Existenzen in der Pandemie Wirtschaftliche Corona-Folgen: Selbstständige besonders betroffen

Die Corona-Krise belastet Selbstständige stark, insbesondere Frauen. Eine neue Studie gibt genauere Einblicke und Solo-Selbstständige aus dem Handwerk berichten über ihre aktuelle Situation. Ein Zwischenstand.

Maßschneiderin steckt Brautkleid an Puppe
Besonders solo-selbstständige Frauen hat die Corona-Krise wirtschaftlich getroffen. Da große Feiern und Hochzeiten ausfielen, hatten zum Beispiel viele Maßschneider und Maßschneiderinnen keine Aufträge mehr. - © Bostan Natalia - stock.adobe.com

Seit gut eineinhalb Jahren bestimmt das Corona-Virus unseren Alltag. Viele Handwerksbetriebe mussten zwischenzeitlich ihre Geschäfte schließen oder zumindest ihre Arbeitsweise ändern. Betroffen waren Handwerker quer durch alle Gewerke. Vor allem Solo-Selbstständige waren über Monate auf staatliche Hilfen angewiesen.

Wie stark Selbstständige im Gegensatz zu Angestellten von den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie getroffen wurden, zeigt eine neue Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. Jeder dritte Selbstständige hat demnach im Verlauf der Corona-Krise Einkommen eingebüßt. Insbesondere Solo-Selbstständige habe die Krise schwer belastet.

Arbeitszeiten um ein Drittel zurückgegangen

Die Studienleiter wollten vor allem wissen, wie sich Arbeitszeiten und Einkommen in der Krise verändert haben. Von den befragten Selbstständigen gaben im April 2020 33 Prozent an, "zeitlich spürbar weniger" als vor der Pandemie gearbeitet zu haben. Im Juli 2021 waren es immerhin noch 21 Prozent. Das sind deutlich mehr als unter abhängig Beschäftigten.

Die Arbeitszeiten sind insbesondere bei den Solo-Selbstständigen zum Teil massiv eingebrochen, heißt es in der Studie: Im Schnitt kamen sie im Frühjahr letzten Jahres nur noch auf zwei Drittel ihres üblichen Pensums. Aktuell lägen sie mit durchschnittlich 31,9 Wochenstunden weiterhin weit unter dem Vorkrisenniveau von 37,7 Stunden. Bei den anderen Studienteilnehmern hätten sich die Arbeitszeiten im Mittel wieder weitgehend normalisiert.

Einkommen vor allem bei Frauen gesunken

Nachdem im Frühjahr 2020 erneut im Winter 2020/2021 viele Teile der Wirtschaft über Monate runtergefahren wurden, waren viele Menschen auf staatliche Hilfen angewiesen. Die Bundesregierung beschloss zahlreiche Förderungen. Dabei zeigten sich immer wieder Probleme für die Selbstständigen, die zum Beispiel nicht auf das aufgestockte Kurzarbeitergeld zurückgreifen konnten und auch bei anderen Hilfsprogrammen durchs Raster fielen. 

Die Ergebnisse der WSI-Studie spiegeln diese Diskrepanz zwischen den Selbstständigen und den abhängig Beschäftigten wider. 44 Prozent der Solo-Selbstständigen, 37 Prozent der Selbstständigen und nur 21 Prozent der abhängig Beschäftigten gaben an, dass sich die Corona-Krise negativ auf das Einkommen ausgewirkt habe. Auf eigene Ersparnisse zurückgreifen mussten 41 Prozent der Selbstständigen, im Vergleich zu 22 Prozent der abhängig Beschäftigten.

Betrachtet man, wie viel Geld die Befragten monatlich zur Verfügung haben, so ist laut Studie bei den Selbstständigen eine klare Verschiebung nach unten festzustellen: Der Anteil derjenigen mit weniger als 1.500 Euro netto im Monat hat sich verdoppelt. Am stärksten betroffen seien hier solo-selbstständige Frauen, von denen aktuell 33 Prozent weniger als 1.500 Euro verdienen. Bei den Männern lägen nur 18 Prozent unter diesem Niveau.

Finanzielle und psychische Belastung bei Selbstständigen höher

Die Studie belegt außerdem, dass sich Selbstständige seit Beginn der Krise durchgehend häufiger Sorgen um ihre eigene Beschäftigung und ihre wirtschaftliche Existenz machen: Im April 2020 betrug der Anteil 35 Prozent, zuletzt waren es 19 Prozent, im Vergleich zu 22 und 12 Prozent bei den abhängig Beschäftigten.

Die Selbstständigen nehmen ihre Arbeitssituation auch deutlich häufiger als äußerst oder stark belastend wahr. Finanziell stark belastet fühlten sich vor allem die Solo-Selbstständigen.

Differenzierte Lage der Selbstständigen im Handwerk

Vom Konditorei-Café über das Goldschmiedeatelier bis zum Friseursalon zeigte sich während der Corona-Krise ein sehr unterschiedliches, aber oft trauriges und existenzbedrohendes Bild der Selbstständigen im Handwerk. Einige Monate nachdem der Großteil der Einschränkungen für die Wirtschaft aufgehoben wurde, ist die Lage immer noch durchwachsen, wie folgende Beispiele zeigen.

Friseure haben weiter mit Umsatzminus zu kämpfen

Seit einigen Monaten haben die Friseursalons in Deutschland wieder geöffnet. Die Lage ist aber noch nicht völlig entspannt. Der Zentralverband des Friseurhandwerks (ZV) berichtet, dass viele Betriebe immer noch mit Problemen zu kämpfen haben.

Nach einem ersten "Run" auf die Salons, spüre die Branche nun, dass viele Kunden nicht so häufig zum Friseur gehen wie vor der Pandemie. Die Zurückhaltung der Kunden führe dazu, dass der Umsatz weiter sinkt. "Das ist ein großes Problem für die Branche", sagte ZV-Hauptgeschäftsführer Jörg Müller der Deutschen Presse Agentur Ende August.

Das Statistische Bundesamt hatte für die ersten drei Quartale 2020 ein Umsatzminus von 11,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ermittelt. Nach Schätzung von Müller sei der Umsatzrückgang im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten auch weiter zweistellig.

"Das wird ein schwieriger Herbst und Winter", so Müller weiter. Die Kosten seien in vielen Betrieben "aus dem Ruder gelaufen" und die immensen Einnahmeausfälle des Lockdown-Winters hätten die Friseurmeister nicht mal annähernd kompensieren können – trotz zuletzt gestiegener Preise, die das Statistische Bundesamt vermeldet hatte. In Deutschlands Friseursalons gibt es nach Verbandsangaben rund 240.000 Vollzeitstellen und damit fünf Prozent weniger als vor Corona.

Kosmetikerin dankbar, dass Stammkunden zurück sind

Eine Berufsgruppe, die vom Lockdown ebenfalls hart getroffen war, sind die Kosmetiker. Heidi Hofmann, die bereits Anfang 2021 mit der DHZ über ihre damals existenzbedrohende Situation sprach, zeigt sich mittlerweile zuversichtlicher. Ihr Terminkalender sei voll, so die selbstständige Kosmetikerin. Es zeige sich, dass sie sich in ihrem kleinen Kosmetikstübchen in Bamberg auf ihre Stammkunden verlassen könne.

Auch mit den aktuellen Corona-Regeln hat sie in ihrem Salon keine Probleme. "90 bis 95 Prozent meiner Kunden sind geimpft. Ich hätte also auch kein Problem damit, wenn eine 2G-Regelung für Kosmetikstudios eingeführt wird. Auch wenn ich mir das natürlich nicht wünsche", so die Handwerkerin.

Der Friseurverband rechnet bei einer 2G-Regel hingegen mit größeren Problemen für die Branche insgesamt. Zu viele Kunden müssten dann wieder nach Hause geschickt werden. Ähnlich würde es sicherlich zahlreichen Kosmetikern ergehen.

Hofmann hatte sich vor allem während des zweiten Lockdowns große Sorgen um ihren Betrieb gemacht. Umso weniger belasten sie dafür nun die Auflagen – stets mit Maske arbeiten, Kunden nach dem Impfstatus befragen, zwischendurch lüften – obwohl die Regelungen rund drei bis vier Stunden unbezahlte Mehrarbeit pro Woche kosten.

Die Kosmetikerin hofft, dass sie auch über den Herbst und Winter ihrer Arbeit weiter nachgehen kann. Die Erfahrungen des letzten Lockdowns hätten sie sehr verunsichert.

Maßschneiderin leidet weiterhin unter Auftragsrückgängen

Eine Soloselbstständige, die aktuell leider noch nicht auf dem Vorkrisenniveau angekommen ist, ist Birgit Brodbeck. Die DHZ sprach ebenfalls Anfang 2021 mit ihr, über die Auftragslage in ihrer Schneiderei in Deizisau bei Stuttgart. Damals war das größte Problem, dass festliche Anlässe untersagt waren, für die sie traditionell viele Kleidungsstücke fertigt.

Zwar sind Hochzeiten oder Konzerte – wenn auch unter Auflagen – wieder erlaubt. Doch ihre Kunden sind trotzdem sehr zurückhaltend. Aktuell hat die Maßschneiderin noch wenige Aufträge in ihrem Büchlein stehen. Ob danach schnell wieder etwas reinkommt, weiß sie noch nicht. Dabei stünde bald das Weihnachtsgeschäft an.

Finanziell zehrt sie immer noch von der Neustarthilfe, die sie Anfang des Jahres ausgezahlt bekommen hatte. Weitere staatliche Hilfen möchte sie aber nicht in Anspruch nehmen. Sie hofft, dass bald wieder mehr Kunden den Wert ihrer Handwerksarbeit schätzen lernen und weniger auf billige und kurzlebige Kleidung setzen.

Um dem Maßschneiderhandwerk ein besseres Image und eine stärkere Präsenz als Ausbildungsberuf zu verleihen, engagiert sich Brodbeck nun als Vorsitzende des Landesinnungsverbandes Baden-Württemberg. "Immerhin ein Gutes hat Corona gebracht. Wir haben gelernt, dass man nicht für jedes Meeting vor Ort sein muss und können die gewonnene Zeit dafür einsetzen, eine Landesinnung aufzubauen und uns schneller via Online-Konferenz absprechen", sagt Brodbeck.

Teilnehmer der WSI-Studie, aufgeschlüsselt nach Branche

BrancheSolo-SelbstständigeSelbstständige mit Mitarbeitern
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei45
Öffentliche Verwaltung (Bund, Länder und Kommunen)00
Energie, Wasserversorgung, Bergbau02
Sonstiges produzierendes Gewerbe58
Bergbau1111
Handel, Kfz- Gewerbe912
Verkehr und Logistik11
Gastgewerbe210
Medien, Information, Kommunikation, Kunst72
Finanz- und Versicherungsdienstleistungen33
Grundstücks- und Wohnungswesen2632
Gesundheits- und Sozialwesen35
Sonstige Dienstleistungen (auch von freien Berufen erbracht)2410
Erziehung und Unterricht51
Befragte Personen856492
Quelle: WSI, auf Anfrage der DHZ

Anmerkung: Es handelt sich bei den Zahlen jeweils um Angaben in Prozent. An 100 Prozent fehlende oder überschüssige Angaben sind Rundungsfehler. Die Studienmacher weisen darauf hin, dass sie in Bezug auf die Branchenverteilung keine 100 Prozent Repräsentativität beanspruchen.

>>> Die gesamte Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts zum Nachlesen