Mobilität + Transport -

Kfz-Versicherung Telematik: Überwachte Autofahrer

Wie fänden Sie es, wenn Sie beim Autofahren ständig einen unsichtbaren Begleiter hätten? Er kontrolliert Ihr Fahrverhalten und meldet Verstöße an Ihre Kfz-Versicherung, lobt aber auch umsichtiges Verhalten im Straßenverkehr. Was sich wie eine Szene aus einem Überwachungsstaat anhört, ist in den USA schon längst Alltag – und auch in anderen Staaten auf dem Vormarsch.

Hierzulande ist Telematik im Fahrzeug noch weitgehend unbekannt  und wird den Kunden der Autoversicherungen auch noch nicht angeboten. Dabei ist das Thema überwachtes Fahren spannend – und wartet sowohl für die Kfz-Versicherungsgesellschaften als auch für die Versicherten mit Licht- und Schattenseiten auf. Das Vergleichsportal Check24 hat die Vor- und Nachteile des Konzepts ausgewertet, das bald auch in Deutschland angeboten werden könnte.

"Pay as you drive" nennen die US-Amerikaner Telematik-Modelle für Autofahrer treffend. Hierbei wird mit technischer Unterstützung  jede Fahrt mit dem versicherten Fahrzeug aufgezeichnet. Gefahrene Kilometer, Stopps, Uhrzeit, Geschwindigkeit, Brems- und Beschleunigungsmanöver – all das registriert eine kleine Box im Auto und übermittelt die Daten per Funk an einen Mobilfunkprovider.

Ein weiterer Dienstleister wertet die Datenflut nach festgelegten Kriterien aus. Daraus ergeben sich für den Versicherten sogenannte Scores. Die Punkte klassifizieren, wie gut oder schlecht der Kunde Auto fährt und wie hoch oder niedrig  das Schadensrisiko der Kfz-Versicherung dementsprechend ist.

Versicherer profitieren vom "Pay as you drive"-Modell

Mit diesem personalisierten Profil kann die Versicherung die Prämie genauer festsetzen, als dies bisher möglich ist. Studien aus den USA und dem Vereinigten Königreich haben ergeben, dass überwachte Autofahrer bis zu 30 Prozent Prämie im Jahr sparen können. Für rücksichtslose Gesellen hinterm Steuer rächt sich der Fahrstil dagegen spätestens mit dem nächsten – höheren – Beitragsbescheid.

Auch die Versicherer profitieren vom "Pay as you drive"-Modell. Laut der Unternehmensberatung Tower Watson ist die Schadensquote von Telematik-Fahrern im angelsächsischen Raum um bis zu 40 Prozent zurückgegangen. Außerdem wechseln Telematik-Kunden seltener die Assekuranz. Diese Schlussfolgerung kann aus einer Erhebung des Versicherers Norwich Union gezogen werden. Die im Vereinigten Königreich aktive Gesellschaft teilte mit, ihre Stornoquote habe sich seit Einführung der Telematik-Tarife halbiert.

Laut Umfragen, beispielsweise von Tower Watson sowie der Strategieberatung Simon-Kucher & Partners, sind 62 beziehungsweise 50 Prozent der Versicherungskunden in Deutschland theoretisch dazu bereit, sich beim Fahren über die Schulter schauen zu lassen. In der Kfz-Versicherungsbranche hingegen sind die Entscheider eher verhalten. Sie scheuen die Investitionskosten. Neben der Hardware geht die Auswertung der Daten sowie die Entwicklung geeigneter Kfz-Tarife ins Geld – und würde das "chronisch knappe" Budget der Autoversicherer erst einmal einseitig belasten.

Rund 75 Prozent der Gesellschaften arbeitet defizitär, schätzt laut dem Manager Magazin der Versicherungsexperte Manfred Poweleit. Die roten Zahlen resultieren aus dem ruinösen Wettbewerb vergangener Tage. Trotz Preisanpassungen in den letzten drei Jahren lag das Beitragsniveau sowohl in der Kfz-Haftpflicht als auch in der Teil- und Vollkasko laut Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) 2012 im Schnitt noch unter der Prämie von 2002. Auf dem umkämpften und gesättigten deutschen Kfz-Versicherungsmarkt ist die Luft für Preisnachlässe umsichtiger Telematik-Kunden entsprechend dünn.

Datenschützer sind kritisch

Ein gewichtiger Aspekt ist zudem die Datensicherheit. Was passiert mit den Daten, wer hat Zugang zu diesen, ist die Übertragung und Speicherung sicher? Datenschützer haben bereits Bedenken geäußert.

Ganz verschließen werden sich die deutschen Versicherer dem Trend aber nicht. Die Weichen hin zum vernetzten Auto sind gestellt. So müssen beispielsweise ab 2015 alle Neuwagen mit dem Notrufsystem eCall ausgestattet werden. Von da aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu "Pay as you drive"-Modellen. Zudem verwenden in Deutschland aktive Versicherungsunternehmen wie AIG oder Allianz die auf Telematik basierenden Kfz-Tariflösungen bereits in anderen Ländern.

Autofahrer können sich also schon einmal überlegen, ob sie sich künftig in der Hoffnung auf günstige Kfz-Versicherungsbeiträge beim Fahren freiwillig überwachen lassen wollen oder lieber nicht.

Gastbeitrag von Sascha Rhode, Online-Redakteur im Ressort Versicherung, Experte für KFZ-Themen bei Check24.

Mehr zum Thema
© deutsche-handwerks-zeitung.de 2019 - Alle Rechte vorbehalten