Erfurt -

100 Jahre Bauhaus „Wir alle müssen zum Handwerk zurück!“

In diesem Jahr findet das 100-jährige Gründungsjubiläum des Bauhauses statt, an dem das Handwerk maßgeblich beteiligt war. Ronny Schüler ist seit 2014 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Theorie und Geschichte der modernen Architektur an der Bauhaus-Universität Weimar. Im Interview erläuterte er die Rolle des Handwerks.

DHZ: Herr Schüler, warum haben Sie sich den Handwerksmeistern am Bauhaus gewidmet?
Ronny Schüler: Ich habe im Rahmen meines Studiums eine wissenschaftliche Seminararbeit über die Handwerksmeister am Staatlichen Bauhaus geschrieben, da diese Gruppe bei bisherigen Forschungen weitestgehend unbeachtet war. Die Handwerksmeister haben die praktische Ausbildung am Bauhaus durchgeführt und eine zunftgerechte Ausbildung sichergestellt. Für meine Forschung war ich in der Handwerkskammer Erfurt und habe in den Prüfungsprotokollen nach handgeschriebenen Lebensläufen gesucht. Sie waren Bestandteil der Bewerbung in den zwanziger Jahren, um eine Gesellen- oder Meisterprüfung ablegen zu können. Dadurch konnte ich alle Lehrkräfte mit der gleichen Tiefenschärfe erforschen und als Gruppe diskutieren. Zuvor gab es nur einzelne Aufsätze, zum Beispiel über Christian Dell und Helene Börner.

DHZ: Was haben Sie bei Ihren Forschungen herausgefunden?
Ronny Schüler: In meiner Arbeit wird deutlich, dass die Handwerksmeister nicht nur in den Werkstätten standen. Sie waren genauso wie die Schüler und die anderen Meister innerhalb des Bauhauses aktiv und haben Einfluss auf dessen Entwicklung genommen. Am Anfang bildeten sie einen gewissen Gegenpol zu Walter Gropius (Gründer des Staatlichen Bauhauses, Anm. der Redaktion). Er hatte teilweise Probleme, die richtigen Meister zu finden. Einige intrigierten auch gegen ihn. Aber als man Handwerksmeister gefunden hatte, die eine zunftgerechte Ausbildung sicherstellen konnten und den Gestaltungsideen des Bauhauses gegenüber offenstanden, haben sie den Kurs des Bauhauses korrigierend begleitet und die handwerklichen Standards hochgehalten. In dem veröffentlichten Band konnte ich alle Handwerksmeister auflisten, auch diejenigen, die vielleicht nur wenige Monate am Bauhaus waren.

DHZ:
Warum gab es Spannungen zwischen Walter Gropius und den Handwerksmeistern? Immerhin hat er großen Wert auf die handwerklichen Fertigkeiten gelegt und bestimmt, dass die Studierenden ihre Prüfungen vor der Handwerkskammer ablegen müssen.
Ronny Schüler: Es war schwierig, Handwerksmeister zu finden, die eine Lehrbefähigung hatten und den künstlerischen Ideen des Bauhauses gegenüber aufgeschlossen waren. Wer 1920/21 einen Meistertitel hatte, war künstlerisch im Jugendstil oder Historismus sozialisiert worden. Das Problem war also eine künstlerische Unvereinbarkeit. Es gab zwar auch vor dem Ersten Weltkrieg Leute, die im Sinne einer sachlichen Gestaltung oder einer Zurückweisung des Ornamentalen gearbeitet haben, aber es waren nicht sehr viele. Es hat einfach eine Weile gedauert, bis man das richtige Personal gefunden hat. Allerdings glaube ich nicht, dass das besonders überraschend war.

DHZ: Gab es etwas Ungewöhnliches, was Sie bei Ihrer Arbeit herausgefunden haben, womit Sie vielleicht nicht gerechnet haben?
Ronny Schüler: Besonders interessant fand ich die Autonomie und das Selbstbewusstsein der Handwerksmeister. Die meisten Werkstätten stammten noch aus der Kunstgewerbeschule. Das heißt, sie wurden bereits vor dem Ersten Weltkrieg eingerichtet. Während des Krieges wurden sie privatisiert, da die Schule 1915 geschlossen wurde. Viele Handwerksmeister haben die Werkstätten privat weitergeführt, bis sie später ins Bauhaus eingegliedert wurden. Einige dieser Handwerksmeister wäre das Bauhaus gern losgeworden, wie die Leiterin der Weberei, Helene Börner. Auch die Schüler mochten sie nicht besonders, da sie eine eher „preußische“ Handwerkslehrerin war, die ein strenges Regiment geführt hat. Man hat auch versucht, sie künstlerisch anzugreifen, da sie vor dem Weltkrieg im Sinne des Jugendstils gearbeitet hatte. Das war nun nicht mehr zeitgemäß und passte nicht zum Bauhaus. Aber ihr gehörten nach wie vor die Webstühle und damit war sie unkündbar. Allerdings war sie dem Bauhaus gegenüber aufgeschlossen und hat ihren Teil beigetragen, um den Anforderungen zu genügen. Sie verdient es, durch die Forschung noch einmal genauer betrachtet zu werden, denn sie musste als Frau ganz anders kämpfen: Sie war die Erste, die von den Männern auf die Abschussliste gesetzt werden sollte. Aber sie konnte sich eben behaupten, was den männlichen Kollegen vielleicht leichter gefallen wäre. Diese Geschichte hat mich tatsächlich beeindruckt.

DHZ: Gab es denn auch andere Frauen, die das Bauhaus verlassen sollten?
Ronny Schüler: Es gab keine anderen Frauen. Helene Börner war die einzige Lehrerin, zumindest im Handwerk. Es gab noch eine Bauhausmeisterin, Gertrud Grunow. Sie hat Harmonielehre unterrichtet. Auch sie musste relativ schnell gehen, da sie nicht ins Bild gepasst hat. Mir ist generell immer wieder aufgefallen, dass die Frauen in der gesamten Darstellung kaum berücksichtigt werden. So wissen wir über Helene Börner nicht einmal, wann sie gestorben ist und wo sie beerdigt wurde.

DHZ:
Eine Frage zum Abschluss: Könnte es das Bauhaus ohne das Handwerk geben?
Ronny Schüler: Nein, definitiv nicht. Das ist unumstritten. In dem Gründungsmanifest von 1919 steht: „Architekten, Bildhauer und Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!“ Das ist also die DNA des Bauhauses. Gropius hat sich immer wieder dafür ausgesprochen, die Kunst im Handwerk zu verankern, wie es bis ins 18. Jahrhundert üblich war, bevor die Akademien in Westeuropa gegründet und damit Kunst und Handwerk getrennt wurden. Das heißt, das aus dem Mittelalter existierende Ideal, das Kunst und Handwerk ineinander gehen, gab es dann nicht mehr. Damals sollte derjenige, der etwas entwirft, es auch ausführen. Denn dadurch geht man eine ganz andere Beziehung zu seiner Arbeit ein und das war dann auch für das Bauhaus konstitutiv. Die Einstellung ändert sich allerdings unter dem Eindruck der wirtschaftlichen Realitäten in den zwanziger Jahren. Man hat sich der Massenproduktion zugewandt, um möglichst günstig eine breite Masse zu erreichen. Die Produkte aus dem Bauhaus waren bis dahin in der Regel Einzelstücke; es gab nur ganz wenige Serienprodukte aus dieser handwerklichen Zeit. Die Konzepte waren zwar sehr innovative, aber man hatte nicht die gewünschte Reichweite. Daher kommt die Neuausrichtung mit dem Slogan „Kunst und Technik – eine neue Einheit“.

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