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Umgangsformen in Handwerksbetrieben Wenn Duzen die Betriebskultur beeinflusst

In vielen Unternehmen duzen sich Mitarbeiter und Vorgesetzte. Hierdurch beschleunigt sich die Kommunikation im Arbeitsalltag. Doch die vertrauliche Anrede kann auch zum Problem werden.

Auf den Fluren der Handels- und Dienstleistungsgruppe Otto könnte es mittlerweile folgendermaßen zugehen: "Guten Morgen Hans-Otto. Wie geht es dir und wie war dein Wochenende?" Denn Hans-Otto Schrader, Vorstandsvorsitzender der Otto Group, hat den 54.000 Mitarbeitern im Frühjahr das "Du" angeboten. Das Echo ist seinen Angaben nach "überwältigend positiv".

Auch andere Unternehmen verfolgen diese Philosophie wie zum Beispiel der Hersteller für Berufsbekleidung Engelbert Strauss. Durch das Duzen sollen sich die Mitarbeiter untereinander und mit dem Unternehmen an sich verbunden fühlen.

In Handwerksbetrieben wird geduzt

Seit 15 Jahren hält das Du in deutschen Betrieben und Unternehmen Einzug. Das liegt an der Globalisierung – zudem pflegen Firmen häufiger Beziehungen ins Ausland als früher. Hierbei ist die Geschäftssprache Englisch, die ohne die Sie-Form auskommt. Zudem wird innerhalb von Unternehmen mittlerweile Englisch gesprochen, da die Belegschaft internationaler wird. Das Sie hingegen verschwindet langsam als Anredeform. Das Du hat seine Vorteile, kann jedoch auch zu Problemen führen.

Ob in deutschen Betrieben geduzt oder gesiezt wird, ist branchenabhängig, betont Kai Oppel. "Besonders häufig wird in Kommunikations- und Medienberufen geduzt, wie auch in Textilunternehmen im Verkauf. In Werkstätten und dort wo es handwerklich zugeht, ist das Du deutlich verbreiteter als das Sie", betont er. Doch auch die Betriebsgröße spielt eine Rolle. In kleinen Betrieben, vor allem im Handwerk, ist das Du die Regel. Auch in jüngeren Unternehmen und Start-ups wird weniger gesiezt. "Dennoch sollten Mitarbeiter nicht automatisch davon ausgehen, dass sich dort alle direkt und automatisch duzen", rät der Autor von Sachbüchern zum Thema Business-Knigge.

Wer das Du anbieten darf, folgt in Firmen Regeln. Ein Mitarbeiter könnte sich eventuell denken, ich bin älter als der Chef, deshalb darf ich das Du anbieten. "Falsch", meint Oppel, "das Du bietet stets der Ranghöhere an." Es gilt die Regel: Rang vor Alter. Unter gleichrangigen Kollegen ist es aber üblich, dass der Ältere dem Jüngeren das Du anbietet. Zudem gilt, wenn bei einer Betriebsfeier die Stimmung aufgelockert ist und der Chef den Mitarbeiter duzt, sollte dieser bei der nächsten Begegnung in der Firma zunächst noch beim "Sie" bleiben. Erklärt der Vorgesetzte dann, dass beide gerne beim "Du" bleiben können, ist das für den Angestellten geklärt.

Kniggeexperte Kai Oppel

Verbesserte Fehlerkultur und beschleunigtes Tempo

Sich im Unternehmen zu duzen, bringt Vorteile. "Im Handwerksbetrieb ist es einfach pragmatisch und macht das Arbeiten für den Angestellten angenehmer und einfacher", meint Oppel. Menschen kommunizieren dadurch schneller. Das beschleunigt generell das Tempo, vor allem wenn man im Team arbeitet. Duzen wirkt sich zudem positiv auf die Fehlerkultur aus. Es fällt leichter, Fehler zuzugeben und Schwächen zu kommunizieren. In einer Siezkultur gibt es Berührungsängste.

"Der Chef sollte seinen Mitarbeitern unbedingt verdeutlichen, dass das Duzen zwar der Firmenkultur entspricht, der Vorgesetzte dem Mitarbeiter gegenüber trotzdem weisungsberechtigt bleibt", rät Oppel.

Ein Plädoyer für das "Sie" im Betrieb

Ob und wem der Chef das Du anbietet, sollte gut überlegt sein. "Denn einmal angeboten, kann es nur schwer zurückgenommen werden", gibt Oppel zu bedenken. Bei Auszubildenden rät Oppel daher eher zum Sie. Dabei kann er aus eigener Erfahrung sprechen. In seiner Agentur haben die Vorgesetzten den Auszubildenden das "Du" angeboten. "Das hat in unserem Fall aber nicht gut funktioniert. Bei einigen Auszubildenden ging der Respekt gegenüber den Vorgesetzten verloren", berichtet Oppel. Gleichzeitig darf aus dieser Erfahrung jedoch nicht pauschalisiert werden. "Bei anderen hat es wieder geklappt." Auch die Distanz zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten geht wohlmöglich verloren, was für den Chef zum Problem werden kann. "Es ist schwieriger, einem Mitarbeiter zu kündigen, mit dem man per Du ist", findet Oppel.

Für ein gutes Betriebsklima müssen die Mitarbeiter und Vorgesetzten sich nicht unbedingt duzen. "Ich möchte das Sie gar nicht verteufeln. Man kann auch respektvoll und gut im Team per Sie zusammenarbeiten", betont der Kniggeexperte. Die Mischform aus Vorname und dem Sie ist laut Oppel nicht mehr zeitgemäß. "Sie wirkt wie aus der Zeit gefallen. Gefühlt wird diese Form eher selten benutzt. Es muss schon sehr zu dem Betrieb oder dem Unternehmen passen", findet er.

Doch das "Du" ist unaufhaltsam auf dem Vormarsch. "Das finde ich weder positiv noch negativ, es ist eben einfach die aktuelle Entwicklung", sagt Oppel. Mit der Internationalisierung von Firmen und der Globalisierung wird sich dieser Trend fortsetzen. Zumindest wenn die Kommunikation dadurch vermehrt auf Englisch stattfindet und nicht etwa auf Französisch oder Deutsch – Sprachen, in denen gesiezt wird. Mit seiner Entscheidung, sich von der gesamten Belegschaft duzen zu lassen, hat Hans-Otto Schrader jedenfalls eine Diskussion ausgelöst.

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