Meinung -

Kommentar Was ist uns Bildung wert?

Aufgabe des Staates ist es, jeder Bildungskarriere gleiche und faire Startvoraussetzungen zu geben. Man sollte endlich aufhören, Abitur und Studium als Königsweg der Ausbildung hinzustellen. Ein Kommentar zur Lage der beruflichen Bildung.

Dr. Lothar Semper
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Im Juli hat das Bundeskabinett den Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt 2015 beschlossen. Bundesfinanzminister Schäuble will im kommenden Jahren alle Bundesausgaben ohne Neuverschuldung finanzieren. Das ist ein ehrgeiziges und richtiges Ziel. Doch es lohnt ein Blick hinter die Kulissen der Haushalte der einzelnen Ministerien.

Interessant ist hier vor allem die Frage, ob die Koalition ihren eigenen Ansprüchen gerecht wird. Im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD heißt es: "Die Koalition wird einen Schwerpunkt auf die Stärkung der beruflichen Bildung legen." Nimmt man sich nun die Haushaltsansätze vor, so könnte man zur Auffassung kommen, dass hier eher eine verbale, denn eine finanzielle Stärkung gemeint war.

Mittel für Berufsorientierung sollen gekürzt werden

Angesichts der Tatsache, dass nach Plan die Mittel für die berufliche Bildung sogar leicht gekürzt werden sollen, ist es erfreulich, dass sich der bildungspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Albert Rupprecht, für eine Korrektur durch das Parlament ausspricht. Die viel proklamierte Gleichwertigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung erfordert auch eine Gleichwertigkeit in der Förderung.

Wie zu hören ist, sollen vor allem die Mittel für die Berufsorientierung und für die überbetrieblichen Bildungsstätten gekürzt werden. Gerade im Bereich der Berufsorientierung wäre genau das Gegenteil notwendig. Maßnahmen der Berufsorientierung sind für die Berufswahl und für die weitere Bildungskarriere unserer Schülerinnen und Schüler äußerst wichtig.

An Hauptschulen und Realschulen haben sie sich hervorragend bewährt. Wo sie noch zu wenig präsent sind, sind die Gymnasien. Auch hier gehören sie in gleichem Umfang in den Lehrplan. Wenn aufgrund der dann verbesserten Informationen sich mehr Abiturienten für eine Lehre entscheiden, so ließen sich damit sicherlich auch die hohen Abbrecherquoten an den Universitäten senken.

Faire Startvoraussetzungen sind wichtig

Im vergangenen Jahr lag die Zahl der Studienanfänger erstmals höher als die Zahl der Ausbildungsanfänger im dualen System. Für die Zukunftsfähigkeit unserer Volkswirtschaft kann das nicht das richtige Signal sein. Der Staat braucht hier zwar nicht unmittelbar lenkend einzugreifen. Seine Aufgabe ist es aber, jeder Bildungskarriere gleiche und faire Startvoraussetzungen zu geben.

Eine der wichtigsten Maßnahmen dafür gibt es sogar umsonst: Man sollte endlich einmal damit aufhören, Abitur und Studium als Königsweg der persönlichen wie der beruflichen Karriere hinzustellen. Der Philosoph Julian Nida-Rümelin spricht hier zu Recht vom Akademisierungswahn und bringt die Notwendigkeit auf folgenden Punkt: Der Meister und der Master sind zwei zwar unterschiedliche, aber gleichberechtigte Komponenten eines funktionierenden ökonomischen Systems.

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