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Uhrmacherschule in Würzburg Wie das Uhrmacherhandwerk auch junge Leute noch begeistert

Als im 14. Jahrhundert die mechanische Uhr erfunden wurde, begann eine neue Ära der Zeitmessung. Nachdem sich zuerst Schlosser, Schmiede und Kanonengießer ein Zubrot mit den Räderwerken verdienten, wurde schließlich ein neuer Handwerksberuf geboren: der Uhrmacher. Ein Beruf, den junge Menschen auch heute noch ergreifen.

Kira hat Zeit. Abermals lockert sie die Spannung des Schraubstocks. Nur wenige Millimeter ragt die kleine, viereckige Platte aus Messing hervor, die sie mit den Fingerspitzen herausnimmt. Sie legt das zwei fingerbreite Plättchen an den Metallwinkel in ihrer rechten Hand an. Dabei dreht sie sich zu den großen, schrägen Dachfenstern, hebt das Konstrukt vor ihr Gesicht und kneift ein Auge zusammen. Die kleine Werkstatt um sie herum verschwimmt, im Fokus steht jetzt nur noch der Spalt zwischen Winkel und Platte. Wenn sie gut gearbeitet hat, sollte nicht mal mehr der kleinste Strahl an Licht durchblitzen. Doch das hereinfallende Mittagslicht ist gnadenlos und quetscht sich durch kleine Unebenheiten noch immer bis zu Kiras braunem Auge hindurch. Leise seufzend lässt sie die Hände sinken und kurbelt die Platte wieder im Schraubstock fest. "Zum Glück bin ich ein geduldiger Mensch." sagt sie schmunzelnd und fährt mit der Feile wieder vorsichtig über die Kante.

Ausbildung im Uhrmacher-Handwerk

Ihre Geduld kommt Kira Sodemann zugute, denn als angehende Uhrmacherin darf sie nicht auf Zeit drängen, sondern muss sich diese nehmen. Bis es perfekt ist. Vor vier Monaten hat Kira eine dreijährige duale Ausbildung zur Uhrmacherin in einem Frankfurter Betrieb begonnen. Sechsmal im Jahr fährt sie für zwei Wochen an die Bayerische Uhrmacherschule in der Franz-Oberthür-Schule Würzburg. Gemeinsam mit 17 anderen Auszubildenden aus Bayern, Rheinland-Pfalz, Saarland und Hessen wird sie hier zusätzlich zur betrieblichen Ausbildung im Uhrmacher-Handwerk ausgebildet.

Dass sie sich nach dem Abitur für einen handwerklichen Beruf entschieden hat, kam nicht überall gut an. "Als Gymnasiast lerne man doch kein Handwerk, sagte man mir bei der Berufsberatung," erzählt Kira, während sie die Feile erneut ansetzt." Stattdessen haben sie mir ein Landwirtschaftsstudium empfohlen. "Zum Glück habe ich nicht darauf gehört." Unter den Handwerksberufen ging die Uhrmacherei für Kira deshalb als Sieger hervor, weil es Handwerk, Technik und Feinmotorik auf charmante Art und Weise kombiniert.

Auch heute sollen sich die angehenden Uhrmacher in Feinmotorik üben. Konzentriert sitzen sie an den langen Werkbänken, feilen und prüfen, seufzen und triumphieren. Die Grundplatte, an der sie arbeiten, dient als Basis für einen Unruhgalgen, an welchem man die Unruh als sensibelstes Bauteil jeder Uhr zur Reparatur aufhängt. Neben der Anfertigung von Bauteilen gehören Wartung und Reparatur zu den wichtigsten Aufgaben der künftigen Uhrmacher. Da Uhrmacher zunehmend auch in der Industrie beschäftigt sind, werden die Auszubildenden ebenso auf eine serienmäßige Herstellung verschiedener Zeitmessgeräte vorbereitet.

Mehr Bewerber als Ausbildungsplätze

Auch Kira hat ihren Ausbildungsplatz in einem Industriebetrieb gefunden, in dem sie sowohl Anfertigungen macht als auch Kleinuhren prüft. Nicht jeder hat das Glück, einen Ausbildungsplatz zu finden. "Es gibt mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. Wir versuchen deswegen, mehr Betriebe zu motivieren, wieder auszubilden", erzählt Michael Eberlein, der Fachlehrer der Uhrmacherschule. Während sich seine Schützlinge über ihre Werkbank beugen, bereitet er an der Schleifmaschine schmale Bohraufsätze vor, mit denen die Auszubildenden später winzige Löcher in ihre Grundplatten bohren sollen. An den sieben anderen Uhrmacherschulen in Deutschland kann man wegen fehlender Ausbildungsplätze mittlerweile auch durch eine schulische Vollzeitausbildung zum Uhrmacher werden. Als Verfechter des dualen Systems ist Michael Eberlein aber stolz darauf, dass die Würzburger Uhrmacherschule als einzige Schule ausschließlich auf das duale Prinzip setzt:"Im Alltagsbetrieb haben unsere Auszubildende mit allen Arten von Uhren und Kunden zu tun. Das lernt man nicht in der Schule." Michelle Kückner, die neben Kira an ihrem Messingplättchen feilt, pflichtet dem Lehrer bei:"Wir lernen schon jetzt das Arbeitsleben kennen und damit auch unterschiedliche Herangehensweisen verschiedener Uhrmacher – das ist ein großer Vorteil." Auch sie konnte dieses Jahr einen Ausbildungsplatz bei einem Fachgeschäft für Uhren und Schmuck ergattern.

70er und 80er Jahre: Uhrmacherhandwerk in der Krise

Als Michael Eberlein Anfang der 90er Jahre selbst seine Ausbildung zum Uhrmacher begann, war die Suche noch einfach. Denn wo Deutschland 1978 noch 269 auszubildende Uhrmacher im ersten Lehrjahr zählte, war die Zahl zu seiner Zeit bereits auf etwa 100 gesunken, wo sie sich seitdem allerdings stabil hält. Bei etwa gleich vielen Auszubildenden wie heute gab es zu dieser Zeit allerdings noch 16 Uhrmacherwerkstätten, heute gibt es in der Stadt drei. "Die Uhrmacher haben ihren Beruf damals selbst mit totgeredet. Mir wurde damals gesagt: Lern das nicht, der Beruf stirbt aus! Das stimmte nicht," erzählt Michael Eberlein. Tatsächlich führte die Quarzuhr die deutsche Uhrmacherindustrie in den 70er und 80er Jahren in eine Krise, der viele Betriebe zum Opfer fielen. Doch Mitte der 90er erlebte die mechanische Uhr eine Renaissance. Michael Eberlein frohlockt:"Die Menschen lernten hochwertige Uhren wieder zu schätzen und waren dann auch wieder bereit, einen Uhrmacher anständig dafür zu bezahlen. Dieser Trend hält bis heute an und wird es weiterhin tun." Die Uhr als Statussymbol macht den Uhrmacher wieder gefragt – das sieht man auf einen Blick, wenn man über eine kleine Treppe vom Werkstattbereich hinunter in den Klassenraum steigt. An den Theorie-Tagen berechnen die Auszubildenden hier Räderwerke, lernen Zeichnungen richtig zu lesen und behandeln die Geschichte der Zeitmessgeräte. Und wo die Regale auf der einen Seite mit unterschiedlichsten alten Standuhren geschmückt sind, zieren auf der anderen Seite etliche Stellenanzeigen die Wand."Der Beruf des Uhrmachers wird nie aussterben," ist sich Michael Eberlein sicher.

In mancherlei Hinsicht habe sich das Berufsbild verändert, manches ändert sich jedoch nie, glaubt der gebürtige Würzburger. "Viele Arbeiten haben die Uhrmacher vor 100 Jahren schon genauso gemacht und werden sie auch in 100 Jahren noch so machen." Neben der Zunahme an serieller Herstellung muss anders als früher aber die elektronische Komponente bei Wartung und Reparatur mit abgedeckt werden. Für das eigene Handgelenk kommt allerdings nur eins in Frage: "Uhrmacher tragen nur mechanische Uhren," sagt Michelle und streicht sich lachend eine rote Haarsträhne aus dem Gesicht. Fasziniert schwärmt sie: "Die Zahnräder, die Unruh, der Herzschlag einer mechanischen Uhr– da steckt so viel Leben drin!" Kira hat ihre mechanische Uhr vor dem Unterricht sorgfältig abgelegt. Ihre Betriebsstelle hat sie ihr zu Beginn der Ausbildung ausgehändigt. Wenn sie ihre Ausbildung beendet hat, muss sie die Uhr wieder abgeben – es ist der Dienstwagen der Uhrmacher.

Eventuell wird sie die Uhr aber noch länger tragen: Ihre Ausbildungsstätte würde sie übernehmen und nach Wunsch auch zum Meister ausbilden. Alle zwei Jahre bietet Michael Eberlein den dazugehörigen Meisterkurs an der Würzburger Uhrmacherschule an – der Kurs ist immer voll. Mit Abschaffung der Meisterpflicht ist die Nachfrage zwar auch in der Uhrmacherei zurückgegangen, im Vergleich zu anderen Handwerksberufen lassen sich aber verhältnismäßig viele Uhrmacher zum Meister ausbilden. Für Michael Eberlein ist besonders ein Grund ausschlaggebend :"Wenn der Kunde mit der Uhr von der Oma ins Geschäft kommt, will er sich sicher sein, dass er die Uhr danach auch wohlbehalten wiederbekommt. Ein Meistertitel sorgt dabei für Vertrauenszuschuss."

Vertrauen hat auch Kira in die Expertise ihres Fachlehrers, den sie ihre Anfertigung überprüfen lässt. Diesmal ist er es, der das Plättchen samt Winkel gegen das helle Licht hält, während Kira gespannt daneben wartet. Einmal das Auge zukneifen, dann kommt die Rückmeldung:"In der Mitte sitzt es satt auf, aber hier und hier fällt noch etwas Licht durch. Es ist nur ein Hauch." Kira nimmt Feedback und Messingplättchen entgegen, spannt die Platte wieder fest im Schraubstock ein und nimmt die Feile zur Hand. Kira hat Zeit. Für Uhrmacher rennt die Zeit nicht, ist die Zeit nicht abgelaufen, sondern tickt beständig und verlässlich immer weiter.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Kooperationspartner waren die Handwerkskammer für Unterfranken und die Deutsche Handwerks Zeitung.

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