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"Barber Angels"-Gründer Claus Niedermaier im Interview "Wir geben mit unserem Handwerk etwas zurück"

Der Friseurmeister Claus Niedermaier leitet in Biberach an der Riß einen Betrieb mit zwölf Mitarbeitern und fünf Lehrlingen. Ein Fernsehbeitrag über Erfrierungstote in München rüttelte ihn auf, eine ganz besondere Hilfsaktion zu starten. Dafür wurde er jetzt in Paris mit dem Preis für Menschlichkeit ausgezeichnet.

Der Preis für Menschlichkeit ehrt jährlich Frauen und Männer, die in Not geratenen Mitmenschen auf beispielhafte Weise unentgeltlich Hilfe leisten.

DHZ: Für welches Projekt wurden Sie ausgezeichnet?
Claus Niedermaier: Ich habe den Verein "Barber Angels Brotherhood" gegründet und dafür den Preis für Menschlichkeit erhalten. Unser Ziel ist es, verarmten Menschen mit einer kostenlosen Frisur ein Stück Würde, Selbstvertrauen und Lebensqualität zurückzugeben. Wir wollen Menschen helfen, die sich den Luxus eines Friseurbesuchs nicht leisten können.

DHZ: Wie kam die Idee zu dem Projekt?
Niedermaier: An einem Abend im Jahr 2016 habe ich durch einen Fernsehbeitrag vom ersten Erfrierungstoten in München erfahren. Direkt am nächsten Tag habe ich Freunde und Kollegen in meine Gedanken eingeweiht und damit war der Verein gegründet. Wir geben mit unserem Handwerk, das wir leidenschaftlich betreiben, etwas zurück, ohne Geld in die Hand zu nehmen. Nur mit dem, was wir gelernt haben und was wir können.

DHZ: Aus welchen Regionen kommen die "Angels" und wie viele sind es inzwischen?

Niedermaier: Mittlerweile beteiligen sich mehr als 350 Friseure in ganz Deutschland, aber auch europaweit. Bei wiederholten Einsätzen in zahlreichen Orten haben wir bislang rund 40.000 bedürftige Menschen kostenlos frisiert.

DHZ: Wie finanzieren sich die "Barber Angels"?
Niedermaier: Jedes Mitglied zahlt 15 Euro Mitgliedsbeitrag im Monat. Außerdem arbeiten alle "Barber Angels" ehrenamtlich. Fahrt-, Übernachtungs- oder Verpflegungskosten tragen sie selbst. Über Spendengelder stärken wir unseren Verein und können uns damit Ausstattung und Material für die Einsätze leisten.

'Wir geben mit  unserem Handwerk  etwas zurück'


DHZ: In welchen Städten finden die "Einsätze" statt?
Niedermaier: Wir "First-Angels", also die Gründungsmitglieder, sind jedes Wochenende in neuen Städten, besonders in Großstädten, also "Brennpunkten". Damit stellen wir unsere Arbeit vor. Wir versuchen so groß wie möglich zu werden und unsere Reichweite weiter auszudehnen.

DHZ: Wie erfahren die Obdachlosen und die Öffentlichkeit von den Einsätzen?
Niedermaier: Wir bewerben die Einsätze nie öffentlichkeitswirksam, sondern hängen Flyer in Institutionen wie Wohnheimen oder Suppenküchen aus. In diesen Institutionen erhalten Obdachlose dann Gutscheine, die sie bei uns für eine neue Frisur einlösen können. Uns ist dabei noch wichtig, dass bei jedem Einsatz die regionale Presse dabei ist. Es geht darum, dass die Menschen wachgerüttelt werden. Sie sollen erfahren, was direkt nebenan passiert.

DHZ: Wie laufen die "Einsätze" ab?
Niedermaier: Wir behandeln jeden Menschen gleich. Egal, ob er bei uns im Salon sitzt oder bei einer Caritas. Die Menschen erzählen uns von ihren Umständen, schämen sich oder sind emotional. Häufig sind sie nicht selbstverschuldet in die Obdachlosigkeit geraten. Diese Geschichten gehen ans Herz und berühren. Deshalb gibt es nach jedem Einsatz eine halbstündige Schweigepause, in der sich alle "Angels" Gesehenes wie Gehörtes nochmals durch den Kopf gehen lassen und verarbeiten.

DHZ: Wie wird man "Barber Angel"?
Niedermaier: Bei unseren Einsätzen akquirieren wir Kollegen, die regional vor Ort sind und unsere Arbeit nachhaltig weiterleben. Jeder neue "Angel" hilft zunächst bei drei Gasteinsätzen mit und wird anschließend vom Vorstand bewertet und aufgenommen. Dabei haben wir keine Kapazitätsgrenzen, uns ist aber wichtig, dass das Engagement von Herzen kommt.

DHZ: Konnten Sie durch die "Barber Angels" jemanden für Ihr Handwerk begeistern?
Niedermaier:
Zum einen habe ich die Plattform der "Barber Angels Junior" gegründet. Das sind Azubis im dritten Lehrjahr und Gesellen im ersten Jahr, die beitragsfrei Mitglied sind und unsere Arbeit unterstützen. Zum anderen ist es auch schon passiert, dass wir unter anderem obdachlose Kinder und Jugendliche mit unserem Handwerk begeistert haben. Diese vermitteln wir gerne über unser Netzwerk nach individuellen Bedingungen zu gegebener Zeit an Ausbildungsstellen. Unser Verein soll und darf wachsen und eine nachhaltige Herzensangelegenheit bleiben.

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