Zukunft Bildung -

Neue Berufe entstehen, bestehende Berufe verändern sich Wie sich die Digitalisierung auf die Ausbildung auswirkt

Nachwuchswerbung im Gamification-Stil, stationäres Arbeiten in der Schreinerei, neue Berufsbilder im Elektrohandwerk: Die Digitalisierung wirkt sich auf allen Ebenen der handwerklichen Ausbildung aus. So ziehen Unternehmer daraus einen Vorteil.

Dieser Artikel ist Bestandteil des Themenpakets Zukunft Bildung

Bestes Gesellenstück, beste Arbeitsprobe, beste Theorieprüfung, beste praktische Note und beste Gesamtprüfung: Die Azubis der Schreinerei Würzburger haben dieses Jahr in ihrer Region abgeräumt.

Für ihren Chef Felix Hinderer ist das der Beweis, dass seine Mitarbeiter auch mit CAD/CAM-System nicht zu "Knöpfchenbedienern" werden. "Es gab diese Ängste unter den Mitarbeitern, dass künftig nur noch einzelne Bauteile bearbeitet würden. Aber das krasse Gegenteil ist wahr", sagt der 32-jährige Juniorchef des Münchener Familienbetriebs. "Der Beruf wird vielfältiger.“

Stationäres Arbeiten in der Schreinerei

In den vergangenen zwei Jahren hat das 40-Mann-Unternehmen seine Prozesse digitalisiert, mit Auswirkungen auch auf die Ausbildung. "Die Lehrlinge bleiben jetzt immer für eine Woche fest an einer Station“, erklärt Hinderer. Dadurch lernten sie einzelne Arbeitsschritte intensiver als früher kennen. Relativ schnell könnten sie kleine Aufträge selbst abwickeln, von ersten Planungsschritten bis zur Montage. Durch das gute Abschneiden seiner Lehrlinge sieht sich Hinderer bestätigt: "Wir bieten auch mit Digitalisierung eine qualitativ sehr hochwertige Ausbildung!“

Nachwuchssuche im Gamification-Stil

Auch in der Lehrlingsakquise bietet die Digitalisierung Chancen. Während Handwerker von klassischen Ausbildungmessen oft enttäuscht heimkehren, waren die Erfahrungen der Schreinerinnung München mit einer Messe im Gamification-Stil ganz anders.

500 Jugendliche waren zum eintägigen Talent-Hero-Festival in München gekommen, hatten sich eine App auf ihre Handys geladen und durchliefen damit verschiedene Ausstellerstationen, die wie bei Computerspielen in Gaming-Levels angeordnet waren. In jedem Level galt es, Sterne zu sammeln. "Damit wollten wir erreichen, dass alle Partner gleich viel Aufmerksamkeit bekommen“, erklärt Elena Späth vom Online-Stellenmarkt meinestadt.de, dem Veranstalter.

Ein Jugendlicher testet die virtuelle Datenbrille auf dem Schreinerstand

Für die Schreinerinnung München ging die Rechnung voll auf: "Wir hatten 250 bis 350 Jugendliche am Stand. Rund 100 haben sich intensiv mit unserem Angebot befasst und einen akustischen Smartphone-Lautsprecher gebaut“, berichtet Sascha Wein, Geschäftsführer der Innung. Die Jugendlichen seien ihm sehr interessiert erschienen, mit guter Schulbildung. Inmitten von Größen wie Deutscher Bank, Airbus oder Rewe sei gerade vor dem Schreinerstand die Schlange der Interessenten nie abgerissen, so Wein.
Streit um Berichtsheft passé

Berichtsheft-App schont Nerven bei Friseuren

Auch bei den Friseuren zeigt die Digitalisierung Auswirkungen. Der Streit um das Führen der Berichtshefte ist allen Ausbildern bekannt, Berichtsheft-Apps gibt es inzwischen viele. Die Friseure haben seit diesem Jahr eine eigene Branchenlösung. "Ausbilder schätzen daran sehr, dass sie den Berichten nicht mehr hinterherlaufen müssen, sondern den Bearbeitungsstand auf einen Blick erkennen und mit einem Klick abzeichnen können“, beobachtet Louisa Braune vom Zentralverband Friseure. Die App sei intuitiv zu bedienen und koste den Ausbilder pro Azubi 22,95 Euro, also zwei Euro mehr als die Printversion.

Für den Azubi ist die App kostenlos, er muss sie nur installieren. Dafür entfalle der Streit um unleserliche, verschmierte oder verlorene Berichtshefte, so Braune. Wichtig ist, dass beide Seiten klar vereinbaren, zu welchen Arbeitszeiten der Azubi das Handy nutzen darf, um hier kein neues Konfliktpotenzial entstehen zu lassen.

Neuer Beruf entsteht: Elektroniker für Gebäudesystemintegration

Die stärksten Auswirkungen zeigt die Digitalisierung allerdings auf die Elektroberufe. Hier entsteht derzeit ein gänzlich neuer Beruf. Elektroniker für Gebäudesystemintegration heißt ein Zweig, den es voraussichtlich ab dem Ausbildungsjahr 2021 geben wird. "Das ist der erste Beruf im Handwerk überhaupt, der vor dem Hintergrund der Digitalisierung geschaffen wird!“, sagt Lothar Hellmann, Präsident des Zentralverbands der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH).

Ziel ist es, qualifizierte, gewerkeübergreifende Ansprechpartner für die Integration von Smart Building, Smart Home, Energiemanagement und Elektromobilität auszubilden. In die bisherigen Berufsbilder des Elektrohandwerks hätten sich die komplexen Inhalte nicht mehr integrieren lassen, hat der ­ZVEH erkannt und deswegen die Neuordnung angestoßen.

Anforderungen in Berufen spreizen sich

Künftig soll es in dem Handwerk anstelle der bisher sieben Ausbildungsberufe nur noch fünf Sparten geben. Der Elektroniker für Gebäudesystemintegration wird einer davon und so anspruchsvoll, dass die Auszubildenden Hochschul- oder Fachhochschul­reife brauchen werden, sagt Hellmann.

Dass sich im digitalisierten Handwerk die Anforderungen stärker spreizen, beobachtet auch Schreinermeister Hinderer: "Durch die Digitalisierung gibt es mehr Perspektiven in unserem Beruf. Es braucht weiter die Leute in der Werkstatt und für die Montage. Aber es entstehen auch andere Arbeitsplätze.“

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