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Berufsinformation im Jahr 2021 Wie die HWKs Jugendliche und Betriebe jetzt zusammenbringen wollen

Die Azubi-Suche wird für Handwerksbetriebe immer mehr zur Herkulesaufgabe. Jugendliche wählen aus Verunsicherung andere Wege, der Rückgang von 2020 droht sich zu verfestigen. Mut schöpfen die Kammern ausgerechnet aus den Erfahrungen vom Vorjahr.

10.680 weniger Ausbildungsverträge, ein Minus von 7,5 Prozent. Seit der Finanzkrise 2008/2009 musste das Handwerk keinen so starken Einbruch mehr hinnehmen wie im vergangenen Jahr. Nur 132.195 neue Lehrverträge standen bis Ende September zu Buche. Nie waren es weniger, seitdem das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) Ausbildungszahlen für Gesamtdeutschland erhebt.

Viele Betriebe haben in der Krise ihre Ausbildungstätigkeit reduziert. Im Handwerk wurden rund 8.500 Ausbildungsplätze weniger ausgeschrieben als noch im Vorjahr – ein Minus von 5,5 Prozent. Die staatliche Corona-Ausbildungsprämie sollte dem eigentlich entgegenwirken, hat ihre Wirkung bislang aber verfehlt. Für das kommende Ausbildungsjahr will Bundesarbeitsminister Hubertus Heil die Prämie deshalb verdoppeln und die Förderbedingungen lockern.

Junge Menschen sind verunsichert und schlagen andere Wege als eine Ausbildung ein  

Doch die Ausbildungsbetriebe sind nur ein Teil des Problems. Einen noch größeren Rückgang gab es auf der Bewerber-Seite. Schon vor der Pandemie war die Situation auf dem Lehrstellenmarkt problematisch, insbesondere im Handwerk. Experten hatten einen Rückgang von 2,3 Prozent prognostiziert, verursacht vor allem durch den demographischen Wandel und die seit Jahren zunehmende Akademisierung. Ende September lag das Minus dann bei 8,9 Prozent. Die unsichere Situation der Ausbildungsbetriebe in der Pandemie habe Bewerber zusätzlich abgeschreckt, erklärt Friedrich Hubert Esser, Präsident des BIBB. Viele Schulabgänger hätten sich für ein Studium oder den Besuch einer weiterführenden Schule entschieden.

Zur Verunsicherung der Jugendlichen trug auch bei, dass die Berufsorientierung und die Ausbildungsvermittlung im vergangenen Jahr nicht in gewohnter Form stattfinden konnten. Die Anfänge der Corona-Pandemie in Deutschland fielen genau in die Zeit, in der entsprechende Angebote normalerweise Hochkonjunktur haben. "Im Handwerk hatten wir Ende Mai 18 Prozent weniger neu abgeschlossene Ausbildungsverträge als im Vorjahr", erinnert sich Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks.

Digitale Angebote ebneten den Weg für Aufholjagd

Danach habe die Branche jedoch eine Aufholjagd hingelegt. Handwerksammern und Fachverbände setzten dabei massiv auf digitale Angebote. "Zum Beispiel auf virtuelle Berufsberatung und Speed-Datings mit potentiellen Arbeitgebern. Es gab WhatsApp-Ausbildungssprechstunden und virtuelle Betriebsführungen, um Jugendlichen ihre Fragen zu beantworten und ein Bild von einer handwerklichen Ausbildung zu vermitteln", sagt Wollseifer. So sei es gelungen, das Minus immerhin zu verringern. Letztlich fiel es auch geringer aus als im Bereich Industrie und Handel, der ein Minus von 13,9 Prozent zu verschmerzen hatte. Berufe wie Maurer, Dachdecker, Fliesen-, Platten- und Mosaikleger, Zimmerer oder Zweiradmechatroniker konnten sogar ein Plus erzielen.

Die erfolgreichen Anstrengungen aus dem vergangenen Jahr könnten Mut machen. Dennoch zeigt sich Wollseifer besorgt. Er befürchtet, dass das Minus vom Vorjahr in diesem Jahr nicht wieder aufgeholt werden könne. Die Situation von 2008/2009 drohe sich zu wiederholen. Auch damals konnte der Stand vor der Finanzkrise nie wieder erreicht werden. Damit die duale Ausbildung trotz der Corona-Pandemie ein attraktiver Bildungsweg für Jugendliche und Betriebe bleibt, müssten der angekündigten Verdopplung der Ausbildungsprämie zügig Taten folgen, fordert Wollseifer. In Richtung Schulabgänger betont er: "Im Handwerk werden junge Menschen immer Arbeit haben. Im Handwerk bieten sich ihnen in allen Zukunftsfeldern wie der Energie- und Mobilitätswende, im Wohnungsbau, Smart Home, aber auch im Gesundheitsbereich vielfältige, anspruchsvolle und zukunftssichere Berufe mit hervorragenden Fortbildungs- und Karrieremöglichkeiten."

Kammern mit vielfältigen Ersatzangeboten

Die Handwerkskammern knüpfen an die erfolgreichen Angebote aus dem Vorjahr an, um eben diese Botschaft an Jugendliche, Eltern und Lehrer heranzutragen. Unter dem Motto "Corona hin oder her – ein Ausbildungsplatz muss her!" hat beispielsweise die Handwerkskammer Region Stuttgart ihre digitalen Berufsorientierungsangebote stark ausgebaut. Die Ausbildungsberater informieren in Web-Seminaren, digitalen Elternabenden oder virtuellen Azubi-Speed-Datings über die Chancen einer Berufsausbildung im Handwerk, erklärt Katharina Schütz, Teamleiterin Ausbildungsbetreuung – Berufsorientierung. Die Veranstaltungen würden gut angenommen und seien teils sogar effizienter, sagt sie.

Auch die Handwerksammer Chemnitz versucht mit neuen Konzepten den direkten Austausch mit Lehrern, Eltern und Schülern zu erhalten. Da persönliche Kontakte im letzten Jahr sehr eingeschränkt waren, habe die Kammer eine Telefonhotline sowie eine WhatsApp-Nummer eingerichtet, erklärt Sprecherin Romy Weisbach. Materialien zur Berufsorientierung will die Kammer künftig außerdem in der sächsischen Schulplattform "Lernsax" verfügbar machen. Darüber hinaus wurde eine neue Karriere-Webseite an den Start gebracht, die über die regionalen Ausbildungsmöglichkeiten im Handwerk informiert.

In Schwaben werden seit Juni 2020 Onlinesprechstunden für Schüler und Eltern angeboten. Formate, die auch in diesem Jahr von der Kammer fortgeführt werden. "Die Onlinesprechstunde für Schüler und Schülerinnen war meist gut besucht, teilweise sogar von über 100 Teilnehmern. Ebenso kommen aktuell verstärkt Lehrkräfte auf uns zu, um individuelle Termine zur Onlineberatung ganzer Klassen zu vereinbaren", erklärt Sprecherin Susanne Sylvester. Darüber hinaus seien Online-Berufsinfomessen mit digitalen Firmenständen geplant.

Wie Betriebe für sich werben sollten

Neben Information und Austausch setzen die Kammern auf eine gezielte Vermittlung zwischen Betrieben und Jugendlichen. Den Ausbildungsbetrieben legen sie nahe, in die regionalen Lehrstellenbörsen und in das Lehrstellenradar zu inserieren sowie die Angebote der Kammern rege zu nutzen. Zudem sollten – wenn möglich – weiterhin Praktika unter Einhaltung der Hygienevorschriften angeboten werden.

Im kommenden Jahr wollen die Ausbildungsberater dann wieder auf Messen, Ausbildungsbörsen und Schulveranstaltungen aktiv werden. An den digitalen Angeboten soll aber weiterhin festgehalten werden. Mit einer Kombination aus Digital und Präsenz soll dann allerspätestens 2022 die nächste Aufholjagd gelingen – und die Lücke aus 2020 wieder geschlossen werden.

>>> Lesetipp: Viele Handwerkskammern geben auf ihren Webseiten Tipps zur Nachwuchswerbung in Corona-Zeiten, so etwa die HWK Konstanz

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