Unternehmensführung -

Bürokratie für ausländische Handwerksbetriebe Wie Deutschland ausländischen Betrieben das Leben schwer macht

Deutschen Handwerksbetrieben wird es von unseren Nachbarländern oft schwer gemacht, Aufträge im grenznahen Ausland auszuführen. Aber wie ist es eigentlich, wenn Unternehmen aus dem EU-Ausland bei uns arbeiten wollen? Wie tschechische Unternehmen Deutschland erleben.

Der erste Auftrag aus dem Ausland, erinnert sich Marcela Cervenkova, sei völlig problemlos gewesen: "Das war im Jahr 2012, es ging um einen Auftrag in Deutschland", sagt die Geschäftsführerin des Elektrobetriebs Veos aus dem tschechischen Hodonín. Für ihre Kollegen reichte das Formular A1, das die Sozialversicherungspflicht im Heimatland bestätigt, und schon konnten sie fahren. "Seitdem aber ist alles sehr viel komplizierter geworden."

Die Firma Veos hat 45 Mitarbeiter, von denen ein gutes Dutzend häufig im Ausland unterwegs sind – der Schwerpunkt dabei ist Deutschland, aber sie sind auch im benachbarten Österreich tätig, in der Slowakei und in anderen Ländern. Als Subunternehmer kümmern sie sich auf Baustellen um die Elektroarbeiten, vom Verlegen von Kabeltrassen bis zu den Anschlüssen. "Meistens sind es größere Projekte, sonst lohnt sich die Administration kaum – denn der bürokratische Aufwand ist immer gleich, egal ob ein Auftrag in 14 Tagen erledigt ist oder in sechs Monaten", sagt Cervenkova.

Den Aufwand, um für ihre Kollegen die Entsendungen ins Ausland zu organisieren, schätzt sie auf eine halbe Stelle – eine Mitarbeiterin ist das ganze Jahr vor allem dafür abgestellt, sich um die nötigen Formulare und die Kontakte zu den Behörden zu kümmern.

Auskunft erst rückwirkend

Mit dem Dschungel an Vorschriften und Formularen kennt sich Jitka Rysava aus. Sie hat ihr Büro am Rand von Prag, dort ist das "Zentrum für Regionalentwicklung der Tschechischen Republik" angesiedelt. Für das Enterprise Europe Network, dessen tschechische Niederlassung zum Zentrum gehört, berät sie Unternehmen, die Aufträge im Ausland annehmen wollen. Zu den zahlreichen Hürden in Deutschland zählen ihrer Beobachtung nach nicht mehr nur Fragen wie die Freistellung von der Bauabschlagssteuer oder die Beschäftigung mit dem Mindestlohn – nein, am schwersten mache es vielen Unternehmen die Unvorhersehbarkeit.

"Früher konnte man zum Beispiel bei der Soka-Bau anfragen, ob ein konkreter Auftrag abgabepflichtig ist. Dann konnte das Unternehmen gut kalkulieren. Heute gibt es diese Auskunft erst rückwirkend – also dann, wenn der Vertrag unterschrieben und die Arbeit erledigt ist", sagt Jitka Rysava. Bei vielen Aufgaben aus dem Baugewerbe sei die Soka-Bau-Pflicht natürlich von vornherein klar, aber es gebe eben immer wieder auch Grenzfälle.

Ein weiteres Beispiel für die Unvorhersehbarkeit betrifft nicht Firmen, sondern selbstständig tätige Handwerker: Während in Tschechien beispielsweise zwei Maurer häufig als eingespieltes Team zusammenarbeiten und jeder von ihnen selbstständig ist, sei das in Deutschland bisweilen problematisch. Manche Kontrolleure akzeptierten diese Konstellation, andere ahndeten sie als Scheinselbstständigkeit.

Ärgerlich sei zudem, dass alle Unterlagen bis hin zum Arbeitsvertrag des Arbeiters stets in deutscher Übersetzung vorliegen müssen – das sei ein Papierkrieg, der häufig unnötig sei. Bei einer Kontrolle könne man die Unterlagen schließlich immer noch innerhalb kürzester Zeit in Übersetzung vorlegen.

Tendenz zu mehr Auflagen

Aber nicht nur von deutscher, sondern auch von tschechischer Seite gebe es Auflagen, die den Entsendern das Leben schwer machen. Ein Beispiel sei die Verpflegungspauschale: Das tschechische Gesetz schreibt vor, dass Arbeitnehmer, die nach Deutschland entsendet werden, pro Tag 45 Euro als Verpflegungskostenpauschale bekommen; hinzu kommen noch Unterkunft und Fahrtkosten. Das verteure die Auslandsreisen sehr deutlich.

Was Expertin Rysava Sorgen bereitet, ist die Tendenz zu immer neuen Auflagen: Wenn im Juli 2020 die verschärften Richtlinien für die Arbeitnehmer-Entsendung greifen, werde die Situation nochmals komplizierter. "Schon jetzt ist es so, dass viele der Firmen, die wir hier beraten, dann doch lieber die Finger von Aufträgen aus dem Ausland lassen, weil ihnen die Bürokratie zu aufwendig ist", sagt Rysava.

Für Marcela Cervenkova und die Elektrofirma Veos haben die hohen Hürden bei Auslands-Entsendungen einen Nebeneffekt: Bei vielen Ausschreibungen aus Deutschland sind sie in der jüngeren Zeit nicht zum Zuge gekommen. "Wenn wir den deutschen Mindestlohn zahlen, dazu Kosten für Unterbringung, Fahrten und Verpflegung haben – vielleicht sind wir dann gegenüber manchen deutschen Firmen einfach nicht mehr konkurrenzfähig."

© deutsche-handwerks-zeitung.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten