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Ausbildung Wie Betriebe Lehrlinge bekommen

Um Auszubildende müssen sich Firmen bemühen wie um einen guten Auftrag. Doch Einsatz wird belohnt: 2014 wurden schon mehr Azubi-Verträge unterschrieben als noch vor einem Jahr.

Verstärkung aus Portugal
Verstärkung aus Portugal: Frauke Stobinski in ihrem Dentallabor Artis’Dent. -

Nicht überall läuft es mit den Lehrstellen so rund wie bei Zimmerermeister Gerd Renz im schwäbischen Reutlingen-Pfullingen. "Normalerweise bilde ich immer einen Lehrling pro Jahr aus", erzählt der 47 Jahre alte Obermeister aus dem Schwäbischen. Dieses Jahr werden aber sogar zwei bei ihm anfangen. "Die waren beide so gut, da konnte ich mich nicht entscheiden", sagt Renz. Probleme mit der Lehrlingssuche hatte er in den vergangenen Jahren keine.

Wer bei Renz anfangen will, muss zuerst ein Praktikum machen. "Die Schüler müssen sich wirklich für den Beruf interessieren und ins Team passen", betont er. Aber auch Renz geht in Vorleistung. Er kooperiert mit Schulen und präsentiert den Familienbetrieb bei der jährlichen Gewerbeschau. "Ich sage meinen Kollegen immer: Um Lehrlinge muss man sich bemühen wie um einen guten Auftrag", fügt er hinzu.

Insgesamt sind im Bezirk der Handwerkskammer Reutlingen bis Ende April 650 Lehrverträge unterzeichnet worden. Im Vorjahr waren es zum gleichen Zeitpunkt 618 von insgesamt etwas mehr als 2.000 Verträgen. "Der Zeitpunkt rückt immer mehr nach vorne", sagt Karl-Heinz Goller, Abteilungsleiter Ausbildung der Handwerkskammer. Dabei zeige sich, dass es Betriebe aus der Fahrzeugtechnik oder der Holz-, Elektro- und Metallbranche leichter hätten als Betriebe aus dem Lebensmittelhandwerk oder dem Bau- und Ausbaugewerbe.

Betriebe bemühen sich frühzeitig um Nachwuchs

Bundesweit sieht es ähnlich aus. In den ersten vier Monaten 2014 wurden bereits 31.989 neu abgeschlossene Ausbildungsverträge den Handwerkskammern gemeldet – ein Plus von 4,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Im Westen stieg die Zahl um 4,3 Prozent, im Osten Deutschlands um 9,0 Prozent. "Die Betriebe haben verstanden, dass sie bei sinkenden Schulabgänger- und Bewerberzahlen mit anderen Wirtschaftsbereichen im Wettbewerb um Auszubildende liegen. Sie bemühen sich frühzeitig um geeigneten ­Nachwuchs", kommentiert Holger Schwann­ecke, Generalsekretär des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, die Zahlen.

Schon zum Jahreswechsel hatten die Lehrstellenbörsen der Kammern 14.000 Ausbildungsplätze angeboten. Aktuell seien es rund 30.000 und zehn Prozent mehr als zum gleichen Zeitpunkt vor einem Jahr.

Auch im Kammerbezirk Kassel versuchen immer mehr Betriebe, ihre Lehrstellen rechtzeitig zu besetzen. "Wir haben zwischen 600 und 700 unterzeichnete Verträge", berichtet die Leiterin der Berufsbildung der Handwerkskammer, Cornelia Mündel-Wirz. Dies sei etwas mehr als im Vorjahr. Sie kennt aber auch kleinere Betriebe, in denen noch viele Lehrstellen unbesetzt sind.

"Es war noch nichts Passendes dabei“

Eine davon ist von Malermeister Peter Schöneweiß in Kassel. "Wir haben zwar schon ein paar Bewerbungen bekommen, es war aber immer noch nichts Passendes dabei", sagt er. Als große Hilfe sieht Mündel-Wirz die neue Lehrstellen-App. Sie zeige Jugendlichen offene Lehrstellen in der Umgebung an und werde gern angeklickt. Gerade für kleinere Betriebe, die weniger Zeit und Geld für Personalmarketing haben, ist das interessant.

Wie nervenaufreibend die Einstellung von Lehrlingen sein kann, hat auch Zahntechnikermeisterin Frauke Stobinski aus Halle (Saale) schon erlebt. "Kurzzeitig hatte ich überhaupt keine Lust mehr auszubilden", beschreibt sie die Lage im Herbst 2013, als vier Wochen nach Ausbildungsbeginn von vier Lehrlingen gerade noch einer geblieben war. Zwei wollten doch etwas anders machen, der dritte Lehrling war ständig krank. Die Hoffnung hat sie dennoch nicht aufgegeben. Dieses Jahr setzt sie auf ein internationales Quartett: zwei Deutsche und zwei Portugiesen.

Die Deutschen haben ihren Lehrvertrag schon unterschrieben. Die Portugiesen starten Mitte Mai ein längeres Praktikum. Klappt alles gut, sollen auch sie eine Lehre beginnen.
Das Geld für das staatliche Förderprogramm "MobiPro-EU" haben sie rechtzeitig beantragt. Und damit die Integration gut läuft, will Stobinski auch bei gemeinsamen Aktionen der Azubis – wie Schwimmen oder Eislaufen – nicht knausrig sein.

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