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Alternatives Finanzierungsmodell Wie zwei Schuhmacherinnen mit Crowdfunding durchstarten wollen

In der Corona-Krise war Crowdfunding bereits für viele Betriebe der Retter in der Not. Auch zwei Gründerinnen aus Halle wollen jetzt mithilfe der "Crowd" ihr Geschäft ankurbeln. Warum das alternative Finanzierungsmodell viele Vorteile für sie birgt.

Nach Gründung der Schuhwerkstätte Wurzln vor zwei Jahren ging es für den jungen Betrieb erst einmal schleppend voran. Theresa Theobald, eine der beiden Gründerinnen wurde schwanger. "Eine Möglichkeit, die wir gewissermaßen einkalkuliert hatten", sagt Geschäftspartnerin Alessa Wilhelm. Sie selbst ist junge Mutter und hatte ihr Kind damals erst frisch in die Kita gebracht. Nebenbei mussten die Werkstatt aufgebaut, geeignete Materialen gesichtet, ein Maßkit entwickelt und die erste Kollektion entworfen werden.

Ihre ersten Aufträge nahmen die beiden Schuhmacherinnen aus Halle an der Saale deshalb erst im November 2019 an – und wurden ein paar Monate später schon wieder ausgebremst, diesmal durch die Corona-Pandemie. Materiallieferungen verzögerten sich, gleichzeitig musste die Kinderbetreuung während des ersten Lockdowns organisiert werden.

Crowdfunding: Betriebe in finanzieller Not sammelten zuletzt 12 Millionen Euro

Nach dem holprigen Start wollen die beiden Gründerinnen jetzt endlich durchstarten – mithilfe von Crowdfunding. Ein Modell, das sich für Gründer, aber auch für etablierte kleine und mittelständische Betriebe längst zu einer beliebten Alternative zum klassischen Kredit entwickelt hat. Unternehmer können auf Crowdfunding-Plattformen Beteiligungen anbieten, sich Geld von Privatinvestoren leihen oder finanzielle Unterstützer für ihren Zweck finden, welche dann unter Umständen eine ideelle oder materielle Gegenleistung erhalten.

Zuletzt nutzten Betriebe, die durch die Corona-Krise in finanzielle Not geraten waren, Crowdfunding vielfach, um kurzfristig ihre Liquidität und so ihre Existenz zu sichern. Plattformen wie Startnext und Crowddesk unterstützten entsprechende Kampagnen, indem sie den Zugang erleichterten, Cofunding-Gelder bereitstellten oder ihre Leistungen kostenfrei anboten. Allein bei einer Hilfsaktion auf Startnext kamen fast zwölf Millionen Euro zusammen – verteilt auf 1.619 Projekte.

Von der Souterrain-Werkstatt zum Showroom

Wurzln-Schuhe Holzfällerin bzw. Holzfäller

Den beiden Gründerinnen von Wurzln geht es bei ihrer Crowdfunding-Kampagne jedoch nicht um den reinen Erhalt ihrer Schuhwerkstätte, sie wollen ihr Geschäft ein Stück weit neu definieren – und für einen größeren Personenkreis zugänglich machen. "Wir haben den Leerlauf während des Lockdowns genutzt, um uns darauf zu besinnen, wo wir hinwollen und an welchen Schrauben wir noch drehen müssen", sagt Wilhelm. Derzeit würden sie ihre maßkonfektionierten Schuhmodelle, die Kunden nach einem Baukastenprinzip frei gestalten können, eher im stillen Kämmerchen fertigen.  Künftig wollen die Schuhmacherinnen die Menschen vor Ort an ihrem Handwerk teilhaben lassen. Sie möchten Workshops anbieten, etwa zum Babyschläppchen nähen, zu Abenden der offenen Werkstatt einladen und ihre Kunden vor Ort beraten können.

Aktuell seien ihre Arbeitsräume "wenig repräsentabel", so Wilhelm. Die Werkstatt befindet sich im Souterrain eines Mehrfamilienhauses. Eine Klingel gibt es nicht, der Postbote muss ans Fenster klopfen. Wände müssten gestrichen und Maschinen angeschafft werden. Auf 7.400 Euro schätzt sie die Kosten, um die Werkstätte zu einem "Work- und Showroom" auszubauen. Geld, das nicht da ist. Von ihrer Arbeit können die beiden Schuhmacherinnen aktuell noch nicht leben. Das Kapital für den Ausbau soll deshalb von Unterstützern über Crowdfunding kommen. Seit dem 26. Oktober läuft die entsprechende Kampagne.

Mit diesen "Dankeschöns" werben die Schuhmacherinnen um Unterstützung

Als Anreiz haben sie sich mehrere Gegenleistungen überlegt. Die sind mal ideeller Natur – einen Postkartengruß samt Bio-Samenpäckchen gibt es etwa für zehn Euro. Mal außergewöhnlich wie ein Fußyoga-Kurs für 80 Euro. Meist jedoch an den bestehenden oder geplanten Produkten beziehungsweise Events orientiert. Unterstützer können beispielsweise eine Anzahlung in Höhe von 100 Euro für ihre Wurzln-Schuhe leisten oder für 160 Euro einen Workshop buchen, bei dem Teilnehmer lernen können, ihr eigenes Paar Sandalen zu fertigen.

"Crowdfunding ist Finanzierungsrunde und Marketing-Offensive zugleich"

In ihrer aktuellen Situation sei Crowdfunding die beste Option, habe ihnen schon zu Gründungszeiten ein Betriebsberater der Handwerkskammer Halle (Saale) geraten. Nicht nur, weil sich ein Bankkredit womöglich schwierig gestaltet hätte. Sondern auch, weil eine gut konzipierte Kampagne neben Kapital auch Aufmerksamkeit für die eigenen Produkte schafft. Damals hatten sich die beiden Gründerinnen noch nicht getraut. "Wir hatten das Gefühl, wir können gar nicht so selbstbewusst unser Produkt und unser Business präsentieren, weil einfach noch nicht so viel da war", erinnert sich Wilhelm. Inzwischen haben sie immerhin rund 30 Aufträge bearbeitet. Nun, da sie ihr Geschäft erweitern wollen, sei die Kampagne zudem ein hervorragendes Mittel, um auszuloten, welche ihrer Vorhaben denn tatsächlich bei den Kunden auf Interesse stoßen.

Die Kampagne sei aber auch ein willkommener Antrieb gewesen, aufgeschobene Baustellen endlich einmal anzugehen. Professionelle Fotos für Kampagne und Website wurden geknipst, ein Video gedreht, die Presse- und Marketingarbeit intensiviert. "Crowdfunding ist Finanzierungsrunde und Marketing-Offensive zugleich", sagt Wilhelm – und sei somit ideal für ein junges Start-up ohne Kapital und überschaubarer Bekanntheit.

Persönliche Kontakte mobilisieren, ehrlich kommunizieren

Um die Kampagne publik zu machen, wollen die Schuhmacherinnen vor allem ihre persönlichen Kontakte mobilisieren. "Das entspricht auch uns und unserem Geschäftsmodell", so Wilhelm. Als "Social-Media-Heldinnen" verstünden sie sich nicht. "Es wird ja schnell oberflächlich – und fünfmal dasselbe nur anders zu präsentieren, möchten wir nicht." Auch der Gedanke daran, mit möglichst verkaufsstarken Werbeparolen um Unterstützer buhlen zu müssen, schrecke sie ab. "Dieses manipulative Vorgehen mag ich nicht." Sie wollen sich daher treu bleiben, ehrlich kommunizieren und nicht mit billigen Tricks die Followerzahlen nach oben treiben.

Erstes Ziel fast erreicht, folgt noch der Online-Shop?

Der Plan scheint aufzugehen. Stand heute fehlen nur noch wenige hundert Euro bis zum ersten Fundingziel. Eine Auszahlung findet jedoch nur statt, wenn dieses auch erreicht wird. Alles was darüber hinaus gesammelt wird, soll in einen Online-Shop sowie eine neue Sandalenkollektion investiert werden, erklärt Wilhelm. 14.000 Euro müssten hierfür zusammenkommen, dann würde auch dieses Vorhaben umgesetzt. Bis zum 6. Dezember bleibt noch Zeit.

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