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TV-Kritik: "Wir bauen auf!" über Gründergeist in der Nachkriegszeit ZDF-Doku: Unternehmergeist und Handwerk beim Wiederaufbau

Wie kam die deutsche Wirtschaft nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs wieder auf die Beine? In der aufwändigen Dokumentation „Wir bauen auf“, die fast ausschließlich aus privaten Filmaufnahmen aus der 40er- und 50er-Jahren besteht, geht das ZDF dieser Frage auf den Grund. Dabei spielen vor allen Unternehmergeist und Wagemut eine große Rolle - und auch das Handwerk.

Das Land in Trümmern, in den meisten großen Städten kein Stein mehr auf dem anderen - die Situation wie 1945 und in den Jahren danach ist aus heutiger Sicht kaum mit Worten zu beschreiben. Und doch setzten damals viele Menschen in Deutschland nach der ersten Schockstarre auf Eigeninitiative, bauten das Land wieder auf und schafften mit großem Unternehmergeist in relativ kurzer Zeit wieder einen gewissen, später dann auch großen Wohlstand. Die ZDF-Dokumentation "Wir bauen auf" handelt in weiten Teilen von genau diesen Menschen, die ihr Schicksal damals in die eigene Hand nahmen und damit auch dem Land einen großen Dienst erwiesen.

Neben privaten Filmaufnahmen aus der Nachkriegszeit lässt das ZDF auch Nachfahren der damals handelnden Personen sowie Experten zu Wort kommen, denen es über weite Strecken gelingt, das Handeln der Menschen damals sachlich in den historischen Kontext einzuordnen. Dabei wird klar: Es waren keine staatlichen Regularien oder Vorgaben, sondern Menschen mit Mut und Tatkraft, die das Land nach dem totalen Zusammenbruch wirtschaftlich wieder auf Kurs brachten.

"In jeder Krise steckt eine Chance"

Eine von ihnen war, Hildegard Mayer die Inhaberin des "Fürstenbads" in Bad Reichenhall. In der Zeit nach dem Krieg baute sie den Bade- und Kurbetrieb trotz widriger Umstände wieder auf. Nach einer gescheiterten ersten Ehe stieg sie in den elterlichen Betrieb ein und nahm ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie heiratete nie mehr, hatte aber mit einer ihrer Mitarbeiterinnen eine enge geschäftliche und freundschaftliche Beziehung. Beide Frauen brachten das Haus wieder auf Vordermann und schmissen den Laden, sodass nach einer gewissen Anlaufzeit wieder Gäste aus aller Welt in das bekannte Fürstenbad kamen. In jeder Krise stecke eine Chance, kommentiert die Historikerin Ute Frevert die Geschichte aus Bad Reichenhall. Die Abwesenheit von Männern, die in diesem Fall von den Frauen auch beabsichtigt war, habe auch dazu geführt, dass sich Frauen Dinge zugetraut hätten, die ihnen sonst gerade in der damaligen Zeit niemand zugetraut hätte.

Ein Konditor packte an

Eine Männer-, oder besser Familienangelegenheit war hingegen die Geschichte von Johann Peter Mettenleitner aus Stuttgart. Der Konditor hatte noch in den 30er-Jahren sehr gute Geschäfte gemacht, die Bilder von damals zeigen eine florierende Konditorei, in der Kaffee und Kuchen verkauft, gegessen und getrunken werden. Nur ein paar Jahre später liegt sein Geschäft in Trümmern, die Aussichten: mehr als schlecht. Doch er bekommt die Kurve, denn er sei, wie es in der Dokumentation heißt "schaffig", also fleißig gewesen. Mettenleitner packte an, er arbeitete hart an seinem vermeintlich in Trümmern liegenden Lebenswerk - und eröffnete schon im Jahre 1948 seine Konditorei neu. Mit einer Mischung aus Fatalismus und Pragmatismus wird er dann noch zitiert: Jeder müsse eben sein 'Öpferle' bringen.

"Was auf dem Teller liegt, wird gegessen"

Das tat auch Hans Hutt. Der Elektro-Großhändler aus Stuttgart baute seinen Betrieb nach dem Krieg gemeinsam mit seiner ganzen Familie wieder auf. Sein Sohn Achim Hutt trat in der Dokumentation als Zeuge einer Zeit auf, "als ein Ei noch etwas Kostbares war", wie es hieß. Er skizzierte die Denkweise der damaligen Zeit und brachte die Disziplin der Menschen, die anpackten, um das Land wieder aufzubauen, in einem zwar altbekannten, aber dennoch eindringlichen Satz auf den Punkt: Damals habe es eben noch geheißen, "was auf dem Teller liegt, wird gegessen". Und Hans Hutts Tochter beschreibt die Zeit nach dem Weltkrieg aus damaliger Kindersicht in beinahe blumigen Worten: "Wir haben gemacht, was wir wollten, es war alles möglich, wir hatten einen ziemlichen Freiraum als Kinder." Und die Bilder, die dazu über den Bildschirm flimmern, zeigen in der Tat fröhliche Kinder, die Radschlagen und in den Straßen herumtollen.

Keine Relativierung der Verbrechen

Doch die Dokumentation schaffte es an dieser Stelle auch, die Schilderungen von damals nicht zu rosarot wirken zu lassen. Immer wieder wurde der Gründergeist mancher Menschen in dieser Zeit auch psychologisch in den historischen Kontext eingeordnet. So hätten die Menschen nach den grausamen Verbrechen der Nazizeit und der totalen Niederlage nicht nur materielle, sondern auch emotionale Verluste verkraften müssen, und durch den täglichen Kampf um absolute Grundbedürfnisse habe sich kein Blick in Richtung der barbarischen Vergangenheit richten können. Wohlgemerkt: Die Verbrechen relativiert der Film an keiner Stelle, er setzt nur die damalige psychologische Situation vieler Menschen in einen historischen Kontext. So hätte etwa auch die Aufnahme von Millionen Vertriebenen in Deutschland eine große emotionale Belastung der Gesellschaft mit sich gebracht, zumal diese Menschen komplett auf sich selbst gestellt waren. Sozialpsychologe Harald Welzer, einer der Experten des ZDF, nennt als eines der Beispiele für die mangelnde Verarbeitung der eigenen Schuld das "Stunde-Null-Narrativ", also sozusagen den Neubeginn nach der Befreiung "auf der grünen Wiese", unbelastet von früheren Verbrechen. Ohne so ein Narrativ, sagt Welzer, sei eine Vergangenheitsbewältigung unmöglich gewesen.

Das Handwerk im Zentrum des Wiederaufbaus

In diesem Spannungsfeld von fehlender Einsicht in die eigene Schuld und dem gerade auch aus dem Blick nach vorne erwachsendem Gründergeist der Nachkriegsjahre bezog die ZDF-Dokumentation ihre Spannung und ihren Reiz. Sie hielt Distanz zu ihren Protagonisten, in alle Richtungen. Und sie zeigte auch, wie der Wiederaufbau von Menschen profitierte, die trotz aller Widrigkeiten nach vorne blickten. So dokumentierte Ernst Hirsch, damals Feinoptiker-Lehrling, die Wiederaufbauarbeiten am Dresdner Zwinger. Er nahm mit der Kamera Arbeiter auf, die das Barocke Gebäude von den Kriegsschäden befreiten. Das Handwerk spielte, das blieb am Ende beim Zuschauer hängen, in all seinen Facetten damals eine Schlüsselrolle bei der ganz praktischen Umsetzung des Wiederaufbaus und des folgenden Wirtschaftswunders - sowohl auf den zahlreichen Baustellen der Nachkriegszeit als auch in einer kleinen Konditorei in Stuttgart. Und es war nicht der Staat, der hier anpackte, sondern mutige Menschen, die auch "ohne Netz und doppelten Boden" ihr Lebenswerk retten und das Land nach dessen dunkelster Zeit wiederaufbauen wollten.

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