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Wer schön sein will, muss kleiden Einblicke in das Leben einer Maßschneiderin

Kunst und Handwerk verbinden und mit maßgeschneiderter Kleidung neue Trends setzen: das ist Nicole Brandlers Berufung mit Leidenschaft. Ein Studium wäre der Schneidermeisterin zu theoretisch gewesen, die Industrie konnte sie nicht lange reizen. Seit nunmehr 25 Jahren produziert sie in ihrem eigenen Trend-Atelier nachhaltige wie individuelle Kleidungsstücke.

Es ist ein klarer, frostiger Wintermorgen auf dem Weg nach Hammelburg. Einige wenige Sonnenstrahlen durchkreuzen den mit grauen Wolken bedeckten Himmel. Es ist nicht viel los auf den Straßen der 11.000-Einwohner-Stadt in Unterfranken, dessen Bild durch die Weinberge und vielen Grünflächen geprägt ist. Kurz vor dem Einbiegen in die Hofeinfahrt erkennt man bereits das Schild mit der Aufschrift: Trendatelier Brandler. Wenige Schritte vor den Eingangstreppen ertönt lautes Bellen. Als Nicole Brandler mit ihrem roten Kurzhaarschnitt und hellroter Brille freundlich lächelnd die Tür öffnet, stürmt ein etwa hüfthoher schwarzhaariger Hovawart an ihr vorbei.

"Wir wissen, wo unsere Baumwolle herkommt"

Im Innern ihres Ateliers fallen zuerst die bis zur Decke reichenden Spiegelschränke in den Blick, die mit den unterschiedlichsten Stoffen befüllt sind. "Unsere Lieferanten sitzen in England und Italien. In Belgien werden schöne Tuchstoffe hergestellt, Wollstoffe kann man noch gut in Deutschland beziehen. Wir versuchen möglichst nicht aus Fernost einzukaufen", so Brandler. Das Thema Nachhaltigkeit steht für die Schneidermeisterin an oberster Stelle: "Die Ware, die wir verarbeiten, ist von besserer Qualität und hält länger. Wir wissen, wo unsere Baumwolle herkommt", lässt sie wissen.

Die Mitte des Ateliers ziert ein etwa zwei Mal ein Meter großer maßgefertigter Tisch, durch dessen Glasoberfläche man auf viele kleine, mit Knöpfen und weiteren Kleinteilen befüllte Holzkästchen blicken kann. Auf der Arbeitsplatte kann man bereits den Entwurf einer Weste erkennen, die Brandler für ihr Patenkind nähen will. Dafür sucht sie zunächst den passenden Stoff aus, ein Schurwollstoff im Karomuster. Dieses wird anhand des zuvor erstellten Schnittmusters zugeschnitten und mit dem Hochdruckbügeleisen fixiert. Anschließend werden die Stoffstreifen für die Paspeltaschen festgesteckt: Dafür fixiert Brandler sie zunächst mit Nadeln an den Eckpunkten, um sie dann in Millimeterarbeit symmetrisch aufzunähen. Als nächstes schneidet sie den Stoff mit einer kleinen Stoffschere in der Mitte auf und zu den Ecken ein, bevor das Futter durchgeschoben und die Naht glattbügelt werden kann. Als letztes werden die Ecken genäht, die sich beim Einschnitt gebildet haben.

Vielseitigkeit macht den Reiz

In der Regel werden die Teile im Atelier einmal von den Kunden anprobiert, um die Passform zu optimieren und gegebenenfalls Wünsche zu berücksichtigen, bevor sie handwerklich fertiggestellt, das heißt ordentlich genäht und gebügelt werden können. Man müsse die Zeit und Wege berücksichtigen, die die Kunden teilweise aus Coburg, Nürnberg oder Frankfurt auf sich nehmen. Da momentan nur noch eine Gesellin und eine Praktikantin im Atelier arbeiten, übernimmt Brandler alle Schritte vom Kundengespräch über den Zuschnitt bis zur Fertigstellung selbst. Gerade die Vielseitigkeit sei jedoch das Spannende an dem Beruf: "Es gibt nichts, das ich nicht gerne mache. Man muss sich jedes Mal in ein Teil neu reindenken, denn niemand ist komplett symmetrisch", so Brandler.

Bewusste Entscheidung gegen das Designstudium

Für die gebürtige Unterfränkin war Mode schon immer Leidenschaft. Schon als Kind brachte ihre Großmutter ihr bei, Puppenkleider zu nähen. Als sie mit zwölf Jahren dann anfing richtig zu nähen, stand für sie fest: sie möchte später auf jeden Fall etwas mit Mode machen. Nach dem Abitur entschied sie sich jedoch bewusst gegen ein Designstudium: "Ich habe gemerkt, dass ich praktisch veranlagt bin und den Stoff in den Fingern brauche. Ich muss das fertige Teil sehen und nicht nur eine Entwurfszeichnung", folgert sie. Nicht zuletzt deshalb entschied sie sich für eine Lehre in München und bildete sich nach und nach weiter, zunächst zur Schnittdirektrice und - nach einem Zwischenstopp in der Industrie - zur Schneidermeisterin, bis sie sich 1994 letztlich selbstständig machte.

Das Handwerk weitergeben, bevor es verloren geht

Neben ihrer Tätigkeit im Atelier engagiert sich Brandler in vielen Ehrenämtern. Seit mindestens zehn Jahren ist sie beispielsweise im Vorstand des Bundesverbandes der Maßschneider und somit auf vielen Fachtagungen, Messen und Kongressen unterwegs: "Mir war immer wichtig, die Jugendarbeit, unsere Schneidertätigkeit, Techniken, generell das Handwerk weiterzugeben, bevor es verloren geht", stellt sie fest. Auch deshalb bietet sie unter anderem von der Innung aus jährlich Fachseminare zu Techniken wie Perlensticken, Dressieren, Filzen, Korsett-Schneidern oder Modezeichnen. Doch ihre größte Leidenschaft liegt in der Erarbeitung von eigenen Kollektionen und Modenschauen, weil man da freie Hand und die Möglichkeit habe, sich selbst zu verwirklichen: "Wenn man für den Kunden arbeitet, muss man natürlich immer schauen, dass man den Geschmack trifft und die Figur berücksichtigt und so weiter. Obwohl natürlich trotzdem in jedes Teil die eigene Handschrift mit einfließt", erklärt die Obermeisterin.

Mit vollbepacktem VW-Bus nach Paris

Inspirationen holt sich Brandler zum Beispiel von den Haute Couture Schauen in Paris, Mailand oder New York. Insbesondere Karl Lagerfeld, aber auch Galliano, Dior, oder Elie Saab sind dabei namhafte Vorbilder. "Ich suche mir dann Details raus, z.B. Kragenlösungen, Ärmeleinsätze oder Schmucktechniken und setze das Ganze dann in meinen Entwürfen um. Weil es geht ja hier keiner so wie die Models über den Laufsteg", sagt sie und lacht. Vor einiger Zeit ging es etwa mit vollbepacktem VW-Bus zu einer Dior Ausstellung in Paris - heutzutage sei es über das Internet jedoch einfacher geworden, sich Anregungen zu holen und die neuesten Trends zu beobachten.

Ihren eigenen Stil beschreibt Brandler als modisch-elegant. Im Atelier eher sportlich-leger gekleidet, darf es beim Ausgehen auch mal ausgefallener sein: "Bei mir ist eigentlich immer ein Hingucker mit dabei - weil es mir gefällt und mich nicht stört, wenn ich mal auffalle. Ich hoffe positiv", erklärt sie lächelnd. Wenn man sich kleide wie alle anderen, zeige man nämlich nicht, dass maßgeschneiderte Kleidung etwas Besonderes sei. Deshalb sei es bei ihr immer ein bisschen flippig, außergewöhnlich, auch gern mal asymmetrisch. Nicht zuletzt deshalb designt und fertigt die Maßschneiderin bis auf einige wenige Sachen ihre Kleidung selbst. Schon während der Lehre habe sie sich jedes Wochenende ein neues Kleidungsstück genäht und deshalb anerkennendes Lob von anderen Schneiderinnen abbekommen: "Also es ist wirklich Leidenschaft", und die ist geblieben bis heute.

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Kooperationspartner waren die Handwerkskammer für Unterfranken und die Deutsche Handwerks Zeitung.

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