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Grenzen überwinden Wie Handwerker mit Erasmus+ Europa erleben können

Backen in Frankreich oder Restaurieren in Irland – es gibt zahlreiche Möglichkeiten für Handwerker, ins europäische Ausland zu gehen und dort zu arbeiten.

Es war für uns die schönste Zeit unseres bisherigen Lebens. Wir haben neue Freunde gefunden, auf so intensive Weise wie man es nur erleben kann, wenn man dieses Abenteuer wagt." Mit diesen Worten beschreibt die junge Handwerkerin Katharina Zasche ihre Eindrücke aus dem Austauschprojekt mit Volterra. Die Zimmerin aus Stuttgart ist von Januar bis März 2019 in die italienische Kleinstadt südwestlich von Florenz gereist. Aber nicht zum Urlaub machen. Sie hat dort mit 17 anderen jungen Handwerkern gearbeitet und dabei Land und Leute auf besondere und intensive Weise kennengelernt.

Das Volterra-Projekt der Handwerkskammer Region Stuttgart wird von der Europäischen Union gefördert. Im Rahmen des EU-Mobilitätsprojekts Erasmus+ können Menschen in ganz Europa für ein paar Wochen oder Monate in einen neuen Alltag schlüpfen und andere Kulturen kennenlernen. Das Programm umfasst die Bereiche allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport. Das heißt auch Lehrlinge oder ausgelernte Fachkräfte können mit Erasmus+ in einem Betrieb im Ausland arbeiten.

Wohin die Teilnehmer reisen, können sie selbst entscheiden. Bei den Lehrlingen liegt Großbritannien auf Platz eins. Jeder vierte Azubi besuchte 2017 die Insel. Dahinter folgen die Niederlande, Frankreich, Spanien und Irland. Die Teilnehmer erweitern dabei nicht nur ihren fachlichen Horizont, sondern machen Erfahrungen, die das gegenseitige Verständnis in Europa und weltweit fördern.

"Es ist das schönste Projekt, das ich begleiten darf."

Volker Süssmuth von der Handwerkskammer Region Stuttgart leitet das Programm seit vielen Jahren und freut sich, dass immer wieder so viele junge Menschen mitmachen: "Es ist das schönste Projekt, das ich begleiten darf." Bewerben dürfen sich junge Handwerker aus allen Gewerken. Zwar gibt es nicht für alle einen passenden Gastbetrieb, aber für die meisten findet Süssmuth dann doch einen Platz. Im ersten Monat lernen die Gesellen in einem Intensivsprachkurs Italienisch. Danach geht’s in die Betriebe. Die Junghandwerker aus dem Bau- und Ausbaugewerbe restaurieren und renovieren unter Aufsicht des Denkmalschutzamts vorwiegend historische Gebäude, während die anderen Teilnehmer im Dienstleistungssektor zum Einsatz kommen.

Zasche hat im Hausmeisterbereich der Sparkassenstiftung gearbeitet und kümmerte sich zusammen mit drei Schreinern um die Instandhaltung und Instandsetzung des Verwaltungsgebäudes sowie der Bildungsakademie der Sparkasse. Wichtig war ihr vor allem mal etwas Neues im Vergleich zum Berufsalltag in Deutschland kennenzulernen. "Mir hat die Idee gefallen, mit anderen jungen Menschen zusammenzuleben", sagt die 24-Jährige.

Katharina Zasche

Handwerker, die ins Ausland möchten, können sich Unterstützung holen bei den Mobilitätsberatern der Handwerkskammern oder der nationalen Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung. Die Agentur koordiniert die Austauschprojekte der EU. Gefördert werden Schüler, Auszubildende, Studenten, aber auch ausgelernte Erwachsene. Für Lehrlinge in Baden-Württemberg gibt es beispielsweise das Programm "Go for Europe", das bei der Vermittlung von Auslandspraktika hilft. Partner ist unter anderem der Baden-Württembergische Handwerkskammertag.

Mehr Studenten als Lehrlinge nutzen Erasmus+

Die Teilnehmerzahlen zeigen, dass Erasmus+ im Handwerk noch nicht überall bekannt ist. 2018 haben 45.000 Studenten am Austausch teilgenommen, aber nur 37.600 Lehrlinge. Zwar hat sich seit 2012 die Teilnehmerzahl unter den Azubis verdoppelt, 2018 waren trotzdem nur 3,8 Prozent aller Lehrlinge über Erasmus+ im Ausland. Wie viele Handwerker nach der Ausbildung für die Arbeit ins Ausland reisen, ist schwer zu sagen, da die Projekte meist nicht zentral abgewickelt werden.

Die Gründe für die geringen Zahlen sind vielfältig. Viele wissen wahrscheinlich nicht über die einzelnen Förderprojekte Bescheid. Es gibt aber auch konkrete Kritikpunkte. So seien Antragstellung und Dokumentation sehr aufwendig, insbesondere für kleine und mittlere Betriebe, heißt es beim Zentralverband des Deutschen Handwerks. Die beste Möglichkeit, mehr Lehrlinge und ausgelernte Handwerker für Europa zu begeistern, ist aber, wenn ehemalige Teilnehmer von ihren positiven Erfahrungen berichten.
So wie die Teilnehmer des Volterra-Projekts. Einige Wochen nach dem Austausch ist Zasche immer noch begeistert: "Obwohl Italien so nah ist, läuft manches doch ganz anders. Auch in der Gruppe werden Menschen dabei sein, die anders sind, als man selbst. Aber, wenn man bereit ist, jeden so zu akzeptieren, wie er ist, dann kann das eine richtig gute Zeit werden."

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