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TV-Kritik: NDR - Die Nordreportage über Lebenswege im Handwerk Wie Innovationskraft einem Betrieb durch die Corona-Krise hilft

Im Handwerk gibt es mitunter verblüffende Lebensläufe. Der NDR beleuchtete in einer Reportage, wie aus einem gelernten Kfz-Elektriker mit der Zeit ein Bäckermeister wurde. Es gab viele Einblicke in die Seele des Handwerks - und auch der aktuelle Bezug zur Corona-Krise, die der Familienbetrieb mit Kreativität und Veränderungsbereitschaft zu meistern sucht, fehlte nicht.

Christian Fries dürfte zu der eher überschaubaren Anzahl an Bäckermeistern gehören, die zu Schweißbrille und Schweißgerät greifen, wenn einer ihrer Regalwagen droht, den Geist aufzugeben. Als einer der Regalträger sich zu lösen beginnt, ist er schnell bei der Hand und schweißt das lose Teil mit ein paar gekonnten Handgriffen wieder fest. Was ja auch kein Wunder ist, denn Fries hat vor vielen Jahren den Beruf des Kfz-Elektrikers gelernt, ehe er zum Bäckermeister wurde - und sich ganz nebenbei noch in der Landwirtschaft ausbilden ließ. Fries kriege alles wieder heil, was irgendwie kaputt gegangen ist, sagt die Stimme aus dem Off. Die Metallarbeit liege ihm so ein bisschen im Blut, er sei ja schließlich praktisch in einer Kfz-Werkstatt aufgewachsen, sagt er selbst es über diese leicht kuriose Szene in der NDR-Reportage "Vom Elektriker zum Bäckermeister". Das stimmt, und gilt heutzutage umso mehr auch für die Arbeit mit Teigen aller Art. Immer mal was Neues.

Bio-Qualität und persönliches Verhältnis zu den Kunden

Der NDR stellt im Rahmen seiner Reihe "Die Nordreportage" regelmäßig interessante Menschen mit ausgefallenen Lebensläufen in den Mittelpunkt. Das ist manchmal mehr und manchmal weniger mitreißend - im Falle von Christian Fries allerdings sehr gelungen. Die NDR-Journalisten zeigten ausführlich Szenen aus dem täglichen Handwerk des Bäckers, beispielsweise, wie er gemeinsam mit seinem Azubi den Mühlstein bearbeitet, um das beste Mehl zu erhalten. Oder wie in der Backstube konzentriert gearbeitet wird, um Gäste beim alljährlichen Hoffest zu verköstigen. Dabei setzt Fries stets auf Bio-Qualität, und er kümmert sich auch persönlich um die Kundschaft, etwa wenn er beim Schaubacken Einblicke in sein Handwerk gewährt - und das auch von seinem Lehrling verlangt. Einfach ist nichts in der Bäckerei, alles ist harte, ehrliche Arbeit.

Immer eine "Baustelle offen"

Und wie arbeiten funktioniert, das weiß Fries. Drei Berufe hat er erlernt. Zuerst war er Kfz-Elektriker, dann lernte er in der Landwirtschaft - und am Ende das Backen. "In meiner Brust schlägt auch immer so ein Bauernherz", nennt es Fries. Immer dasselbe zu tun, scheint nicht seine Sache zu sein, er habe immer "Baustellen offen", wie er lachend sagt, und wenn es am Wochenende die Arbeit im heimischen Garten ist. Deshalb auch die ständigen Veränderungen zwischen Berufen, die außer ihrer Zugehörigkeit zum Handwerk nicht viel miteinander zu tu zu haben scheinen.

Nebenbei, und das stärkt die These von der Sucht nach Neuem noch, pflegt er obendrein mit dem Surfen, Schlagzeug spielen und Joggen auch noch drei ambitionierte Hobbies. Er sei eher ein aktiver Mensch und brauche das, um seine Körperspannung aufzubauen, sagt Fries im Interview. Spannung gibt es mitunter auch, wenn Fries neue Brotsorten ausprobiert und vor Publikum backt. Dabei kann es auch mal ein Ergebnis geben, das nicht so ganz den Erwartungen entspricht - etwa wenn der Teig nicht richtig aufgeht. Das sind Erfahrungen, die der Bäcker braucht, um sich weiterzuentwickeln.

Die Corona-Krise als Herausforderung

Erfahrungen, die Fries wohl lieber nicht gemacht hätte, hängen mit der aktuellen Corona-Krise zusammen. Zwar konnte seine Bäckerei auch während der Zeit des Shutdowns bis auf die Lieferungen an Schulen weiter produzieren, doch Fries‘ Tochter Helena, die das Restaurant Müllers, das Teil der Bäckerei ist, leitet, hat mit starken Umsatzeinbrüchen zu kämpfen. Derzeit ist das Restaurant geschlossen. Jetzt muss die Familie überlegen, wie die Rückgänge während der Krise kompensiert werden können. Die Tochter absolviert derzeit ein triales Studium, also eine Kombination auch Konditorausbildung, Meisterschule und Bachelor. Helena will einen Lieferservice aufziehen. Die Innovationsfreude, die Offenheit Neuem gegenüber kommen Fries selbst und seiner Familie bei der Krisenbewältigung zugute - diese Erkenntnis zieht sich durch die gesamte sehr informative Reportage.

Christian Fries erinnert noch einmal daran, zur Verbreitung des Lieferservice auch die " sozialen Netzwerke" zu nutzen. Das allerdings muss er der Tochter nicht erklären, sie hat Facebook und Co. bereits für das Restaurant genutzt, um dort mehr Gäste anzulocken und höhere Umsätze zu generieren. Während Corona - die Leute sitzen viel zu Hause vor Smartphone und Rechner - dürfte diese Taktik umso mehr aufgehen. Der Lieferservice läuft entsprechend gut an, Zielgruppe seien alle, die von Corona betroffen sind, "Leute aus der Risikogruppe oder einfach nur Muttis, die mit ihren Kindern zu Hause sind, weil die Kinder zu Hause sind", erklärt Helena Fries. Allerdings gehe es dabei nicht darum, sich ein zweites Standbein aufzubauen, sondern um die Menschen in der Umgebung einfach zu unterstützen.

Die Betriebsübergabe als nächstes großes Ziel

Tochter Helena ist es auch, die bei fünf weiteren Geschwistern den Betrieb einmal weiterführen soll. Sie freue sich auch darauf und sei voller Erwartung, sagt die Studentin. Aber man fange langsam an, daran zu arbeiten, denn sie habe ja derzeit noch ihr Studium zu absolvieren. Ein Sprung ins kalte Wasser werde das sicherlich nicht. Angesichts der Verwerfungen durch die Corona-Krise wirkt die Familie beim gemeinsamen Grillen recht entspannt. Qualität im Handwerk setzt sich irgendwie am Ende schon durch, das bleibt beim Zuschauer hängen. Und Innovationen in einem ungewissen Umfeld helfen auch dabei, den Weg, der für das eigene Unternehmen geplant ist, konsequent weiterzugehen, auch wenn die Zeiten schwieriger werden.

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