Für Azubis -

Digitalisierung im Zeitraffer Wie sich die Corona-Krise auf Berufsschulen auswirkt

Plötzlich waren die Schulen leer. Mit dem Corona-Lockdown änderte sich für Betriebe und ihre Azubis, für Berufsschulen und Bildungszentren alles. Das brachte viele Probleme, aber auch handfeste Vorteile.

Plötzlich war die Schule leer. Corona-Lock-Down kurz vor den Abschlussprüfungen. "Am Dienstag vor der Schulschließung habe ich mich mit meinen EDV-Systembetreuern zusammengesetzt und überlegt, dass wir im Falle eines Lock-Downs die Schüler zunächst per E-Mail mit Unterrichtsmaterial versorgen“, erklärt Andrea Reuß, Schulleiterin der Berufsschule Fürstenfeldbruck. Die Lehrkräfte erfragten binnen drei Tagen E-Mailadressen von knapp 2.500 Schülern, gerade noch rechtzeitig vor dem Lockdown.

Osterferien für Modernisierung genutzt

Bis zu den Osterferien nutzte die Schule diese Übergangslösung, dann kam der Digitalisierungsschub: Während der Ferien schaffte die Rektorin für alle Lehrkräfte und Schüler Office-365-Lizenzen an. "Seitdem unterrichten wir über MS Teams“, berichtet Mario Frigl, Fachbereichsleiter Metall und Kfz an der Schule. Anfangs habe die Umstellung viel Zeit gekostet, es gab Schulungen, jeder musste sich ins System einarbeiten "und die Schüler verloren ständig ihre Passwörter“, beschreibt Frigl die Anfangshürden.

Aber schon innerhalb der ersten Woche nach den Osterferien habe er alle Schüler erreicht und dann auf den normalen Stundenplan wechseln können, inzwischen im Wechsel zwischen Präsenz- und Online-Tagen. Wo Schülern die technische Ausstattung fehlte, rief der Lehrer in deren Betrieben an und bat, ob der Azubi nicht dort Zugang zu einem Rechner und Drucker bekommen könne.

Persönliches Engagement der Lehrkräfte entscheidend

Schon vor der Corona-Krise war die Schule digital gut aufgestellt. Dank Neubau haben alle Klassenzimmer im Metallbereich Beamer, digitale Whiteboards, W-LAN und Bluetooth. "Aber die Lehrer müssen es auch anwenden können“, sieht Frigl eine empfindliche Stelle.

Zwar gebe es Schulungen und Fortbildungen, doch letztlich hänge es stark am persönlichen Engagement, wie intensiv sich jeder in die Möglichkeiten einarbeitet – oft genug in seiner Freizeit, so wie ein junger Lehrer im Team: Der habe auf Hybrid-Unterricht umgestellt. Eine Hälfte der Klasse sitzt in Präsenz im Klassenzimmer, die andere Hälfte verfolgt im Home-Office, was der Lehrer per Headset und Bildübertragung an sie sendet. Das sei schon sehr anspruchsvoll, ist Frigl sich bewusst. Doch er habe den Eindruck, dass der Schwung der digital fortschrittlicheren Lehrer die weniger Euphorischen mitziehe.

Erzwungener Innovationsschub mit Vorteilen

Der erzwungene Innovationsschub habe durchaus Vorteile: "Wir haben vorher immer Konzepte geschrieben – jetzt machen wir es endlich“, sagt Frigl. Die reine Wissensvermittlung verlaufe online wesentlich konzentrierter als im Präsenzunterricht. "Es gibt einfach nicht die Störungen wie im Klassenzimmer“, so der gelernte Maschinenbauingenieur. Er erkläre den Stoff, statt Tafelanschrieb übertrage er per Handy, was er auf dem Papier skizziere und stelle den Schülern anschließend eine Aufgabe. Jeder für sich arbeite an der Lösung, um hinterher wieder per Meeting-App zusammenzukommen. "Ich kann natürlich nicht feststellen, ob die Schüler am anderen Ende wirklich bei der Sache bleiben. Aber ich spreche sie gezielt an und frage, wie sie das Problem gelöst haben.“

Frigl ist klar, dass dieses System Schwachstellen hat: "Gerade die Schüler, die es am nötigsten hätten, erledigen ihre Arbeiten eher nicht.“ Auch der praktische Unterricht sei in diesem Schuljahr deutlich zu kurz gekommen, nicht nur wegen der geringen Präsenzzeiten der Schüler.

Hygienekonzepte erschweren praktischen Unterricht

Die Hygieneanforderungen verlangen, dass jedes Werkzeug, jede Oberfläche und jedes Getriebe desinfiziert wird, nachdem ein Schüler daran gearbeitet hat. In der Praxis kaum zu realisieren. "Da müssen wir uns einfach auf die Betriebe verlassen“, sieht Schulleiterin Reuß ihre Grenzen. Aber die Schule verwende Simulationsprogramme und Softwarelösungen, mit denen die Schüler beispielsweise Programmierungen üben.

Auch bei der Einteilung der Lehrkräfte sei die Digitalisierung eine echte Hilfe. Denn – und das ist kein Problem der Corona-Zeit und genauso wenig ein Einzelfall: Der Fachbereich leidet unter Lehrermangel. Statt acht Lehrkräften gibt es nur sechs, auf Stellenausschreibungen seien keine Bewerbungen gekommen. Dank Online-Unterricht kann Frigl aber zumindest alle sechs Lehrer einplanen, obwohl zwei einer Risikogruppe angehören und in Präsenz nicht unterrichten dürften. Auch deswegen sieht der Lehrer das in den vergangenen Wochen Erreichte positiv: "Selbst wenn im Herbst normaler Unterricht wieder möglich sein sollte: Ich fände es schade, wenn wir diesen Digitalisierungs-Schwung verpuffen ließen.“

Lernen aus der Ferne

Die Kultusministerkonferenz plant deutschlandweit die Rückkehr zum regulären Schulbetrieb. Mit Corona-bedingten Einschränkungen ist allerdings trotzdem zu rechnen.
  • Berufsschulunterricht
    In welchem Umfang in der Corona-Situation Präsenzunterricht angeboten wird, hängt von den Möglichkeiten der Berufsschulen ab. Abhängig vom Schulrecht des jeweiligen Bundeslandes können Teile des Präsenzunterrichts in ein "Lernen zuhause“ ausgegliedert werden und als verbindlicher Unterricht gelten. Der Betrieb muss Auszubildende hierfür bezahlt freistellen (§ 15 BBiG).
    Idealerweise kalkuliert der Lehrer, wie viel Zeit für Online-Unterricht oder Lernen zuhause erforderlich ist. Bei Bedarf sollten Ausbildungsbetrieb und Berufsschule den konkreten Umfang der Freistellung vertrauensvoll miteinander abstimmen.
    Lernen zuhause ist nicht nur auf das häusliche Umfeld beschränkt. Der Ausbildungsbetrieb kann dem Azubi daher anbieten, dass er in betrieblichen Räumen lernt.
  • Überbetriebliche Ausbildung
    Analog zum Berufsschulunterricht gilt für die überbetriebliche Ausbildung: Der Betrieb muss seinen Auszubildenden gemäß § 15 BBiG freistellen, unabhängig davon, ob der Unterricht in Präsenz oder virtuell stattfindet.
  • Prüfungsanforderungen
    Prüfungsanforderungen gemäß der Ausbildungsordnung ändern sich grundsätzlich nicht, auch wenn einige Unterrichtseinheiten ausfallen.
    Besteht Sorge, dass der Azubi das Ausbildungsziel wegen der Ausfälle nicht erreicht, kann ein Antrag auf Verlängerung der Ausbildung nach § 27 c Absatz 2 HwO/§ 8 Absatz 2 BBiG gestellt werden.
  • Azubi in Kurzarbeit
    Fallen Aufträge und Arbeit aus, sollte der Ausbildende alle Möglichkeiten ausschöpfen, um Kurzarbeit für Azubis zu vermeiden, etwa durch Umstellung des betrieblichen Ausbildungsplans. Ist Ausbildung nicht mehr möglich, muss der Betrieb die Vergütung für sechs Wochen zahlen (§ 19 Absatz 1 Nr. 2a BBiG). Ab dann kann der Auszubildende Anspruch auf Kurzarbeitergeld haben.
  • Ausgelernte Azubis übernehmen
    Betriebe, die in Kurzarbeit sind, dürfen ihre ausgelernten Azubis übernehmen, auch wenn sie dadurch ihr Personal aufstocken. Die Sorge, dass der Betrieb dann kein Kurzarbeitergeld mehr beantragen könnte, sei unbegründet, informiert die Bundesagentur für Arbeit.
    Wenn der Auszubildende nach seiner Ausbildung in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis übernommen werde, könne der Betrieb auch für ihn Kurzarbeitergeld beantragen. Voraussetzung ist, dass er in einem Bereich eingesetzt wird, in dem Kurzarbeit herrscht.
    Christian Rauch, Leiter der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit, begrüßt diese Regelung: „Die zeitnahe Übernahme ehemaliger Auszubildender in ein befristetes oder unbefristetes Beschäftigungsverhältnis gehört zu den zwingenden Gründen für einen Personalaufbau trotz Bezug von Kurzarbeitergeld. Das Gleiche gilt für Studienabgängerinnen und -abgänger. Auf diese Weise wollen wir Unternehmen und Betriebe ausdrücklich dazu ermutigen, die wichtige Aufgabe der beruflichen Ausbildung auch in Krisenzeiten wahrzunehmen.“
    Eine vorherige Genehmigung der Übernahme durch die Arbeitsagentur sei nicht erforderlich. Unternehmen und Betriebe geben, wenn sie Kurzarbeitergeld für den betreffenden Monat abrechnen, ergänzend zu dem Leistungsantrag eine kurze Erklärung ab, dass sich die Gesamtzahl der beschäftigten Arbeitnehmer – und gegebenenfalls auch die Zahl der Kurzarbeitenden – erhöht hat, weil der ehemalige Auszubildende übernommen wurde.
    Sollten die Abrechnungsunterlagen online hochgeladen werden, kann dazu beispielsweise ein separates Dokument als „Sonstiges“ kommen . bst
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