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Orgelrestauratoren kämpfen um Weltkulturerbe Wenn der Orgelbauer den Pfarrer missioniert

Wenn Gilbert Paul Scharfe zu einer Orgel gerufen wird, arbeitet er als Orgelbaumeister und Restaurator – und als Vorkämpfer für den Erhalt historischer Instrumente. Denn trotz der Adelung zum immateriellen Weltkulturerbe 2017 haben es die "Königin der Instrumente" und ihre Handwerker nicht leicht.

Es ist eng. Staubig. Dämmerig. Kalt. Gilbert Paul Scharfe kriecht auf allen Vieren in den Bauch einer Dorforgel auf der Schwäbischen Alb. Mit einer Taschenlampe in der Hand untersucht er das Untergehäuse des Instruments. "Im Orgeltagebuch steht, dass ein Ton immer wieder hängenbleibt“, erklärt er, "aber die Ursache ist schwierig zu finden, weil der Fehler nicht immer auftritt.“ Er betastet der Reihe nach einige hölzerne Hebel. "Das könnte es sein, die Abstrakte verhakt sich“, murmelt er und krabbelt wieder heraus, um Leim, ein Stückchen Holz und zwei Zwingen für die Reparatur zu holen.

Orgelrestaurator: Zwischen historischer Substanz und modernen Anforderungen

Während der Leim trocknet, begutachtet er das Obergehäuse, den Teil des Instruments, in dem die Pfeifen in Registern aufgereiht sind. Er weist auf einige Metallpfeifen, an deren oberen Ende jeweils ein silbriger Ring sitzt: "Die Orgel hatte nicht die richtige Tonhöhe. Deswegen haben wir verzinnte Edelstahlringe angebracht. So konnten wir die Tonhöhe korrigieren, ohne das historische Material zu verändern“, erklärt der Restaurator.

Etwa 150 Jahre alt ist das Instrument, das kompakt in die Orgelempore der kleinen, trutzigen Wehrkirche eingefügt ist. Viele Arbeiten an ihr wurden ohne historisches Verständnis ausgeführt: Der brüchig-weiße Lack auf dem hölzernen Teil des Orgelprospekts erinnert eher an Urgroßmutters Küchenvitrine denn an eine Orgel; ein Kabelkanal in Baumarkt-Optik verläuft über die Front.

Kein Verständnis für die historische Orgel

Am meisten stört sich Scharfe aber am modernen Spieltisch: "Das ist, als hätten sie hinten einen Heckflossenmercedes und vorne sitzen sie im Cockpit eines Golfs!“, schimpft der 50-Jährige. Ein Organist könne an solch einem Spieltisch kein Verständnis für das alte Instrument entwickeln. Es brauche Demut bei diesen historischen Werken, Demut des Organisten, "aber auch ich als Orgelbauer muss mich demütig dem fügen, was ich vor mir finde.“

Orgelrestaurator Gilbert Paul Scharfe räumt sein Werkzeug in der Kirche wieder zusammen.

Bis ein Orgelbauer das nötige Wissen und Können erworben hat, um eine alte Orgel so zu restaurieren, dass ihre historische Substanz erhalten bleibt, braucht es viele Jahre. Nur insgesamt 21 Orgelbauer haben wie Scharfe einen eigenen Abschluss zum Fachrestaurator erworben. Denn der Weg dorthin ist lang.

Weg zum Orgelrestaurator lang

Schon die Ausbildung zum Orgelbauer ist anspruchsvoll. In dreieinhalb Jahren lernen die Azubi s Holz, Metall und Kunststoffe zu bearbeiten. Sie üben den Pfeifenbau, behandeln Pneumatik, Mechanik, Elektrik und Elektronik und lernen, die Instrumente zu stimmen und zu intonieren. Dank einer frisch modernisierten Ausbildungsordnung trainieren sie außerdem den Umgang mit CNC-gesteuerten Maschinen, Qualitätssicherung und den Umgang mit Kunden.

Den nächsten Schritt zum Meister haben nur wenige Gesellen getan, seit die Orgelbauer 2004 aus der Meisterpflicht herausgefallen sind. Nur zwischen vier und zehn Meisterschüler pro Jahrgang zählte zuletzt die einzige Meisterschule weltweit, die Oskar-Walcker-Schule in Ludwigsburg.

Noch weniger Orgelbauer interessierten sich für den einjährigen Lehrgang zum Orgelrestaurator, der den Meister voraussetzt. Lediglich in den Schuljahren 2005/2006 und 2008/ 2009 kamen ausreichend Schüler in Ludwigsburg dafür zusammen.

Hoffnung auf Rückvermeisterung der Orgelbauer

Ob eine Rückvermeisterung die Nachwuchssorgen der Branche lindern kann? Scharfe hofft es. "Unseren Beruf darf man nicht aus finanziellen Gründen wählen“, gibt er zu. In manchen Monaten komme es vor, dass sein Geselle mehr verdient als er selbst. Und der Arbeitplatz ist oft einsam und ungemütlich. "Aber wenn mich beim Stimmen so ein tiefer Bass anbläst, das geht mir durch und durch. Dafür bin ich Orgelbauer geworden!“ Allein 150 Möglichkeiten gebe es, eine Pfeife zu bearbeiten. Jede winzige Veränderung an den einzelnen Pfeifen bewirke in der Summe des Instruments überraschende Effekte. "Das Lernen hört nie auf, ich bekomme immer wieder neue Impulse“, schwärmt Scharfe von seinem Beruf.

Dann packt er sein Werkzeug wieder ein, löscht die kärgliche Kirchenbeleuchtung in dem eisigen Raum und geht durch den Winterregen zu seinem Auto. Ein paar Ortschaften weiter soll er eine andere Orgel ansehen. Es ist ein schmuckes Instrument im neugotischen Stil und es wirkt größer als die vorhergehende Orgel.

Schöne Orgel unschön bearbeitet

Doch der Eindruck täuscht. Auch hier neun Register, auch hier ein Instrument etwa aus den 1870er Jahren, auch hier ein moderner Spieltisch, der nicht zum Rest passen will. "Ich würde behaupten, sie ist vom gleichen Orgelbauer“, urteilt Scharfe, nachdem er das Untergehäuse der Orgel begutachtet hat. Er setzt sich an den Spieltisch und bearbeitet die Tasten und Pedale. Ein Ton bleibt hängen, die Pfeifen bekommen zu wenig Winddruck, "und hören Sie diese Obertöne, die überdecken komplett den Grundton“, kommentiert er.

Dann steigt er zwischen die Orgelpfeifen, um das Obergehäuse zu untersuchen. "Sie haben hier ein Stück, nach dem sich viele die Finger schlecken würden“, sagt er zum mittlerweile eingetroffenen Gemeindepfarrer. "Aber es ist renovierungsbedürftig.“

Klamme Gemeindekassen verhindern Orgel-Restaurierungen

Der Pfarrer blickt bedenklich, fragt nach den Kosten, denn auch am Kirchengebäude stehen Renovierungsarbeiten an und die Gemeindefinanzen sind strapaziert; möglicherweise gebe es einen Gemeindezusammenschluss. "Wenn dann nur noch einmal im Monat hier Gottesdienst ist, ob sich das überhaupt lohnt?“, denkt er laut nach.

Scharfe holt tief Luft. Er kennt die Zwänge der schrumpfenden Gemeinden, kennt aber auch andere Beispiele, wo durch Orgelkonzerte wieder neues Leben in die Kirchen gekommen ist. Geduldig erkärt er die nächsten Schritte. Die Gemeinde solle Kontakt zum Orgelsachverständigen aufnehmen, auch zum Orgelbauer, der bisher für das Instrument zuständig war.

Scharfe geht es nicht darum, selbst den Auftrag zu bekommen, trotzdem versucht er noch einmal, den Pfarrer zu überzeugen: "Sie haben hier einen Schatz! Die würde nochmal 150 Jahre spielen, wenn Sie sie gut herrichten. Und sie könnte richtigen Wumms haben.“

Als der Pfarrer gegangen ist, fügt er hinzu: "So ist es eben mit der Kultur. Das ist immer ein Draufzahlgeschäft. Sie braucht engagierte, mutige Menschen.“ Dann setzt sich Scharfe wieder ins Auto. Eine dritte Orgel wartet heute noch auf ihn.

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