Meinung -

Leitartikel zu 25 Jahre Mauerfall Wo ist der Geist vom Herbst 89?

Vor 25 Jahren haben die Ostdeutschen gegen die Diktatur in der ehemaligen DDR aufbegehrt. Sie demonstrierten auch für freie Wahlen - ein Recht, das sie heute kaum noch wahrnehmen. Dabei können sie auf das Erreichte stolz sein.

Zu drei Landtagswahlen waren die Bundesbürger in diesem Sommer aufgerufen. Mit ernüchterndem Ergebnis: Gerade noch jeder zweite Sachse, Brandenburger oder Thüringer macht von seinem Wahlrecht Gebrauch.

25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer erreicht die Politikverdrossenheit ausgerechnet dort besorgniserregende Ausmaße, wo im Herbst ’89 die Bürger mit viel Mut und Entschlossenheit für die erste friedliche Revolution auf Erden gesorgt haben. Wie konnte diese Aufbruchstimmung in eine derartige Lethargie verfallen? Waren doch das Recht auf freie Wahlen sowie Rede- und Meinungsfreiheit zentrale Forderungen, für die die Bürger der ehemaligen DDR zu hunderttausenden auf die Straße gingen.

Die Schere zwischen Ost und West schließt sich langsam, aber stetig

Klar, bei der Wirtschaftskraft hinken die neuen Bundesländer noch immer dem Westen hinterher. Vier Jahrzehnte sozialistische Planwirtschaft, die noch die Reparationsleistungen an die sowjetische Besatzungsmacht zu verkraften hatte, lassen sich nicht mit Reden von blühenden Landschaften überwinden. Wer aber offenen Auges durch Ostdeutschland fährt, kann die positive Entwicklung seit 1989 nicht übersehen. Die meisten Häuser sind saniert, die Straßen vielerorts besser in Schuss als im Westen, wo inzwischen auch die ersten Gegenden mit Abwanderung zu kämpfen haben.

Die Schere zwischen Ost und West schließt sich langsam, aber stetig. Auch deshalb darf der Solidaritätszuschlag im Jahr 2019 auslaufen. Die Ostdeutschen sollten genug Selbstvertrauen haben, sich von diesem Tropf zu lösen.

Denn der Wandel, der sich in den vergangenen 25 Jahren vollzogen hat, ist ja nicht das Resultat der Transferleistungen von West nach Ost. Er ist vor allem dem Leistungswillen der Ostdeutschen selbst zu danken.

Handwerk schafft Arbeits- und Ausbildungsplätze

Das Handwerk hat dabei eine tragende Rolle gespielt. Die Arbeits- und Ausbildungsplätze sind wichtige Stützen beim Aufbau gewesen. Und sie werden es bleiben, wenn die Betriebe nicht von der Politik immer stärker reglementiert werden.

Die Bilanz von 25 Jahren Freiheit und Demokratie in den neuen Bundesländern kann sich also sehen lassen. Trotzdem drückt die Wahlbeteiligung von diesem Sommer eine tiefe Enttäuschung aus.

Beim Vergleich der Gegenwart mit ihrem Leben in der DDR scheinen viele Ostdeutsche nicht den materiellen Wohlstand als Maßstab zu nehmen. Ihnen fehlt der menschliche Faktor. Statt der Entfaltungsmöglichkeiten sehen sie die Ellenbogengesellschaft. Statt Mut zur Veränderung aufzubringen, hadern viele Ostdeutsche mit dem Status quo ihrer Realität. Dabei wäre der Gang zur Wahlurne die einfachste Möglichkeit, sich in gesellschaftliche Prozesse einzubringen. Noch besser wäre, sich aktiv einzumischen in die Politik. Mitzumachen statt zuzusehen.

Beispielhaftes Engagement: Angela Merkel und Joachim Gauck

Mit Angela Merkel und Joachim Gauck haben es zwei Ostdeutsche in die höchsten Ämter der Republik geschafft. Über ihre politischen Überzeugungen mag man streiten – ihr Engagement, sich für die eigenen Ideale einzusetzen, ist beispielhaft. Und ihr Werdegang zeigt, dass sich Engagement lohnt.

Blicken wir in die Zukunft: Wünschenswert wäre es, wenn Ost- und Westdeutschland so bald wie möglich nur noch für geografische Angaben stehen und nicht als Chiffre für ein Wohlstandsgefälle.

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