Unternehmensführung -

Selbsternannte Ordnungshüter Wenn Petzen am Arbeitsplatz zum Problem wird

Petzen ist verpönt – doch in so ziemlich jedem Betrieb gibt es einen Pedanten, der kleinste Vergehen an den Chef meldet. Mit der Digitalisierung wächst das Problem.

Ohne Helm auf der Baustelle unterwegs gewesen. Die Mittagspause um fünf Minuten überzogen. Früher als erlaubt Feierabend gemacht: Oft reicht schon ein kleiner Regelverstoß – und schon wird der Vorgesetzte informiert. Petzen waren schon in der Schule unbeliebt, aber sie lauern überall – auch und gerade am Arbeitsplatz. Das legt eine Studie kanadischer Wissenschaftler nahe: Demnach haben 58 Prozent der Befragten an ihrem Arbeitsplatz schon mal die unschöne Bekanntschaft mit einem Pedanten gemacht, der es sich als selbst ernannter Ordnungshüter zur Aufgabe gemacht hat, Regelverstöße von Kollegen zu melden mit dem Ziel, diese Person dafür zu bestrafen. Ordnungshüter am Arbeitsplatz seien in praktisch jeder Branche anzutreffen, schreiben die Organisationswissenschaftler Kathy DeCelles von der Uni Toronto und Karl Aquino von der University of British Columbia.

Für das Verpetzen von Kollegen könne es mehrere Gründe oder Motivationen geben, sagt Alexander Wilhelm, Partner bei der Personalberatung InterSearch Executive Consultants: "Manche Mitarbeiter suchen selbst Anerkennung beim Chef und versuchen durch petzen, die eigene Karriere zu beflügeln – was aber dann oft nicht realisiert wird." Auch Neid auf die Kollegen könne eine Rolle spielen. Und mitunter würden die Petzen auch versuchen, die eigenen Schwächen zu überdecken, indem sie andere anschwärzen.

Petzen schadet beiden Parteien

Für die Betroffenen ist das ein echtes Problem. So berichteten manche über steigende Ängste, sinkende Motivation und inneren Rückzug. Aber auch die Petzen müssen mit Vergeltung rechnen: Sie werden beschimpft, verhöhnt oder gleich ganz aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Und auch den erwünschten Effekt, sich beim Chef gut zu stellen, erzielt man mit dem Verrat an den Kollegen in den allermeisten Fällen nicht: "Petzen und andere anschwärzen kommt auch beim Vorgesetzten nicht gut an", sagt die Karriereberaterin Madeleine Leitner aus München. "Das wirkt illoyal." Außerdem ist es Gift für die weitere Zusammenarbeit, wenn Mitarbeiter einen Kollegen hinter seinem Rücken etwa als "faule Socke" schlecht machen, ohne dass dieser sich wehren kann.

Denunzianten hat es zwar immer schon gegeben. Doch in Zeiten der Digitalisierung wächst das Problem. Hauseigene Hinweisgebersysteme, die viele Unternehmen ins Leben gerufen haben, um groben Verstößen schnell nachgehen zu können, machen auch das Verpetzen von Kleinigkeiten einfach. Dabei ist es das eigentliche Ziel solcher digitalen und oft anonymen Hinweisgebersysteme, grobe Missstände oder gar Straftaten aufzudecken. Dieses sogenannte Whistleblowing "behandelt eine ganze andere Ebene und auch Tragweite und lässt sich mit klassischem Petzen somit nicht vergleichen", sagt Personalexperte Wilhelm. Doch der kanadischen Studie zufolge sind Unternehmen mit Beschwerde-Hotlines und formellen Beschwerdeverfahren tatsächlich anfälliger. Auch in Unternehmen mit Ethikrichtlinien sind Petzen überrepräsentiert – denkbar ist, dass die immer strengeren Compliance-Vorgaben der Unternehmen die selbsternannten Aufpasser regelrecht anspornen.

Wenn das Verpetzen von Lappalien um sich greift, sind die Führungskräfte gefordert, aktiv einzugreifen: "Ein positives Betriebsklima ist definitiv eine Führungsaufgabe", betont Wilhelm. "Vorgesetzte sollten daher versuchen zu analysieren, ob es an der Dynamik der Gruppe oder wirklich der Person hängt und das offene Gespräch suchen." Schulungen oder auch neutrale Streitschlichter könnten mitunter hilfreich sein.

Direkt anprechen, statt petzen

Statt Kollegen beim Chef zu denunzieren, sollte man versuchen, die Angelegenheit selbst zu klären und zunächst das Gespräch mit ihnen suchen, um sie auf ein mögliches Fehlverhalten aufmerksam zu machen. "Man sollte dem Kollegen die Gelegenheit geben, die Auswirkungen seines Verhaltens zu erkennen und etwas zu ändern", sagt Karriereberaterin Leitner. Das Thema anzusprechen, kann mitunter eine heikle Sache sein – schließlich kann eine derartige Aussprache auch zu einem persönlichen Streit ausarten, womit niemandem geholfen wäre. Mitarbeiter müssten ihre Kritik daher so formulieren, dass ihr Gegenüber sie akzeptieren kann, erklärt Leitner.

Hüten sollte man sich vor allzu pauschalen Vorwürfen. Besser sei es, ganz konkret und sachlich zu sagen, was einen stört, rät Leitner und nennt ein Beispiel: "Ich sehe, dass Du ständig zu spät kommst." Dann sollten Mitarbeiter beschreiben, was das in ihnen auslöst. Durch diesen Ich-Bezug klinge die Kritik weniger aggressiv und entfache nicht gleich einen Streit. Als nächstes sollten Arbeitnehmer genau sagen, was sie vom anderen verlangen, so die Karriereberaterin.

Die Toleranzgrenze sei aber überschritten, "wenn man deutlich 'Aua' gesagt hat und merkt, dass es keine Veränderung gibt", so Leitner. In einem solchen Fall müsse dann zur Not auch der Chef eingeschaltet werden. Damit dieser die Kritik nicht als bloßes Gejammer abtut, sollte das Problem auch in dem Gespräch mit dem Vorgesetzten möglichst konkret beschrieben und wenn möglich auch belegt werden. Denn dass man etwa wegen eines faulen Kollegen Mehrarbeit hatte, lässt sich zum Beispiel anhand von Überstunden belegen.

Eigenverantwortung begünstigt Denunziantentum

Die wachsende Selbstverantwortung der Mitarbeiter begünstigt das Denunziantentum: Bereits 1993 fanden kanadische Wissenschaftler heraus, dass Mitarbeiter in eigenverantwortlichen Teams dazu neigen, ihre Kollegen zu verpfeifen. Das geht so weit, dass sich Mitarbeiter, die in Teams organisiert sind, von ihren Kollegen regelrecht überwacht fühlen. War der Chef früher noch tolerant, wenn man sich morgens ein paar Minuten verspätete, ist es das Team oftmals nicht mehr – es verfolgt eine Null-Toleranz-Politik und duldet selbst kleinste Verstöße nicht. Die Ordnungshüter sitzen also nicht zwangsläufig in der Chefetage – sie sind mitten unter uns.

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