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Gemeinsamkeiten finden, statt Unterschiede zu suchen Wie Multikulti im Friseursalon erfolgreich gelingt

Haare schneiden ist nicht alles. Zu einer Friseurausbildung gehört mehr, insbesondere wenn die Auszubildenden aus aller Welt stammen. Der Salon „Extra Locke“ in Schweinfurt ist ein Beispiel dafür, welch Früchte es trägt, wenn man sich nur aufeinander einlässt.

Schließt man die Augen, dann klingt es wie der Beginn eines Musikstücks. Es ist ein schneller, feiner Grundrhythmus, der den vorderen Teil des Salons ausfüllt. Als würde im nächsten Moment die Melodie einsetzen. Yasen und das Scherenspiel seiner Hand erinnern an einen Musiker. Flink und mit höchster Präzision führt er seine Bewegungen am schwarzen Haar eines jungen Kunden aus und wie ein Violinist legt er seinen Kopf zur Seite, um das Instrument immer wieder neu anzusetzen. Er betrachtet den fertigen Schnitt im Spiegel und lächelt.

Sein Lächeln ist nicht zu übersehen, wenn man den Friseursalon von Margit Rosentritt in Schweinfurt betritt. Ein warmer Schwall von Shampoo und Conditioner schlägt aus der Ladentür hinaus in die Einbahnstraße in der Schweinfurter Stadtmitte. Das schrille Klingeln, das beim Öffnen ertönt war, hallt noch einige Sekunden nach. Neben Yasen zur Linken fällt der Blick beim Eintreten zuerst auf ein großes, den Raum teilendes Regal. Es trennt den hinteren Teil des Salons vom Eingangsbereich und dem einzelnen Platz, an dem Yasen arbeitet. Im Regal eine verwirrende Vielzahl von Flaschen, Tuben und Dosen in etlichen Formen und Farben. Aber der Blick trifft nunmehr auf die junge Frau mit langem, glänzend-schwarzem Haar, die zwischen dem Regal und der Empfangstheke steht und telefoniert.

60 Lehrlinge in 35 Jahren

"Friseursalon Extra Locke Schweinfurt, guten Morgen"sagt sie in den schwarzen Telefonhörer. Und da ist es wieder – das zufriedene Lächeln. Ihr Deutsch ist nicht akzentfrei. Aber würde man ahnen, dass sie noch vor vier Jahren kein Wort unserer Sprache kannte, geschweige denn aussprechen konnte? Athraa ist 2014 aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Neben Yasen, Nastasja und Tala ist sie seit 2016 Teil des Auszubildenden-Teams "Extra Locke“. Die vier gehören damit zu den inzwischen über 60 Lehrlingen, die Margit Rosentritt seit Beginn ihrer Selbstständigkeit vor 35 Jahren ausgebildet hat.

"Danke, Ihnen auch"sagt Athraa und steckt den Hörer zurück in die Station, bevor sie sich neben dem Regal vorbei in den größeren Teil des Salons begibt. Das leise Summen einer Trockenhaube gesellt sich zum feinen Schnippen der Schere. Lautlos fallen ausgedünnte, braune Spitzen der Haarpracht einer älteren Dame zu Boden. Margit Rosentritt begrüßt eine Kundin, die den Salon soeben mit dem vertrauten Klingelton betreten hat. "Athraa ist ja so gewachsen, sie ist völlig verändert!"sagt die Kundin, als ihr der schwarze Umhang umgelegt und am Hals mit einer kleinen Klammer festgemacht wird. Unter anderem sind es Kundinnen wie sie, die bei Athraa eine solche Veränderung herbeigeführt haben. Gemeinsam mit ihnen Vokabeln lernen, Fragen stellen und Fragen beantworten, immer wieder aufgefordert werden, von Ereignissen zu erzählen. Das alles hat Athraa geholfen, sich zu trauen. Einfach mal draufloszusprechen. Und dann ist da noch die Tafel in der linken, hinteren Ecke des Salons. Darauf stehen viele deutsche Begriffe und daneben – die Gegenteile der Worte. "Ich konnte mir den Namen einer Kundin… Frau Leicht… nicht merken"sagt Athraa und grinst. "Na, das Gegenteil von schwer, habe ich dann gesagt!“, ergänzt Rosentritt. "Aber Athraa wusste da noch nicht, was ein "Gegenteil"ist - dann haben wir angefangen zu üben.“

"Das ist einfach der etwas besondere Laden“

Obwohl es allein in der Schweinfurter Innenstadt über 200 angemeldete Friseure gibt, kehren viele Kunden immer wieder in die "Extra Locke"zurück. "Das ist einfach der etwas besondere Laden“, erklärt die ältere Dame unter dem schwarzen Umhang. Inzwischen sitzt sie mit dem Rücken angelehnt am rechten von drei Waschbecken in der Mitte des hinteren Raums. "Hier geht man anders mit uns Kunden um."Ihre Augen sind geschlossen, das Gesicht entspannt. Mit ihren zierlichen Händen fährt Athraa der Kundin durch das Haar. Sanft kreisen ihre Finger mitsamt der langen Gel-Nägel an der Kopfhaut entlang, um das Shampoo zu verteilen, welches sie zuvor zickzackförmig auf dem Kopf der Frau verteilt hat.

Gemeinsamkeiten finden, statt nach Unterschieden zu suchen

Das Kokosshampoo bringt Athraa nach dem Waschen zurück in einen kleinen Lagerraum im hinteren Teil des Salons. Ordentlich im Regal aufgereiht stehen hier auch Spülungen und Conditioner, versehen mit persönlichen Kundennamen. Viele kommen jede Woche her, die meisten kennt Athraa inzwischen gut. Neben allem, was mit Haaren zu tun hat, gehören auch Kosmetik und Maniküre zum Konzept von "Extra Locke“. "Ich mag es, mich oder andere schön zu machen"- Athraas zart geschminkte Augen funkeln, als sie das sagt. "In meiner Heimat wollen die Frauen oft kräftigeres Make-Up als hier. Oder andere Frisuren. Aber sonst gibt es da keine Unterschiede zu meiner Kultur."Gemeinsamkeiten finden, anstatt nach Unterschieden zu suchen ist die Einstellung, von der "Extra Locke"lebt. "Außerdem kann man Kunden ja vorher fragen, was sie genau wollen."

Azubi-Mangel? Nicht im Salon "Extra Locke“

Nachfragen und zuhören – ohne geht es im Friseurberuf nicht, ist Rosentritt überzeugt.  "Das wichtigste ist Empathie. Mit Kunden können. Fühlen. Das Handwerk, also die Techniken und Arbeiten eines Friseurs, das können viele lernen. Aber das was Leben einhaucht, was die Seele gibt… Das können nicht alle. Da trennt sich die Spreu vom Weizen."Sie schaut auf Athraa, die sich im Regal hinter den Waschbecken verschiedene Tuben, eine Schale und einen kleinen Schneebesen zusammensucht. "Bei meinen Azubis muss ich einfach das Gefühl haben: Da drin steckt eine Friseurin!"Lust haben, etwas zu lernen. Neue Dinge aufzusaugen, nachzufragen, wieder und wieder. Das erwartet Rosentritt von ihren Lehrlingen. Ihr Laden, ihre Spielregeln - eine gewisse Strenge inbegriffen. Dafür weiß sie auch, wie man "Hallo"und "Schön, dass du da bist"auf Arabisch sagt. Eine Hand wäscht die andere. Probleme, an neue Auszubildende zu kommen, kennt sie nicht. Athraas‘ eine Hand hält jetzt die kleine schwarze Schale, die andere verrührt in kreisenden Bewegungen zwei Pasten zu einer gelben Einheit.

Fast alle Plätze im hinteren Teil des Salons sind inzwischen gefüllt. Alle Mitarbeiter, die an diesem Mittwochvormittag im Salon arbeiten, haben ihr Plätzchen gefunden. Zufrieden lässt Rosentritt ihren Blick durch den Raum schweifen. "Bei uns ist das so: Ich habe hier ganz viele Puzzleteile, aber jeder und jede ist genau so, dass es am Ende ein stimmiges Puzzle ergibt."Ob aus Syrien, dem Irak, Palästina oder Deutschland, ob ruhig oder flippig, alt oder jung – es braucht von allem etwas, um die richtige Mischung zu erzeugen. Und es ist die Summe, die es macht. Aus der kleinen Küche, in die man schräg durch einen Türrahmen ganz hinten rechts im Raum lunzen kann, hört man heitere Gesprächsfetzen. Jemand hat Kuchen mitgebracht. Frisches Obst steht dort auch. "Manchmal sitzen wir hier länger als nur für unsere Mittagspause. Wenn wir quatschen, vergeht die Zeit so schnell"sagt Athraa und steht von der Eckbank auf, um zurück zur Empfangstheke zu gehen.

Ein internationales Puzzle, das wie ein Orchester klingt

Der letzte Blick beim Verlassen des Salons fällt noch einmal zurück auf das lange Regal und die Rezeption. Dort stehen jetzt Athraa und Yasen zusammen übers Terminbuch gelehnt. Sie lachen leise über einen Schreibfehler, den Athraa beim Eintragen eines Termins gemacht hatte. Im Salon ist es ruhiger geworden. Hinterm Regal unterhält sich eine Kollegin mit einer Kundin über die Haltbarkeit verschiedener Lebensmittel. Von der Küche aus ist das leise Klappern von Besteck und Tellern wahrzunehmen. Dann ertönt das Piepsen einer der Trockenhauben. Aber Stress kommt nicht auf; das Lächeln bleibt. Und es ist eher so, als würden sich die verschiedenen Klänge zusammenfügen wie die Instrumente eines Orchesters. Wie die Puzzleteile eines Puzzles. Es muss schön sein, zu diesem kleinen, internationalen Puzzle zu gehören.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Kooperationspartner waren die Handwerkskammer für Unterfranken und die Deutsche Handwerks Zeitung.

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