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Präsident Peter Börner zu den Herausforderungen im Karosserie- und Fahrzeugbau "Wir Verbände müssen zusammenrücken"

Neues Mitglied beim Kraftfahrzeuggewerbe, Werbung im Auto und lohnende Kundschaft: Peter Börner, Präsident der Karosserie- und Fahrzeugbauer, über die Herausforderungen an seine Branche, die Stärken der Organisation und den Preisdruck der Versicherer.

Erst vor kurzem ist der Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugbau (ZKF) dem Zentralverband Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) beigetreten. ZKF-Präsident Peter Börner spricht über die Gründe für den Beitritt, über die Macht des Displays im Auto sowie den Preiskampf auf dem Versicherungsmarkt und seinen Folgen.

Peter Börner

DHZ: Sie sind vor kurzem als Verband dem Zentralverband Deutsches Kraftfahrzeuggewerbe (ZDK) beigetreten. Geht das Angebot Ihrer Betriebe jetzt nicht im Allround-Angebot des Kfz-Gewerbes unter?

Peter Börner: Der Spezialist für das Thema Karosserie und Lack sind wir im Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik (ZKF). Dies ist unmissverständlich und wird vom ZDK genauso gesehen. ZDK-Präsident Karpinski bemerkte bei seiner Mitgliederversammlung ganz richtig, dass „nun das zusammen ist, was zusammengehört!“. Das Auto verwächst in seiner Technik und den Assistenzsystemen immer stärker mit der Karosserie, weshalb auch wir Verbände näher zusammenrücken müssen. Betrachtet man, was der Kunde von seiner Werkstatt erwartet, verlangt dieser doch: Reparier das Auto! Der will nicht wissen, ob das Öl, Blech, Lack oder Stoßdämpfer bedeutet.

DHZ: Fürchten Sie nicht, dass Ihnen die Mitglieder ausgehen?

Börner: Die Gefahr ist da. Aber das ist für uns Wettbewerb und Motivation, stärker auf die Leistungen für das Mitglied zu achten. Außerdem gelingt es nur einer größeren, europaweit tätigen Organisation, ihre Wünsche bei der Politik einzufordern und durchzusetzen. Das schaffen wir nicht, wenn wir mit den 3.000 im ZKF organisierten Betrieben in Brüssel auftauchen. Da hört Ihnen keiner zu. Gemeinsam mit dem ZDK sieht dies anders aus. Wir haben als Kfz-Branchen auf europäischer Ebene ja schließlich dieselben Anforderungen an die Politik.

"Für uns ist entscheidend, ob ein Auto irgendwann überhaupt noch ein Lenkrad oder einen Eigentümer hat."

DHZ: Wo sehen Sie die großen Herausforderungen für die Branche?

Börner: Unsere Branche lebt davon, industrielle Produkte nach einem Unfall oder Schaden zu reparieren. Daher ist es für uns ganz entscheidend, wie die Industrie das Auto definiert und liefert – nicht nur der wie auch immer geartete Antrieb oder die technische Ausstattung, sondern auch die Frage in der Zukunft, ob es überhaupt noch ein Lenkrad oder einen Eigentümer des Fahrzeugs gibt. Das sind alles Fragen, die die Gesellschaft umtreiben und unsere Branche maßgeblich verändern werden.

DHZ: Können Sie dafür ein Beispiel geben?

Börner: Einige Wirtschaftswissenschaftler behaupten, in zehn Jahren gebe es nur noch insgesamt zehn Eigentümer aller jährlich drei Millionen Neuzulassungen in Deutschland, weil sich kein Privatmann mehr Neuwagen kauft, sondern weil alle Menschen nur verschiedene Formen der Mobilität nutzen. Mit einem Zugangscode kann ich dann jedes Auto meines Mobilitätsanbieters, wo auch immer, nutzen. Für uns als Dienstleister bleibt aber bedeutend, wer für diese zehn Eigentümer den Service und die Reparaturen macht. Wird das in großen Fabriken oder beim kleinen Handwerker erledigt? Oder werden die Autos irgendwohin gefahren, wo die Reparatur am Ende drei Euro die Stunde günstiger ist? Unsere Mitglieder sollten sich heute schon Gedanken darüber machen, wie sie diesen Weg dorthin mitgestalten.

DHZ: Gibt es bei wenigen großen Eigentümern entsprechend große Anbieter Ihrerseits?

Börner: Nein, denn der Service und die Reparatur hat nichts mit Größe zu tun, sondern muss regionale Lösungen sein. Man muss im Kleinen vor Ort sein, um den Bedarf zu decken.

"Parkassistenzsysteme verursachen noch mehr Parkschäden als vorher."

DHZ: Inwieweit hilft es Ihnen, dass Autos technisch immer komplexer werden und damit störanfällige Technik repariert werden muss?

Börner: Ich glaube, wir sind über "störanfällig" hinweg, die Fahrzeuge werden immer besser und die Technik macht das, was sie soll. Die Kernfrage zielt aber darauf ab, ob die Assistenzsysteme helfen, Unfälle und Reparaturen zu vermeiden. Wir haben gerade eine Studie abgeschlossen, die ein großer Versicherer bezahlt hat. Dabei kommt heraus, dass die Parkassistenzsysteme noch mehr Parkschäden verursachen als vorher.

DHZ: Weil die Leute sich zu stark darauf verlassen?

Börner: Richtig. Bei Einführung des ABS vor 30 Jahren hat man uns prophezeit, dass wir Unfall- und Reparaturbetriebe ab sofort arbeitslos sein würden. Das Gegenteil hat sich bewahrheitet. Die Elektronik und Systemvernetzung im Auto war eine ganze Zeit eine echte Herausforderung für den Kfz-Service. Das hat sich inzwischen maßgeblich verändert. Die Qualität und Vernetzung der Systeme untereinander ist viel besser geworden. Das Problem liegt heute eher in der Ausgrenzung der Servicebetriebe. Bauen wir zum Beispiel einen Scheinwerfer ein, muss das Steuersystem mit dem Auto „verheiratet“ werden. Die kennen sich noch nicht. Die Industrie stellt uns jedoch teilweise die technischen Daten dafür nicht zur Verfügung. Die wollen nicht, dass jeder an ihren Scheinwerfern herumbaut. Unsere Werkstätten sind damit ein Stück weit außen vor. Dagegen wehrt sich die Branche. Schließlich ist das auch ein Widerspruch zur Gruppenfreistellungsverordnung, wonach den Betrieben die technischen Informationen zur Verfügung gestellt werden müssen. Eine ähnliche Abschottung droht dann auch beim autonomen Fahren.

"Wir müssen die Versicherer wachrütteln, den wir leben ja auch voneinander."

DHZ: Mit geringeren Erlösen haben Ihre Betriebe auch auf einem Ihrer größten Märkte, der Versicherungsreparatur, zu kämpfen. Auf dem Verbandstag haben Sie beklagt, dass die Versicherer Sie zunehmend unter Preisdruck setzen. Das ist jedoch kein neues Problem …

Börner: Nein, das ist bereits ein altes Thema. Der große Auftraggeber Versicherung bestimmt die Preise beim kleinen Handwerker. Wir als Verband haben jedoch kein Mandat, für alle zu verhandeln. Wir können auf diesen Missstand immer nur hinweisen. Wir messen jährlich die Umsätze und Erträge der Mitgliedsbetriebe. Seit Jahren verzeichnen wir fallende Gewinne. Das liegt am Preisdruck sowie an den zusätzlich zu erbringenden Leistungen. Die administrativen Tätigkeiten nehmen zu, aber die verkaufbaren Stunden bleiben gleich. Wir müssen die Versicherer wachrütteln, denn wir leben ja auch beide voneinander. Wenn die Versicherung niemanden mehr hat, der qualitativ hochwertig repariert, hat sie ein Problem mit ihren Kunden. Kann der Handwerker nicht mehr in Fachkräfte, in Ausbildung und in Werkzeuge investieren, wird er seine Kapazitäten verringern.

DHZ: Ziehen die Betriebe denn Konsequenzen daraus?

Börner: Ja, einige setzen derzeit tatsächlich die großen Versicherer vor die Tür. Nach dem Motto: Ich kümmere mich lieber um die Kunden, die mir mehr Ertrag bringen.

DHZ: Woher rührt der Preisdruck?

Börner: Der Preisdruck auf die Handwerker wird erzeugt durch das zu große Angebot auf dem Versicherungsmarkt. Wir haben fast 90 Kraftfahrzeugversicherer in Deutschland, die sich jedes Jahr im November einen wahnsinnigen Preiskampf liefern. In Österreich etwa kostet die Versicherung das Dreifache von dem, was sie hier kostet. Da gibt es aber auch weniger als zehn Versicherer. Die Kraftfahrzeugversicherungen sind ein Draufzahlgeschäft, dafür dass man den Kunden am Ende zusätzlich eine Gebäude- oder Krankenversicherung verkaufen kann, die noch Erträge bringt.

DHZ: In Zukunft wird das Display im Auto, Ihren Worten nach, eine zentrale Rolle spielen. Was meinen Sie damit?

Börner: Wir glauben, dass das Display im Auto zu einem Kommunikationsmedium wird. Je mehr Fahraufgaben dem Fahrer abgenommen werden, umso mehr wird das Display zum Fahrzeugmittelpunkt und stellt Angebote von Marktteilnehmern, sei es McDonalds oder Edeka, zur Verfügung. Die jüngeren Generationen wachsen mit diesem Medium auf. Um unsere Leistungen anbieten zu können, vom Räderwechsel bis zum Ausbeulen, müssen wir also mit dem Fahrer über dieses Display reden. Das ist unser Anspruch.


Branchendaten

Betriebe: 4.756

Auszubildende: 4.035

Beschäftigte: ca. 43.000

Umsatz: ca. 4,7 Milliarden Euro

Gesamtzahl der Karosserie­schäden: geschätzt: 9,5 Millionen1

Anteil von Reparatur und Lackiererei am Instandhaltungsmarkt (2017): ca. 90 Prozent

Stand Januar 2019
Quelle: Zentralverband Karosserie- und Fahrzeugtechnik
1Quelle: Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft


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