Stuttgart -

Betriebe zeigen: Es geht! "Wir können Flüchtlinge sehr gut integrieren"

Die Arbeitsmarktintegration von Flüchtlingen steht auf der politischen Agenda weit oben. Einige Betriebe in der Region haben bereits Flüchtlinge eingestellt. Welche Erfahrungen machen sie dabei und welche bürokratischen Hürden sind zu bewältigen?

"Ich habe wieder Lust, auszubilden", sagt Thilo Sachs. Seit Jahren hat er in seinem Sanitärbetrieb wieder einen Azubi: Hamit Ibrahim* aus Homs in Syrien lebt seit einem Jahr in Ruit und fühlt sich im Firmen-Shirt sichtlich wohl: "Mir ist wichtig, Geld zu verdienen und mir eine Zukunft aufzubauen", sagt der 27-Jährige, der über Libyen und Italien nach Deutschland kam. Im Sanitärbereich hat er schon gearbeitet und konnte nach zwei Praktika überzeugen.

"Hamit hat in kurzer Zeit sein Deutsch verbessert und ist sehr motiviert. Wenn es geht, möchte ich seine Ausbildung verkürzen", sagt Sachs. Marita Berenz vom Freundeskreis Asyl hat die Männer zusammengebracht. "Hamit war mir durch seine Hilfsbereitschaft aufgefallen. Die Anträge für die Praktika waren trotz anerkanntem Asyl zäh, für eine Woche im Betrieb war ich vier Stunden auf dem Amt", berichtet Berenz und hat mit ihrem Engagement die Ausbildung erst ermöglicht, denn "ich hätte mich wahrscheinlich nicht an die Bürokratie rangetraut", gibt Thilo Sachs zu.

Für David Benson aus Nigeria ist Deutsch noch schwer, aber bei Elektro Nothwang in Owen geht es auch mit Englisch. Bis nächsten Herbst wird er sich sprachlich fit machen, da will ihn Geschäftsführerin Claudia Nothwang als Azubi einstellen. "David kam über die hiesige Jobmesse zu uns. Er war sehr aufgeschlossen und wollte die Stelle unbedingt." Als Helfer arbeitet sich der ehemalige Chemie-Student gerade in den Betrieb ein und kommt bei Mitarbeitern und Kunden gut an.

"Ich bin Familie Nothwang unendlich dankbar für diese Chance. Durch die Arbeit denke ich nicht ständig an meine Familie zurück und fühle mich hier sehr wohl", beschreibt der 24-Jährige seine Situation. Auch hier hat ein Ehrenamtlicher bei den Amtsgängen unterstützt. Claudia Nothwang fühlt sich verantwortlich: "Gerade in kleinen Handwerksbetrieben können wir Flüchtlinge sehr gut integrieren, das ist doch toll für beide Seiten."

Viel hängt von Behörden ab

Hamit Ibrahim und David Benson wurde bereits Asyl gewährt. Doch Flüchtlinge dürfen laut Asylrecht schon nach drei Monaten arbeiten. "Wir haben große Probleme, Praktika für Flüchtlinge während des Asylverfahrens genehmigt zu bekommen", beklagt Gotthilf Kugele. Der Maler- und Lackierermeister aus Korb engagiert sich im Freundeskreis Asyl für schnelle Integration. "Die Behörden haben diesen Ermessensspielraum leider bis zum Ende des Asylverfahrens." Diese Zeit kann der Verein nur mit ehrenamtlichen Deutschkursen und Freizeitangeboten überbrücken.

Dabei sind die Arbeitgeber interessiert: "Wir erhalten täglich mehrere Anfragen von kleinen, mittelständischen und Großbetrieben", berichtet Pia Schmitt, Migrationsbeauftragte der Agentur für Arbeit Stuttgart. In Sachen Ausbildung ist sie optimistisch: "In Stuttgart befinden sich viele geflüchtete Jugendliche in Vorbereitungsklassen. Wir rechnen damit, dass diese im nächsten Jahr auch im Handwerk in Ausbildung vermittelt werden können." Auch ohne Arbeitserlaubnis stünden den Flüchtlingen Beratung und Förderleistungen zur Verfügung. "Unser Arbeitgeber-Service kann Betrieben im Einzelfall genau sagen, was möglich und zu tun ist."

Mehr Pragmatismus und eine größere Rechtssicherheit für die Betriebe fordern die Handwerksorganisationen: "Wir haben die Chance, ein großes Fachkräftepotenzial zu nutzen und gleichzeitig Menschen eine Perspektive zu geben. Hierzu muss der Aufenthalt während der Ausbildung und zwei Jahre darüber hinaus gewährleistet sein", erklärt Kammergeschäftsführer Claus Munkwitz, "es gibt keine bessere Integration als durch Arbeit." Unabhängig von rechtlichen Gegebenheiten ist für Gotthilf Kugele vor allem eines wichtig: die persönliche Begegnung. "Wer die Menschen und ihre Geschichte kennenlernt, hat schon den ersten Schritt zur Integration gemacht."

*Name von der Redaktion geändert

Flüchtlinge einstellen

Flüchtlinge und Arbeitgeber finden auf sehr individuellen Wegen zusammen. Folgende Schritte sind grundsätzlich zu beachten:
1. Kontakt zum örtlichen Ehrenamt aufnehmen.
2. Aufenthaltsstatus klären: Aufenthaltsgestattung während des Asylverfahrens; Aufenthaltserlaubnis (Asyl gewährt); Duldung (nach Ablehnung des Asylverfahrens ist Ausreise nicht möglich)
3. Bietet die Berufsschule eine vorbereitende Klasse für Flüchtlinge an?
4. Ist eine geförderte Einstiegsqualifizierung (6 bis 12 Monate Praktikum) möglich?
5. Erlaubnis für konkrete/s Praktikum/Ausbildung/Anstellung bei der Ausländerbehörde einholen
Auf hwk-stuttgart.de wurden die wichtigsten Punkte und Ansprechpartner zusammengetragen. Ausführliche Leitfäden des ZDH und der Agentur für Arbeit stehen zum Download bereit.

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