Betriebsführung -

Umsorgte Mitarbeiter Wenn die Chefin den Kühlschrank füllt

Die Mitarbeiter der Firma Schönberger Metalltechnik und Stahlbau werden von ihrer Chefin umsorgt. Der Betrieb genießt auch deshalb ein hohes Ansehen in Zeiten des Fachkräftemangels.

Das Motorrad in die Werkstatt fahren, Kühlschränke auffüllen, anschließend den Partyservice beauftragen und Hemden in die Reinigung bringen. Die Kinderbetreuung organisieren, Arzttermine vereinbaren und Friseurtermin absagen. So oder so ähnlich kann schon mal ein Tag von Sabine Schönberger aussehen.

Doch Schönberger organisiert an solchen Tagen nicht etwa ihr Familienleben. Sie ist Geschäftsführerin von Schönberger Metalltechnik- und Stahlbau in Wölsendorf. Gemeinsam mit ihrer Schwester Andrea leitet sie seit fast 20 Jahren den Familienbetrieb. Und das alles macht die Chefin für ihre 25 Mitarbeiter. Ein Butler-Service, wenn man so will.

Arbeiten, wenn andere nicht arbeiten

Angefangen hat alles mit flexiblen Arbeitszeiten. Die gab es schon, als der Vater noch den Betrieb führte. "Nach der Grenzöffnung 1989 kam die Industrie ins naheliegende Wackersdorf", erinnert sich Schönberger. Aus allen Handwerksbereichen zogen die großen Unternehmen daraufhin die Mitarbeiter ab. Auch bei den Schönbergers.

Das stellte den Betrieb vor ein Problem. Man musste sich etwas einfallen lassen. Die Idee, die den großen Erfolg brachte, ist eigentlich ganz einfach: "Wir arbeiten, wenn andere nicht arbeiten", erzählt Schönberger. Abends, genauso wie an Feiertagen. Eine Entscheidung, die den Mitarbeitern viel Flexibilität abverlangt – die sie aber immer noch mittragen. Innerhalb von eineinhalb Stunden sind sie auch heute in der Regel unterwegs, wenn es auf einer Baustelle brennt. Dabei ist es egal, ob sie dafür nur nach München oder bis nach Köln oder sogar Frankreich fahren müssen.

Sabine Schönberger.jpg

Flexibilität der Mitarbeiter wird belohnt

Es war auch die Flexibilität der Mitarbeiter, die im Laufe der Jahre den Butler-Service hervorbrachte. Denn manche Arbeitseinsätze stellten sie privat vor Herausforderungen. Wer wochenlang unterwegs war und sonntags nach Hause kam, hatte nichts im Kühlschrank. Also kümmert sich seither die Chefin persönlich darum.

Wer kurzfristig weg muss, für den sagt Schönberger Termine ab – oder nimmt sie im besten Fall selbst wahr. Hat jemand ein Problem, löst man es gemeinsam, lautet das Credo im Betrieb. "Wir wollen unseren Mitarbeitern möglichst viel abnehmen, damit die Freizeit wirklich Freizeit ist", sagt die Chefin.

Es findet sich immer jemand, der einspringt

Sabine Schönberger merkt gleich, wenn es einem Mitarbeiter nicht gut geht. Erst kürzlich stand ein Angestellter früh morgens ganz aufgelöst vor Schönbergers Türe. Sein Baby sei viel zu früh geboren worden, er könne seine Dienstreise nicht antreten. Zur ohnehin geplanten Elternzeit kommen nun noch ein paar Wochen hinzu, die er mit Überstunden und Minusstunden ausgleichen kann. Was in anderen Betrieben zu Schwierigkeiten führen würde, ist bei Schönbergers kein Problem: Es findet sich immer ein Kollege, der einspringt – schnell und unkompliziert.

Die Geschäftsführerinnen selbst haben in einer Notlage Unterstützung von den Mitarbeitern bekommen. Schönberger machte in Bremen gerade ihren Doktor in BWL, die Schwester wollte nach England, um ein Maschinenbaustipendium anzutreten. Dann wurde der Vater schwer krank. Von einem Tag auf den anderen konnte er nicht mehr arbeiten. Das war 1996.

Es war zu viel

"Wir sind Hals über Kopf eingestiegen", erzählt Schönberger. Gemeinsam mit der Mutter übernahmen sie den Betrieb. Nur: Der Vater hatte kaum etwas aufgeschrieben. Keine Kalkulation, kein Stundenlohn der Mitarbeiter, keine Stundenzahl. Der Vater machte alles nach Gefühl.

Die drei Frauen holten notgedrungen die Mitarbeiter – ausschließlich Männer – ins Boot, um sich einen Überblick über die Abläufe zu verschaffen. Sie schafften Computer an und schrieben vieles nieder. Es war alles ziemlich viel damals. Andrea Schönberger, der die technische Leitung obliegt, erlitt einen Burnout und musste ihre Arbeitszeit reduzieren. Wieder sprang ein Mitarbeiter ein. Er ist heute Assistent der Geschäftsführung.

Mitarbeiter verhalten sich immer loyal

So stressig es auch war, diese turbulente Zeit schweißte alle zusammen.Den Rückhalt, den die Schönbergers damals spürten, geben sie zurück. Neben dem Butler-Service genießen die Angestellten ein hohes Maß an Flexibilität. Arbeitszeitkonten können unbegrenzt ins Minus und ins Plus laufen. Die Angestellten teilen sich meist selbst ein. Ihre Löhne steigen jedes Jahr. Wer sich weiterbildet, für den rentiert sich das auch finanziell.

Die Mitarbeiter zahlen es zurück. Mit viel Loyalität und Flexibilität. Die Fluktuation ist gleich null. Nur selten ist jemand krank. Fällt einer aus, springt ein Kollege ein. Noch nie mussten die Schönbergers einen Liefertermin verschieben.

Um den allseits debattierten Fachkräftemangel machen sich die Geschäftsführerinnen schon lange keine Sorgen mehr. Im Gegenteil: Die Zahl der Initiativbewerbungen hat sich verachtunzwanzigfacht, seit Schönbergers mit ihren außergewöhnlichen Arbeitsbedingungen auch in Stellenanzeigen werben. Brauchen sie einen neuen Mitarbeiter, greifen sie einfach auf ihr Bewerbungsarchiv zurück.

Auch Mutter Schönberger arbeitet noch mit

Wo Personalberater von "Benefits" für die Angestellten sprechen, sagt die Chefin Schönberger: "Das ist doch ganz selbstverständlich." Dennoch ist das Unternehmen ein Beispiel für viele und die Schönbergers haben schon etliche Auszeichnungen erhalten.

Auch Schönbergers Mutter – sie ist heute 74 Jahre alt – arbeitet immer noch im Unternehmen mit. Sie ist die erste, die in der Früh da ist. " Sie ist unverzichtbar, sie kennt alle Kunden", sagt die Tochter. Um halb vier am Nachmittag geht die Mutter nach Hause und pflegt ihren Mann, während Sabine Schönberger vielleicht noch einen Arzttermin für einen Mitarbeiter vereinbart. Die drei Frauen haben ihre Männer fest im Griff.

Mehr zum Thema
© deutsche-handwerks-zeitung.de 2020 - Alle Rechte vorbehalten