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TV-Kritik: ZDF-Reportage über aufstrebende junge Macher im Handwerk Wie junge Handwerker erfolgreich die Branche aufmischen

Die Herausforderungen im Handwerk sind zahlreich, ob Azubi-Mangel, zu wenig Fachkräfte, Akademisierung – oder nun auch noch Corona. Doch es gibt junge Menschen in der Branche, die mit frischen Ideen an die Problemstellungen herangehen und dabei Trends für ihren Erfolg nutzen - mitten in der Krise und teils sogar als Quereinsteiger. Das ZDF zeigte nun deren Berufsalltag in einer gelungenen Reportage.

Der Anruf bei der Kölner Fleischerinnung ist den Gebrüdern Friedrichs bis heute in Erinnerung. Ob er sich verhört habe - sie wollten wirklich eine Metzgerei eröffnen und nicht etwa schließen, fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung nach einer längeren überraschten Pause. "Ja, ich möchte eine Metzgerei eröffnen, was muss man machen?", wiederholte Sebastian Friedrichs. Das, sagte der Innungs-Mitarbeiter, habe er seit Jahren nicht mehr gehört. Und es stimmt: Die Metzgerei Friedrichs war das erste Unternehmen dieser Art, das bei der Gründung 2018 seit zehn Jahren neu geöffnet wurde, während nicht nur in der Region Köln eine Metzgerei nach der anderen ihre Pforten schließt. Die Brüder entschieden sich dazu, das Fleisch vom heimischen Hof im Bergischen Land einfach selbst zu verarbeiten, nachdem der dortige Metzger sein Unternehmen aus Altersgründen dicht gemacht hatte, weil kein Nachfolger in Sicht war. Heute steigt der Umsatz der Friedrichs seit der Eröffnung kontinuierlich - der Laden läuft.

Das ZDF zeigte in einer umfassend angelegten Reportage, wie junge Handwerker in vermeintlich alten Gewerken, die mit den großen Problemen der Branche kämpfen, auch heutzutage erfolgreich sein können, und ging den Ursachen zielgerichtet auf den Punkt. Die halbe Stunde Sendezeit war vollgepackt mit interessanten Informationen und kam ohne die leider zu oft in diesen Formaten verbreitete Litanei über moderne Arbeitsformen, vermeintlich schlechte Bezahlung oder die angeblich verzogene Jugend, die keine Lust mehr auf harte Arbeit habe, aus. Nein, im Gegenteil, man konzentrierte sich auf das, was die jungen Handwerker tun, nicht auf die Umstände, die ihnen dabei möglicherweise im Weg stehen. Proaktives, zukunftsweisendes und optimistisches Fernsehen - das sieht man in den öffentlich-rechtlichen Kanälen derzeit viel zu selten.

Metzger: Die Kundschaft zahlt gerne einen Euro mehr

Und diese Zuversicht ist es auch, die die "jungen Macher", wie sie in der Reportage genannt wurden, auszeichnet. Die Friedrichs setzen in ihrer Metzgerei auf die direkte Kette vom heimischen Hof in die Auslage. Sie verkaufen fast ausschließlich Waren, die aus dem Bergischen Land stammen, wo Vater Christoph den Hof schmeißt. Dazu kommt hohe Transparenz, etwa in Form einer Glaswand zum Kühlraum. Dort hängen die Fleischteile. Es gehe darum, sagt Christoph Friedrich, "dass nicht einfach nur ein Steak auf dem Teller liegt, sondern man auch einen Bezug dazu bekommt, was bedeutet das eigentlich, dass das Steak hier liegt." Immerhin sei für jedes Stück ein Lebewesen gestorben. Diese Herangehensweise ist nicht einzigartig, aber auch nicht allzu häufig anzutreffen - und sie wirkt nicht nur bei der Kundschaft, die den Euro mehr nach eigener Aussage gerne zahlt. Auch Nachwuchssorgen haben die Friedrichs nicht und einen Azubi in kurzer Zeit gefunden, dem das Konzept so gut gefiel, dass er auch nach dem Abitur erst einmal eine Handwerkslehre machen will. Und die Friedrichs brauchen ihre Fachangestellten, denn sie selbst sind keine Metzger, sondern Zimmermann und Notfallassistent - trotzdem klappt alles.

Bäcker: "Verkrustete Strukturen im Handwerk"

Ganz ähnlich lief es auch bei Sebastian Däuwel. Der 37-Jährige aus Speyer war früher mal Controller bei einem Energieversorger. Heute ist er Bäcker und verkauft ausschließlich Brot in einem Laden und einem Verkaufswagen. Er hat mit einem strikten Qualitätskurs Erfolg - und provoziert ein wenig vor der ZDF-Kamera, wenn er sagt: "Im Handwerk sind relativ viele verkrustete Strukturen vorhanden, auch die Ausbildung, die Meisterprüfung, das ist alles nach relativ alten Verordnungen geregelt", sagt er. Er durfte seine Bäckerei vor Jahren dank einer Ausnahmegenehmigung auch ohne Meistertitel öffnen, hat seinen Meister aber mittlerweile nachgeholt. Unter anderem von den Bierbrauern habe er sich abgeschaut, dass es auch mit neuen Ansätzen gehen könne und man eine Bäckerei nicht so althergebracht betreiben müsse. Als Beispiel brachte das ZDF die Social-Media-Strategie von Däuwel. Er postet immer wieder aktuelle Fotos aus der Bäckerei - da reicht es schon mal, das im Ofen vor sich hin backende Brot zu fotografieren. Die Kunden nehmen das laut Däuwel gut an. "Früher gab es mal einen Tag der offenen Tür, mit Instagram kann ich jeden Tag einen Tag des offenen Backofens machen", sagt er.

Schreiner: Nicht über Klischees reden, sondern gute Arbeit machen

Vom Tagesgeschäft Backen sind die beiden Schreinerinnen Ricarda Mayer und Lisa Marie Martach aus Isny im Allgäu ziemlich weit entfernt. Sie rechnen für ihre individuell angefertigten Möbelstücke eher in Zeiträumen von Wochen oder Monaten. Teilweise entstehen die Stücke aus Altholz, das sonst nur noch ein Fall für die Entsorgung wäre. Auch hier sind Quereinsteiger am Werk - eine studierte Architektin und eine Betriebswirtin. Was treibt die beiden an? Die Familiengeschichte mit dem Großvater, der Schreiner war, beispielsweise, aber auch die fehlende Erfüllung im alten Job, wie Meisterin Ricarda Mayer erzählt. Aber auch eine gesunde Portion Selbstbewusstsein gehört dazu. Gefragt nach dem Standing von Frauen in der "Männerdomäne Holzhandwerk", stimmen die beiden vor der Kamera nicht etwa das Klagelied der Benachteiligung an. "Es ist gar nicht mehr so", sagen sie vielmehr, und sie müssten sich sehr selten mit diesem Klischee auseinandersetzen. Aber das ist auch nur eine Nebenaspekt, denn die beiden Schreinerinnen gehen ihr Gewerk umfassend an, entwickeln Einrichtungskonzepte für die Kundschaft. Die ist dann bereit, für ein TV-Möbel auch mal deutlich mehr als 2000 Euro zu zahlen. Corona? Kein großes Thema auf diesem Markt.

Mancher Ansatz ist einen Versuch wert

Ohne Scheuklappen, ohne die gängige Klischees zu bedienen, ist dem ZDF eine starke Reportage darüber gelungen, wie das Handwerk trotz aller Herausforderungen und trotz Corona eine Zukunft haben kann. Sicher - die vorgestellten Betriebsformen sind sicherlich nicht auf alle anderen Handwerksunternehmen direkt anwendbar und bedienen oft nicht den großen Massenmarkt, sondern eine eher qualitätsorientierte, vergleichsweise zahlungskräftige, aber auch überschaubare Klientel. Das kam denn auch im ZDF-Beitrag zu kurz - der Blick auf das Handwerk als Ganzes und die umfangreichere Realisierbarkeit derartiger Geschäftsmodelle - die schwierig sein dürfte. Doch was eben hängen blieb, war ein tiefgehender Einblick in moderne Formen der Betriebsführung und der Kundengewinnung. So mancher Ansatz könnte auch für andere Unternehmen sicherlich einen Versuch wert sein.

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