Stuttgart -

Podiumsdiskussion Wirtschaftsministerin nimmt einige Hausaufgaben mit

Was nun, Frau Ministerin?“ – vor diese Frage stellten die Handwerker immer wieder Nicole Hoffmeister-Kraut bei einer lebendigen Diskussionsrunde. Mit den Themen Fahrverbote, Fachkräftemangel und Chancengleichheit war die Wirtschaftsministerin auf der Bühne gefordert – Antworten waren gefragt.

„Mittelstand und Handwerk habe ich zur Chefsache erklärt“, betonte Hoffmeister-Kraut vor über 200 Gästen Mitte April im Forum der Handwerkskammer. Und wenn die Chefin schon im Haus ist, so dachten sich zahlreiche Zuhörer, konfrontieren wir sie gleich mit unseren individuellen Problemen. Deshalb war sie sofort nach der Diskussionsrunde umlagert von Mittelständlern. Mit geduldigem Zuhören, spontanen Hilfestellungen und einem Stapel Visitenkarten versorgte sie die Handwerker und bewies, dass sie es mit der „Chefsache“ tatsächlich ernst meint.

„Sie müssen sich keine Sorgen machen – es wird für Sie Ausnahmenregelungen geben.“ Nicole Hoffmeister-Kraut

Auch beim Thema Feinstaub will sie das Handwerk nicht im Regen stehen lassen. „Sie müssen sich keine Sorgen machen – es wird für Sie Ausnahmenregelungen geben“, so relativierte sie die Ankündigung der Landesregierung, den Luftreinhalteplan ab kommendem Jahr umgesetzt haben zu wollen. Alles andere käme für Torsten Treiber, Obermeister der Innung für das Kraftfahrzeuggewerbe Region Stuttgart, gar nicht in Frage.

„Die derzeitige Verunsicherung ist Gift, wir brauchen rasch Planungssicherheit und die Ausnahmen.“ Er könne sich nicht vorstellen, dass Handwerker auf Ämter rennen, um Genehmigungen zu holen. Seinen Vorschlag, dass Fahrzeuge mit Stuttgarter Kennzeichen generell freie Fahrt haben oder Aufträge als Freifahrtschein gelten, kommentierte die Ministerin aber nicht.

Fahrverbot heißt Arbeitsverbot

Lust auf Elektrofahrzeuge machte Bettina Schmauder vom gleichnamigen Autohaus in Kirchheim/Teck. Das funktioniere zwischenzeitlich immer besser, sagte sie. Für den reinen Wirtschaftsverkehr sieht das Hermann Blattner aus Stuttgart eher skeptisch. „Weder passende Elektronutzfahrzeuge noch Ladeinfrastruktur, auch keine Euro-6-Laster, wir können auf nichts zurückgreifen, was einen Umstieg wirtschaftlich darstellbar macht“, konstatierte der Stuckateurunternehmer. „Das Fahrverbot käme einem Arbeitsverbot für meine Mitarbeiter gleich.“

Auch die Chancengleichheit beschäftigt Blattner, der als Obermeister seiner Innung den Überblick über die Branche hat. „Da sehen wir uns ungleich behandelt“, richtete er die Botschaft an die Ministerin. „Wir bezahlen unsere Beiträge an die Sozialversicherung, an die Soka-Bau und vieles mehr. Die osteuropäischen Firmen hingegen nutzen den offenen Markt und drücken uns mit ihren Dumpingpreisen an die Wand – und dieser graue Markt wird nicht mal kontrolliert, weil das Personal fehlt.“ Eine prompte Antwort hatte die Ministerin für dieses Branchenthema nicht parat. Sie zeigte sich aber lernfähig: „Ich bin jetzt sehr sensibilisiert – das ist eine klare Botschaft. Die nehme ich mit.“

„Wir prüfen auch, ob die Meisterprämie wie in Bayern in Frage kommt.“ Nicole Hoffmeister-Kraut

Eindeutig ist die Haltung der Ministerin zur herausragend guten Ausbildungsqualität des Handwerks. Dies bekräftigte sie auch beim Eingangsstatement kämpferisch: „Glauben Sie es mir, es wird nicht passieren, dass unser Ausbildungssystem, um das uns die Welt beneidet, geschwächt wird.“ Um an den Gymnasien für eine berufliche Ausbildung zu werben, werde dort jetzt intensiv über das Thema Wirtschaft gesprochen. „Vor allem wollen wir dort die Eltern erreichen und die Vorteile der dualen Ausbildung vorstellen.“ Die Abiturienten seien für die Betriebe wichtig, betonte Bettina Schmauder. „Die Gymnasien haben bisher nur für die Unis ausgebildet – wir brauchen die schlauen Köpfe aber auch.“

„Wir können auf nichts zurückgreifen, was einen Umstieg wirtschaftlich darstellbar macht.“ Hermann Blattner

Generell leide die Qualität der Bewerber, deshalb sei es wichtig, aus allen Schularten Nachwuchs im Betrieb zu haben. „Wir brauchen alle im Handwerk“, so ihr Plädoyer. Doch an der Gleichbehandlung zwischen beruflicher und akademischer Ausbildung müsse die Politik noch arbeiten. „Der Meister muss noch gestärkt werden. Ein Meisterschüler bekommt nicht mal ein vergünstigtes VVS-Ticket.“ Diese Stärkung der Gesellen- und Meisterausbildung, so die Wirtschaftsministerin, sei ein großes Anliegen ihres Hauses. „Wir prüfen auch, ob die Meisterprämie wie in Bayern in Frage kommt.“

Einen Videorückblick mit der baden-württem­bergischen Wirtschaftsministerin im Interview finden Sie unter hwk-stuttgart.de/wnfm2017

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