Meisterstücke -

Die Kunst der Herrenschneider Wo Männer zu Anzugträgern werden

In ihrer Schneiderei "Der schöne Herr" fertigt Eva Schönherr exklusive Anzüge auf Maß. Ihr Handwerk lernte die preisgekrönte Herrenschneidermeisterin bei einem Mönch.

Manch einer, der Eva Schönherrs Räume in Fulda betritt, fühlt sich in eine vergangene Zeit versetzt. Verzierte Tapeten, ein goldener Kronleuchter und dunkle, massive Möbel vermitteln den Eindruck, man befinde sich in einem englischen Herrenzimmer des späten 19. Jahrhunderts. Einiges verrät jedoch, dass es sich hierbei nicht um ein schick eingerichtetes Wohnzimmer, sondern um eine Maßschneiderei für Herrenmode handelt. Da ist zum Beispiel eine Schneiderpuppe, die ein grau-rot kariertes Sakko trägt, darunter eine edle, beerenrote Weste mit schlichten Knöpfen. Ein Anzug, den der Prince of Wales seines traditionellen Musters und hochwertigen Stoffes wegen sicherlich genauso tragen würde.

Gewinner-Anzug

Unauffällig, aber schön

"Ich liebe diesen englischen Stil, deshalb spiegelt er sich nicht nur in meiner Mode, sondern auch in der Einrichtung meines Ateliers wider", sagt die Herrenschneidermeisterin Schönherr, die die einzelnen Bestandteile des Dreiteilers, zu dem auch die passende Hose gehört, beschreibt. Sie ist die Inhaberin der Maßschneiderei "Der schöne Herr". Ihr Ausstellungsstück hat sie gemeinsam mit einem ehemaligen Auszubildenden genäht und dafür im Atelierwettbewerb des Bundeskongresses der Maßschneider 2014 eine Goldmedaille erhalten.

Über hundert Stunden haben die beiden an dem preisgekrönten Maßanzug gearbeitet, hunderte Schnitte gemacht und tausende Nadelstiche mühevoll mit der Hand gesetzt. Handarbeit sei die Voraussetzung für die hohe Qualität ihrer Herrenmode, für die die modebewusste Schneiderin bereits mehrfach ausgezeichnet wurde. Ein weiteres Merkmal ist die exakte Passform. "Einen Maßanzug erkennt man daran, dass man ihn eben nicht erkennt. Es sind die schlechtsitzenden Anzüge, die auffallen", erläutert Schönherr. Als "zurückhaltende Schönheiten", die dem Träger ein Stück Lebensgefühl vermitteln, beschreibt die 38-Jährige ihre Einzelstücke, die im Vergleich zur industriell gefertigten Variante wie eine zweite Haut passen würden.

Herrenschneider-Handwerk ist beliebt

Zu ihren Kunden zählen Menschen, die gute Qualität schätzen, Gewichtsprobleme haben oder asymmetrische Körperproportionen besitzen. Für einen von Schönherrs gutsitzenden Anzügen zahlen sie durchschnittlich 2.800 Euro. Acht bis zehn Wochen Wartezeit nehmen sie dafür in Kauf. So lange dauert nämlich die Herstellung – Beratungsgespräch und zwei Anproben miteingerechnet.

Neben ihrem Atelier kennt Schönherr circa 20 andere deutsche Schneidereien, die Maßanzüge herstellen. Auch ein Grund dafür, dass ihre Herrenmode so gefragt ist. Die Schneiderin bekommt mehr Aufträge, als sie abarbeiten kann: Rund zweieinhalb Anzüge fertige sie im Monat. Um den Nachwuchs in ihrer Branche macht sie sich ebenfalls keine Sorgen: Als Schönherr eine Lehrstelle zu vergeben hatte, erhielt sie mehr als 40 Bewerbungen aus ganz Deutschland. "Mit so einer großen Menge hatte ich gar nicht ­gerechnet", sagt sie, immer noch überrascht.

Schneidekunst von Mönch gelernt

Eva Schönherr

Sie selbst lernte das traditionelle Schneiderhandwerk nicht bei irgendwem, sondern bei Bruder Gerhard Busche im Kloster Frauenberg in Fulda. Für seine Maßanzüge ist der Mönch in der Region Ost­hessen bestens bekannt. Weil er sich nicht auf das Nähen von Ordenskleidung beschränken wollte, bot er seine Schneidekunst auch außerhalb der Klosterwände an: "Bruder Gerhard ist einer der besten Herrenschneider Deutschlands", sagt Schönherr, die sich gerne an ihren erfahrenen Lehrmeister erinnert. Als dieser 2010 mit der "Goldenen Schere" ausgezeichnet wurde, dem bedeutendsten Branchenpreis des Maßschneiderhandwerks, war Schönherr Teil seines Teams.

17 Jahre blieb sie in der Klosterschneiderei. Ihre Liebe zum Beruf wuchs dort mit jedem Nadelstich, obwohl die Mutter einer sechsjährigen Tochter ursprünglich Goldschmiedin werden wollte. "Heute will ich nichts anderes machen", sagt sie überzeugt. Von Bruder Busche habe sie gelernt, worauf es beim Schneidern von Herrenmode ankommt: "Vor allem auf Genauigkeit, ein gutes Vorstellungsvermögen, viel Geduld und eine gewisse Leidensfähigkeit. Beim kleinsten Fehler muss man schließlich wieder von vorne anfangen." Traurig war sie, als die Verkaufsstelle des Klosters geschlossen werden musste: "Gleichzeitig sah ich das als Chance. Es war immer mein Traum gewesen, mich selbstständig zu machen." 2013 erfüllte sie sich diesen Wunsch.

Designs sind von Kunden inspiriert

Heute gilt sie als eine der Besten ihres Fachs. In ihrer kleinen Nähstube fertigt sie die aufwendigen Maßanzüge an ratternden Nähmaschinen und glättet die dicken Stoffe mit schweren Bügeleisen, aus denen weißer Dampf aufsteigt. Lehrling Frederike Lips kümmert sich um eine kleine Näharbeit und schwingt dabei gekonnt Nadel und Faden. Sie, zwei Gesellinnen und eine selbstständige Damenschneiderin unterstützen Schönherr im Atelier. Neben Maßanzügen bietet diese auch Maßhemden, Maßkonfektion sowie klassische Damenmode an. Einen Teil der Arbeit gebe sie zwar ab, an den Anzügen arbeite sie jedoch stets mit, um weiterhin eine hohe Qualität zu gewährleisten. Zudem ist es ihr wichtig, den persönlichen Kontakt zu ihren Auftraggebern beizubehalten: "Für sie ist die Herstellung ihres eigenen Maßanzuges immer ein ganz besonderes Erlebnis. Sie erleben es eins zu eins mit."

Maße nehmen

Die Entstehung beginnt mit einem Beratungsgespräch. Dafür nimmt sich die Schneidermeisterin mindestens anderthalb Stunden Zeit, in denen sie versucht, ihre Kunden möglichst gut kennenzulernen. "Sie sind meine Inspiration. Ich orientiere mich an ihrem Typ, ihrer Balance, der Körperform und den Proportionen." Trends beachte sie weniger: "Mal sind längere, mal kürzere Sakkos beliebt. Für meine Kunden ist das aber nicht wichtig." Aus über 1.500 hochwertigen Stoffen aus Italien, Schottland oder England wählt Schönherr gemeinsam mit den Männern das passende Muster aus. Im nächsten Schritt nimmt sie die Maße und zeichnet das erste Schnittmuster. Erst jetzt folgen die aufwendige Arbeit in der Nähstube sowie eine erste Anprobe, in der bereits die Ärmel grob eingeheftet und das Innenfutter eingefügt werden. "Zu sehen, wie der eigene Maßanzug Gestalt annimmt, löst bei vielen einen Aha-Effekt aus." Der schönste Moment sei schließlich, wenn die Herren das fertige Stück anprobierten: "Es bewegt mich, wenn die Männer selbstbewusst vorm Spiegel stehen, ihre Augen glänzen und sie denken ‚Das ist mein Anzug‘". Dann weiß Schönherr: Sie hat wieder jemanden zum Anzugträger gemacht.

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