Für Ausbilder -

Kolumne Wird ein Praktikum als Probezeit angerechnet?

Eine Augenoptikerin kündig ihrem Lehrling im ersten Monat. Dieser hält die Kündigung für unwirksam, weil er bereits ein Praktikum absolviert hat. Ausbildungsberater Peter Braune erklärt, wie sich ein Praktikum auf die Ausbildung und die Probezeit auswirkt.

Der Irrtum bereinigt keinen Denkfehler. Das mussten die Eltern von einem jungen Mann lernen, der im Laden einer Augenoptikerin zum Kaufmann im Einzelhandel ausgebildet werden sollte.

Die Inhaberin hatte einen Volljährigen, zur Überbrückung und bis zum Beginn der Ausbildung, für sechs Monate als Praktikant beschäftigt. Im Ausbildungsvertrag vereinbarten die zwei eine Probezeit von vier Monaten. Im ersten Monat der Ausbildungszeit kündigte die Ausbildende den Vertrag.

Der junge Mann beriet sich mit seinen Eltern. Die waren der Meinung, die Kündigung wäre nicht möglich, weil das Praktikum schon eine Probezeit gewesen wäre. Die grundlose Kündigung sei damit unwirksam, weil die Augenoptikerin sie erst nach dem Ablauf der Probezeit erklärt habe. Der Sohn müsste weiter ausgebildet werden. Sie erinnerten sich daran, dass er zu Beginn des Praktikums an einer Schulung über die Augenoptik teilgenommen hatte. Direkt danach war er am Verkauf der Brillen und des Zubehörs beteiligt. Er durfte auch an den Unterweisungen der Auszubildenden teilnehmen und führte viele Tätigkeiten aus, die auch von denen erledigt wurden. Dazu gehörten die Lagerarbeiten und die Bearbeitung der Bestellungen.

Ein Schlichtungsausschuss kann bei einer Kündigung vermitteln

Der Vater arbeitet in einer Bank und informierte sich dort, beim Betriebsrat, über die Möglichkeiten seines Sohnes. Der Vorsitzende hatte einmal etwas vom Schlichtungsausschuss gehört, denn bei so einem Streitfall führte, nach seiner Kenntnis, der Weg zum Arbeitsgericht über den Schlichtungsausschuss der Industrie- und Handelskammer.

Hier wäre jedoch zunächst zu prüfen, ob bei der für die Ausbildung zuständigen Innung oder Kammer ein Schlichtungsausschuss besteht. Die können, für die Streitigkeiten zwischen den Auszubildenden und Ausbildenden, bei den Handwerksinnungen oder Kammern eingerichtet werden. Ob vor Ort ein solcher Ausschuss besteht, das müsste hier erst einmal ermittelt werden.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch noch die Frage, ob der Betrieb ein Mitglied der Handwerkskammer oder der Industrie- und Handelskammer ist, ob er eine geteilte Mitgliedschaft hat und bei welcher der beiden zuständigen Stellen der Ausbildungsvertrag, vor Beginn der Ausbildungszeit, in das Verzeichnis der Berufsausbildungsverträge eingetragen wurde. Diese Arbeit können sich die Beteiligten jedoch sparen, denn sowohl die Eltern als auch der Betriebsrat sind leider auf dem falschen Dampfer.

Eine Ausbildung beginnt immer mit einer Probezeit

Durch das Berufsbildungsgesetz ist zwingend angeordnet, dass ein Berufsausbildungsverhältnis immer mit einer Probezeit beginnt. Das Bundesarbeitsgericht hat hierzu einen vergleichbaren Fall entschieden. Wenn die Auszubildenden, vor dem Beginn ihrer Ausbildung ein Praktikum im Ausbildungsbetrieb gemacht haben, wird die Praktikumszeit nicht mit der Probezeit verrechnet. Eine Anrechnung von Zeiten, in denen zwischen den Ausbildenden und Auszubildenden bereits ein anderes Vertragsverhältnis bestand, ist im Berufsbildungsgesetz nicht vorgesehen. An der Unterscheidung von einem Berufsausbildungsverhältnis und dem Praktikum hat sich auch durch das Mindestlohngesetz nichts geändert. Danach ist ein Praktikum keine Berufsausbildung im Sinne des Berufsbildungsgesetzes.

Für die Nichtanrechnung einer Praktikumszeit spricht auch, dass in der Gesetzgebung sogar bei den geregelten Qualifizierungsmaßnahmen, die im Vorfeld einer Berufsausbildung angeboten werden, eine Anrechnung auf die Probezeit, im darauffolgenden Ausbildungsverhältnis, nicht vorgesehen ist. Das wäre zum Beispiel eine Einstiegsqualifizierung, die der Vermittlung und Vertiefung von Grundlagen für den Erwerb der beruflichen Handlungsfähigkeit dient.

Die Augenoptikerin ist grundsätzlich dazu berechtigt, eine Person in einem Praktikum zu beschäftigen. Dabei handelt es sich in der Regel um eine Schülerin oder einen Schüler aus einer allgemein bildenden Schule. Die meist halbtägige und unbezahlte Tätigkeit soll ein Bild des Arbeitslebens vermitteln. Eine vergütungspflichtige Arbeitsleistung wird hier nicht erbracht. Von einem derartigen Praktikum kann in diesem Fall nicht gesprochen werden.

Die Praktikanten sind Personen, die berufliche Kenntnisse, Fertigkeiten und Erfahrungen sammeln wollen. Ihre Arbeitsleistung sollte den Erwerb von beruflichen Kenntnissen nicht überwiegen. Das Praktikum ist damit eine betriebliche Tätigkeit, ohne eine systematische Berufsausbildung zu sein. Sie sind keine billigen Arbeitskräfte und in der Regel nur kurz im Unternehmen. Für die Augenoptikerin besteht die Pflicht, die beruflichen Einblicke zu vermitteln, die Kenntnisse zu fördern und die beruflichen Fertigkeiten zu vertiefen. Sie sollten auch nicht ausschließlich mit den üblichen Aushilfstätigkeiten, wie dem Kaffeekochen oder Postsortieren beschäftigt werden.

Ihr Ausbildungsberater Peter Braune

Peter Braune

Peter Braune hatte Farbenlithograph gelernt, war Ausbilder und bestand in dieser Zeit die Ausbildungsmeisterprüfung. Er wechselte als Ausbildungsberater zur Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main. Dort baute er dann den gewerblich-technischen Bereich im Bildungszentrum auf und leitete die Referate gewerblich-technischen Prüfungen sowie Ausbildungsberatung, zu der auch die Geschäftsführung vom Schlichtungsausschuss gehörte. Danach war er Referent für Sonderprojekte.

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