versprochen, nach deutschem Vorbild den Mittelstand zu stärken. Ob ihm das angesichts der starken Lobby von Samsung und Co. gelingen wird, bleibt jedoch fraglich.

Vom Wehrdienst befreit

Das überdurchschnittliche Abschneiden des ostasiatischen Tigerstaats bei den WorldSkills hat auch mit der Wertschätzung durch den Staat zu tun. Wer eine Medaille holt, wird automatisch vom zweijährigen Wehrdienst entbunden, erhält ein stolzes Preisgeld (umgerechnet 53.000 Euro für Gold) und startet als Berufseinsteiger gesetzlich festgeschrieben in einer höheren Gehaltsklasse.

"Wir Koreaner haben noch einen ganz kulturspezifischen Vorteil, und der hat mit unseren Essstäbchen zu tun", sagt Kwon Hyuk-yul, der am Stadtrand von Seoul eine Möbelwerkstatt führt. Wer als Kind bereits lerne, Stäbchen zu bedienen, fördere in seiner Entwicklung die händische Feinmotorik. Das würde sich wiederum auch auf die Handwerkskunst auswirken.

Arbeitskräfte unter 40 Jahren selten

Trotz der Erfolge seiner Nationalauswahl blickt Kwon Hyuk-yul der Zukunft des koreanischen Handwerks düster entgegen. "Wir leiden darunter – wie so viele andere Länder der Welt auch –, dass die neuen Talente ausbleiben. In vielen handwerklichen Berufen sind Arbeitskräfte unter 40 bereits selten", sagt der 58-Jährige. Spätestens seit der Jahrtausendwende gilt Südkorea als Hightech-Nation, deren Bevölkerung zwar digitale Entwicklungen enthusiastisch verfolgt, jedoch wenig Wertschätzung für handwerkliche Traditionen aufbringt.

Gleichzeitig sind Südkoreaner geradezu besessen von akademischer Bildung, in keinem OECD-Land der Welt schließen mehr Menschen ein Universitätsstudium ab. Handwerkliche Berufe haben es folglich schwer in diesem gesellschaftlichen Kontext: Sie gelten als mühsam und unterbezahlt.

Auch Cho Song-yeong hadert manchmal mit seinem beruflichen Lebensweg: "In meinem Alter schließen andere gerade ihr Studium ab. Später könnte es sich vielleicht finanziell rächen, dass ich keine Uni besucht habe." Derzeit jedoch genießt der Metallbauer die Früchte seines Erfolgs: Er wurde höchstpersönlich von Präsident Moon Jae-in zum Galadinner geladen.

Autor: Fabian Kretschmer, Seoul

Die Flagge Russlands

Gegen den Fachkräftemangel setzt Russland auf das duale System

Für Wadim Poljakow war Abu Dhabi ein voller Erfolg. Der 22-Jährige gewann in der Disziplin Kälte- und Klimatechnik. Poljakow hat aus Abu Dhabi nicht nur die Goldmedaille mitgenommen und eine Prämie erhalten – alle russischen Gewinner bekommen von Staat und Region mehr als 14.000 Euro.

Poljakow hat außerdem Fachwissen mit in seine Heimat  gebracht. Er habe "neue Techniken kennengelernt", die er künftig in seinem Betrieb in Kasan, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Tatarstan, anwenden möchte.

Spezialisten für Kälte- und Klimatechnik gefragt

Sein Unternehmen beschäftigt fast 20.000 Mitarbeiter. Kleine und mittelständische Unternehmen, mit maximal 250 Mitarbeitern, spielen in Russland eine verhältnismäßig kleine Rolle: Ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt knapp 20 Prozent. Spezialisten für Kälte- und Klimatechnik sind gefragt.

Weil er wusste, dass er beim wechselnden Klima in Zentralrussland "kein Problem haben wird, eine Arbeit zu finden", hat Poljakow sich für diesen Beruf entschieden. Mit 15 Jahren lernte er an einem Technikum zwei Jahre lang Theorie, bevor sich weitere zwei Jahre Theorie und Praxis an der Schule abwechselten. Erst nach dem Abschluss startete er im Betrieb.

Reform des Bildungssystems

Dass Theorie und Praxis in einer Lehranstalt vermittelt werden, ist das alte und meist gängige Modell in Russland. Doch das Land ist dabei, sein Bildungssystem zu reformieren, und setzt auch auf die duale Berufsausbildung nach deutschem Vorbild. Diese Möglichkeit wurde erst vor wenigen Jahren ins Leben gerufen. Genau genommen ist es eine Wiederbelebung: Zu Sowjetzeiten war Facharbeiter ein gefragter und angesehener Beruf. Der Weg führte über Fachschulen und betriebliche Lehre zur gleichen Zeit. Als die Sowjetunion zerfiel und mit ihr viele Werke, darbte auch die Berufsbildung. Viele Berufsschulen mussten schließen.

Die Facharbeiterausbildung war plötzlich unbeliebt. Gefragt waren universitäre Studiengänge, besonders Wirtschaft und Jura. Betriebe stellten Akademiker ein, denen sie am Arbeitsplatz die notwendigen Qualifikationen vermitteln mussten. Viele Absolventen waren für das Arbeitsleben oftmals nicht vorbereitet. Seit 2013 wird verstärkt auf das duale System gesetzt, um den Fachkräftemangel zu beheben. Präsident Wladimir Putin hatte gefordert, bis 2020 mehr als 25 Millionen hochproduktive Arbeitsplätze zu schaffen.

Die Ministerien für Bildung, Arbeit und Industrie, die deutsch-russische Handelskammer sowie die russische staatliche Agentur für Strategische Initiativen (ASI) erarbeiteten in Kooperation mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung ein Programm. In zehn russischen Regionen starteten erste Pilotprojekte, in denen junge Russen in Berufsschule und Betrieben zum Mechatroniker, Bäcker, Fleischer oder Spezialisten für Lagerlogistik ausgebildet wurden.

Regionale Anpassungen des Ausbildungssystems

"Es war ein Experiment und es war sehr erfolgreich", erinnert sich Jekaterina Loschkarjowa, Vizedirektorin bei WorldSkills Russia. Aber: "Es ist unmöglich, das deutsche System eins zu eins nach Russland zu exportieren und zu erwarten, dass sich dann alles ändert." Stattdessen wurden Elemente des deutschen Systems ausgewählt. "Regionalverwaltungen und Betriebe vor Ort wissen am besten, welche Fähigkeiten gebraucht werden", sagt Loschkarjowa.

Örtlichen Anforderungen wurde das System angepasst. Im südrussischen Krasnodar etwa, einer landwirtschaftlich geprägten Region, gebe es andere Anforderungen als im Jekaterinburg im Ural, wo vor allem Schwerindustrie ansässig ist.

Dabei ist eigentlich die Regierung in Moskau für die landesweite Bildung verantwortlich. In der Berufsausbildung gibt es jedoch keine russlandweite Norm, sondern eine Empfehlung als Best Practice, so Loschkarjowa. Inzwischen wurde die duale Ausbildung in 13 Regionen etabliert, 57.305 Studenten haben das Angebot wahrgenommen – Tendenz steigend.

Erfahrungen aus den WorldSkills fließen in die Standards mit ein, an denen sich alle Regionen orientieren können. Die Teilnahme am Wettbewerb gebe wichtige Impulse, sagt Loschkarjowa, etwa bei Technologien und Arbeitsweisen. "Wir wollen durch das Wissen, das die Teilnehmer erlangen, unsere Wirtschaft erneuern." Egal ob Teilnehmer oder Trainer, findet auch Artjom Nikolajew, Experte bei WorldSkills Russia, alle kehrten mit neuem Wissen zurück: "Am Ende haben wir bessere Facharbeiter, bessere Ausbilder und ein besseres Ausbildungssystem."

Autor: Oliver Bilger

Die Flagge der Schweiz

Die Schweiz schlägt mit Gold zurück

Nachdem die Schweizer vor zwei Jahren mit nur einer Goldmedaille von den WorldSkills in São Paulo nach Hause gekommen waren, gehörten sie 2017 in Abu Dhabi zu den großen Gewinnern. Elf Weltmeistertitel räumte das Team ab, dazu sechs Silber- und drei Bronzemedaillen. Das Team belegte damit hinter China Platz zwei in der Nationenwertung. "Es gehört auch eine Portion Glück dazu, eine Medaille zu gewinnen. Das ist wie bei Olympia", sagt Ueli Müller, Generalsekretär von SwissSkills.

Glück allein reicht natürlich nicht – die berufliche Qualifikation muss stimmen. Und die stimmt in der Schweiz, wo die duale Berufsausbildung fest in der Wirtschaft verankert ist. "Viele Unternehmen sind stolz, wenn ein junger Mitarbeiter an Meisterschaften teilnimmt, und noch mehr, wenn er gut abschneidet." Schon bei regionalen Meisterschaften und Ausscheidungen könne man den Berufsstolz spüren. Arbeitgeber spendieren nicht nur Trainingszeit, sondern auch Material und Werkzeug.

Training wie im Spitzensport

Im Gegenzug wird von den jungen Teilnehmern einiges Engagement erwartet. Im Januar vergangenen Jahres starteten die Vorbereitungen für die WorldSkills, die dann vom 14. bis 19. Oktober 2017 in Abu Dhabi stattfanden. "Dann gab es nichts anderes mehr bis zur Schlussfeier. Das ist wie Spitzensport", sagt Ueli Müller. Trotz der Verzahnung mit der Wirtschaft lassen die SwissSkills nicht locker, über Berufsbilder zu informieren. "Da sind solche tollen Ergebnisse wie in Abu Dhabi natürlich sehr hilfreich."

Denn auch in der Schweiz kennen viele Eltern und Lehrer die Entwicklungsmöglichkeiten einer dualen Ausbildung zu wenig, um Kinder in dieser Richtung zu fördern. Um hier aufzuklären, finden im Herbst 2018 in Bern die Schweizer Berufsmeisterschaften statt, zu denen 200.000 Besucher erwartet werden. 135 Berufe zeigen ihr Tätigkeitsfeld und 75 Wettbewerbe werden ausgetragen. "Wir arbeiten intensiv daran, das duale Berufsbildungs­system in die Köpfe der Leute zu bringen."

Die duale Berufsausbildung in der Schweiz ist dreistufig. Nach dem ersten Lehrabschluss, dem eidgenössische Fähigkeitszeugnis (EFZ), kommt als nächste Stufe die Berufsprüfung vor der Diplom- oder Meisterstufe. Außerdem gilt in der Schweiz die Gewerbefreiheit, das heißt, um einen Handwerksbetrieb zu eröffnen, benötigt man in der Regel weder Gesellen- noch Meisterbrief.

Gewerbefreiheit: Der Markt reguliert sich selbst

Diese fehlende Zugangsbeschränkung ist für die Schweizer kein Problem, die darauf setzen, dass der Markt das Angebot regelt. "Es macht ja keinen Sinn, ein Gewerbe aufzumachen, wenn man nichts davon versteht", sagt der SwissSkills-Generalsekretär. Erst, wenn ein Handwerker ausbilden möchte, muss er die entsprechenden Qualifikationen nachweisen.

Kritisch sieht Ueli Müller, dass die Wettbewerbsaufgaben schon Monate vor der Weltmeisterschaft bekannt sind und sich die einzelnen Gewerke gezielt darauf vorbereiten können. Am Wettkampftag werden die Aufgaben noch um bis zu 30 Prozent geändert. "Ein Karosseriespengler kann auch nicht ein halbes Jahr für eine Schadensbeseitigung üben, sondern muss eine Lösung finden, wenn das Fahrzeug auf dem Hof steht."

Wenn man hingegen eine Aufgabe vor dem Wettbewerb nicht kenne, spiele die Qualität des erlernten Berufes eine viel größere Rolle. "Deutsche und Schweizer haben den Beruf erlernt, die können das, egal wie die Aufgabenstellung aussieht."

"Das ist nicht die Idee der WorldSkills"

Wünschenswert ist für Ueli Müller deshalb, wenn WorldSkills die Aufgaben vor dem Wettbewerb nicht bekannt geben würde. "Wir wollen sehen, was haben die Teilnehmer beruflich auf dem Kasten. Das ist für uns und auch für Deutschland ein großer Vorteil." Ein zentrales Bildungssystem wie in China wäre für die Schweiz daher nicht denkbar.

"In China gibt es eine Schule, die jedes Jahr 140.000 Friseure ausbildet. Das ist Kasernendrill", sagt Ueli Müller. Wenn man sich aus einer solchen gleichgeschalteten Grundgesamtheit Talente aussuchen und jahrelang trainieren könne, dann habe man einen Weltmeister praktisch schon sicher. "Aber das ist nicht die Idee der WorldSkills oder der dualen Berufsausbildung."

Autorin: Daniela Lorenz

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