Panorama -

Biografie des Paralympics-Stars Porträt: Das schnelle Leben des Oscar Pistorius

Der behinderte Spitzensportler Oscar Pistorius war Vorbild für Millionen Menschen. Bis er im Februar 2013 seine Freundin Reeva Steenkamp erschoss. Nun wurde er in zweiter Instanz wegen Mordes zu sechs Jahren Haft verurteilt. Sein Aufstieg und Fall im Porträt.

Der Fall Pistorius

Oscar Pistorius hat mit seinen mittlerweile 29 Jahren alles erlebt. Der beinamputierte Spitzensportler hat in Riesenschritten den Aufstieg zum Superstar geschafft, eine beispiellose Karriere mit Medaillen und Weltrekorden hingelegt. Seine Auftritte bei den Paralympics und den Olympischen Spielen in London sind weltweit beachtet worden. Pistorius hat die Rolle als Held übernommen und Millionen Behinderten in aller Welt Mut gemacht hat.

Doch dann kam der tiefe Absturz, der Skandal, die Schüsse. Seit dem 14. Februar 2013 ist es nur noch der "Fall Pistorius".

Pistorius Steenkamp
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In der Nacht zum 14. Februar 2013 erschoss Oscar Pistorius seine Freundin Reeva Steenkamp in seinem Haus durch die geschlossene Badezimmertür. Pistorius sagt, es sei aus Versehen passiert, weil er Einbrecher im Haus vermutete. Der Verdacht der Staatsanwaltschaft dagegen lautete von Anfang an: Es war vorsätzlicher Mord.

Vordergründig der charmante Sportstar, in Wirklichkeit ein krankhaft eifersüchtiger Waffennarr? Nur Oscar Pistorius selbst weiß sicher, was in der Nacht passiert ist.

Nach 44 Prozesstagen hatte die Richterin das Urteil gesprochen. Kein Mord. Aber fahrlässige Tötung. Fünf Jahre Gefängnis. Im Oktober vergangenen Jahres wurde er wegen guter Führung in den Hausarrest entlassen.

Doch es kam zu einer Wende im Fall: Ein Berufungsgericht wertete den Fall Ende 2015 als Mord, da er mit "krimineller Absicht" gehandelt habe. Jetzt wurde Pistorius in zweiter Instanz doch noch wegen Mordes zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

Aber eine Frage bleibt: W er ist Oscar Pistorius wirklich?

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Kindheit und Jugend von Oscar Pistorius

Oscar Carl Lennard Pistorius wird am 22. November 1986 in der Sandton Clinic in Johannesburg geboren. Es heißt, Oscar sei ein bildhübsches Baby gewesen. Doch Oscar kommt ohne Wadenbeine auf die Welt. Die Knochen zwischen Knie und Fußgelenk fehlen ihm, zudem hat die äußere Seite der Füße keine Knochen. Auch sind je drei Zehen nicht vorhanden. Ein Gendefekt.

Entscheidung zur Amputation

Die Eltern Henk und Sheila Pistorius müssen die schwere Entscheidung treffen, was zu tun ist. Es sind viele komplexe Fragen, auf die sie Antworten finden müssen: Sollen die Unterschenkel amputiert werden oder soll man versuchen, so viel wie möglich der Beine zu retten? Soll das Kind ein Leben auf Prothesen bestreiten oder eines im Rollstuhl bevorzugen? Soll dann direkt unter dem Knie amputiert werden oder lieber oberhalb des Knies? Vater Henk macht es sich zu seiner persönlichen Aufgabe, die beste Lösung für seinen Sohn zu finden.

Henk Pistorius liest sich in die Problematik ein, er studiert Fachzeitschriften und telefoniert mit Professoren. Er besucht in den Monaten nach der Geburt elf Chirurgen und Ärzte in Südafrika und im Ausland. Keine Frage, er sucht den Besten. Am Ende jeder Konsultation fragt er den Arzt: „Wenn es Ihr Kind wäre, und angenommen, Sie dürften nicht selbst operieren: Wen würden Sie nehmen?"

Der Vater fällt nach mehr als einem halben Jahr akribischer Recherche die Entscheidung: Die verkrüppelten Unterschenkel sind nicht mehr zu gebrauchen, sie müssen ab. Sheila stimmt zu. Drei Topchirurgen weltweit kommen dafür in Frage. Einer davon, Dr. Gerry Versveld, soll es machen, er ist glücklicherweise Südafrikaner.

Die Unterschenkel-Amputation

Versveld und Pistorius sind sich einig: Nur eine Amputation ebnet die Chance für passende Prothesen im späteren Leben, und nur die frühe Amputation ist die Voraussetzung dafür, dass Oscar sich recht unproblematisch an Prothesen gewöhnen kann. Oscar wird es später bejahen, dass er nie Probleme mit Prothesen hatte, weil er nie etwas anderes kennengelernt hat.

Und so werden dem Kleinkind im Alter von elf Monaten beide Unterschenkel direkt unterhalb des Knies amputiert. Der Arzt Versveld wird der Familie und später auch Oscar Pistorius ein guter Freund. Noch 17 Jahre nach der Operation begleitet Versveld den Sportler Pistorius zu den Paralympics nach Athen.

Die Suche nach den richtigen Prothesen

Henk Pistorius macht sich gleich auf die Suche nach den richtigen Prothesen, mit denen sein Sohn einmal wird laufen und rennen können. Es sind einfache Dinger zu der Zeit, die Orthopädietechnik ist Ende der 80er Jahre nicht das, was sie heute ist. Und sechs Monate nach der Amputation macht Oscar, knapp anderthalb Jahre alt, tatsächlich seine ersten Gehversuche auf den zwei fleischfarbenen Pflöcken.

Oscar liebt die Dinger vom ersten Tag an. Sie machen den kleinen Oscar in den kommenden Jahren zu einem „wild child“. Als Zweijähriger bekommt er bereits etwas bessere Prothesen. An den Prothesen sind Mickymaus-Schuhe drangenäht. Oscar trägt sie jeden Tag. Nur für sonntags ist ein schickeres Extrapaar vorhanden.

Sportlich trotz Prothesen

Der Junge mit den langen blonden Locken fährt früh Rollschuh, Fahrrad, er klettert Bäume und Berge hoch. „Er rannte immerzu, er war wie der Wind“, erinnert sich Tante Binge in der BBC. Oft genug kommt Oscar verletzt nach Hause. Er passt nicht auf, geht immer volles Risiko, er ist zu mutig, er ist: leichtsinnig.

Geschwister

Oscar hat einen Bruder, Carl, er ist 18 Monate älter, und eine jüngere Schwester, Aimée, sie ist drei Jahre jünger als er. Oscar und Carl sind immer zusammen. Sie sind wie "Buzz und Woody in Toy Story", erzählt Oscar Pistorius in seinem Buch „ My Story“.

Oscars glückliche Kindertage

Das Elternhaus ist christlich, europäisch-stämmig geprägt. Zu Hause wird englisch gesprochen, mit der Familie des Vaters aber Afrikaans, das koloniale Niederländisch. Die Vorfahren kommen aus der Schweiz und Italien.

Die Familie ist wohlhabend oder gar reich im Vergleich zum Durchschnittseinkommen der Südafrikaner. Wäre Pistorius vielleicht auf der anderen Seite der Stadt in den Slums von Johannesburg aufgewachsen, in Soweto oder Mdantsane, er hätte nie bessere Prothesen bekommen, er hätte nie richtig Sport machen können, wäre nie bekannt geworden, wäre nie Millionär geworden.

Mutter Sheila ist herzlich, lustig, ein bisschen extrovertiert. Oscar liebt seine Mutter. Sie ist es, die stets selbstgeschriebene Zettelchen in die Butterbrotdose der Schulkinder steckt, eine kleine Liebesbezeugung für die Pause. Sie ist Oscars Inspiration.

Der Vater ist streng, gut zu den Kindern, aber streng. Er will den Leistungswillen der Kinder fördern. Die Kinder verstehen sich untereinander prächtig.

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