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Psychische Belastungen bei der Arbeit Burnout: Wie Betriebe vorsorgen können

Die Zahl der Krankheitsfälle wegen psychischer Probleme steigt seit Jahren, Betroffene fallen wochenlang aus. Chefs müssen auf diese Entwicklung reagieren - und das geht einfacher, als man gemeinhin denkt.

Felix Schöndorfer zögerte, bevor er seinen Mitarbeitern einen Fragebogen gab: "Ich hab kurz überlegt: Will ich das wirklich alles so genau wissen?“, gibt der Zentralheizungs- und Lüftungsbauer lachend zu.

Zufriedene Mitarbeiter entlasten Chef

Seit fünf Jahren führt der Unternehmer und Diplom-Ingenieur (FH) aus Piding den elterlichen Betrieb nahe der österreichischen Grenze. Bisher hatte er fünf Mitarbeiter. Anfang des Jahres hat er nun einen zweiten, seinen Ausbildungsbetrieb, übernommen; weitere sechs Mitarbeiter an einem anderen Standort.

Schöndorfers Belastung ist hoch, ihm ist klar: Nur, wenn die Mitarbeiter zufrieden und loyal sind, kann er als Chef irgendwann wieder durchatmen. Deshalb nahm er an dem dreiteiligen Workshop "Gesundheit messen und beurteilen im Kleinbetrieb“ in der Handwerkskammer für München und Oberbayern teil.

Dort lernte er, wie er per Fragebogen und im persönlichen Mitarbeitergespräch Schwachstellen aufdeckt. Die Ergebnisse erstaunten ihn. "Es gibt nicht ein einzelnes großes Problem, sondern viele Kleinigkeiten, die ich eher als unwichtig betrachtet hätte. Für die Mitarbeiter ist es aber wichtig.“

Psyche und Arbeitsfähigkeit hängen zusammen

Damit entspricht Schöndorfers Erfahrung aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Der Münchner Workshop war eingebettet in ein Forschungsprojekt der Technischen Universität München und der Technischen Hochschule (TH) Deggendorf. Wissenschaftler und Handwerkskammer untersuchten, was in Zeiten immer höherer Belastungen und des Fachkräftemangels zu tun ist, um die Arbeitsfähigkeit zu erhalten.

Aus der Zusammenarbeit mit verschiedenen Betrieben wurde eines klar: "Die psychische Belastung der Handwerker ist hoch. In den von uns untersuchten Betrieben hatten 34 Prozent der Mitarbeiter ein Burnout-Risiko“, warnt Stephan Gronwald, Professor an der TH Deggendorf.

Burnout droht vielen Handwerkern

Viele der Befragten hatten angegeben, dass sie in negativen Gedanken gefangen waren. Über die Hälfte hatte vermehrt Schlafprobleme und fühlte sich dadurch erschöpft.

Körperliche Probleme gab es zwar auch, sie belasteten die Befragten aber weniger als die psychischen.

Diese Ergebnisse passen zu den Erkenntnissen der jüngst veröffentlichten Handlungshilfe "Kein Stress mit dem Stress“ von psyGA, einem Angebot der Initiative Neue Qualität der Arbeit. Katja Keller-Landvogt, Fachberaterin für betriebliches Gesundheitsmanagement der IKK classic, hat federführend an der Broschüre mitgearbeitet. "Seit fünf, sechs Jahren berichten die Männer im Handwerk immer offener über den Druck, den sie empfinden, dass sie abends nicht mehr abschalten können.“

Beschleunigung und Digitalisierung verursachen Stress

Ein Grund dafür könnte die Beschleunigung durch moderne Medien und Digitalisierung sein. Felix Schöndorfer weiß aus seinen Befragungen aber auch, dass viele Belastungen aus dem Privatbereich in die Arbeit ausstrahlen. Hierauf hat der Chef wenig Einfluss. Aber im eigenen Betrieb kann er viel bewirken, schon mit kleinen Veränderungen.

Diese Beobachtung hat auch Oliver Freymark gemacht. Der Schreinermeister übernahm im Jahr 2000 die Schreinerei Übelhack in Freiburg. Gemeinsam mit seiner Frau und drei Mitarbeitern sucht er immer nach Verbesserungsmöglichkeiten, zum Beispiel Morgengymnastik: täglich fünf Minuten lang, seit zehn Jahren. Was als Ausgleich für die körperlich fordernde Arbeit begann, ist für das Team ein wichtiges Ritual geworden: "Da sind wir alle beieinander, ich kann schon mal die Grundstimmung schnuppern, danach sprechen wir ab, was ansteht“, zählt Freymark Vorteile auf.

Bessere Organisation, bessere Kommunikation

Überhaupt haben Freymark und seine Mitarbeiter an ihrer Art, miteinander umzugehen, gearbeitet. Großen Effekt hatten auch organisatorische Maßnahmen: Die Mitarbeiter stresste es, wenn Material oder Werkzeuge fehlten. Also haben sie ein System entwickelt, mit dem sie das Material immer im Blick haben und rechtzeitig nachbestellen. Für die Baustelle gibt es sogar einen Notfallkoffer, in dem das Team die Teile zusammengestellt hat, die immer wieder bei Einsätzen fehlten.

Hinter dem Begriff "psychische Belastungen“ stecken also konkrete Punkte aus dem betrieblichen Alltag. Viele davon, so Felix Schöndorfers Erfahrung, lassen sich ganz leicht ändern. Die Zeit, die er in das Projekt steckt, hält er für sinnvoll investiert: "Es ist schwierig, gute Leute zu bekommen. Also muss ich dafür sorgen, dass es ihnen gut geht. Ich mache das zum Wohle meiner Firma.“

Arbeitsfähigkeit und Psyche

Die Zahl der Krankheitsfälle wegen psychischer Probleme steigt seit Jahren. Wer erkrankt ist, bleibt im Schnitt 32 Tage lang der Arbeit fern, mehr als doppelt so lange wie beim Durchschnitt aller anderen Krankheiten (Zahlen der IKK classic).

Seit Ende 2013 fordert der Gesetzgeber von Arbeitgebern nicht nur eine allgemeine Gefährdungsbeurteilung, es müssen ausdrücklich auch die psychischen Komponenten berücksichtigt werden. In der Realität erfüllt nur ein Bruchteil der Handwerksbetriebe diese Anforderung, auch weil sie nicht wissen, wie sie vorgehen sollen.

Hilfe beim Erstellen der Gefährdungsbeurteilung erhalten Unternehmer von Berufsgenossenschaften und Krankenversicherungen, in bestimmten Fällen auch von der Rentenversicherung.

Das Pilotprojekt der Handwerkskammer München, eine Gesundheitsberatung in die Betriebsberatung aufzunehmen, könnte auf andere Handwerkskammern ausgeweitet werden. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales prüft derzeit die Förderfähigkeit.

Die Handlungshilfe "Kein Stress mit dem Stress“ gibt es hier. Allgemeine Tipps zur Gefährdungsbeurteilung stehen hier. Einen Selbstcheck zur psychischen Gesundheit gibt es hier.

Sonderfall: Chef mit Burnout

Nicht nur angstellte Menschen erleiden einen Burnout. Zwar gilt es als typisch für ein Burnout-Syndrom, dass Betroffene unter einem Gefühl der Wirkungslosigkeit leiden. Doch dieses Gefühl entsteht nicht nur, wenn jemand geringe Entscheidungsbefugnisse hat. Selbstständige dürfen und müssen zwar ständig Entscheidungen treffen. Dennoch sind sie nicht frei. Gerade Kleinunternehmer fühlen sich oft von den äußeren Gegebenheiten getrieben. Gehen sie dabei regelmäßig über ihre Grenzen, ist die Gefahr auszubrennen hoch.

Wie Chefs dieses Problem an sich selbst erkennen und gegensteuern können, haben die Autoren Thorsten Thews und Axel Berger in ihrem Erlebnisbericht "Die brennenden Hamster. Burnout-Prävention für Unternehmer/innen" in saloppem Ton und gleichzeitig fundiert beschrieben. Mehr Infos hier.

Wer bereits massive psychische Probleme hat, braucht sofort Hilfe. In der Regel dauert es aber 15 Monate, bis ein Betroffener einen Therapieplatz beim Psychologen bekommt. Um Menschen sofort zu helfen, haben die Berliner Psychologinnen Katrin Bermbach und Nora Blum das Portal selfapy gegründet. Hier können Menschen mit Depressionen, Angststörungen und Burnout online und sofort an Selbsthilfekursen teilnehmen, die durch wöchentliche Gespräche mit Psychologen begleitet werden. Die Kurse sind kostenpflichtig, werden aber von den meisten Krankenkassen zu 80 bis 100 Prozent erstattet.

Diese Seite wurde am 27. Februar 2017 aktualisiert.

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