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Arbeitsmarkt Was hat Freising, was Sangerhausen nicht hat?

Mit dem Auto sind es von Freising in Bayern nach Sangerhausen in Sachsen-Anhalt rund 450 Kilometer. Doch was die Lage auf dem Arbeitsmarkt betrifft, liegen Welten zwischen den beiden Regionen.

Während in Sangerhausen im Dezember 18,6 Prozent Menschen ohne Job gemeldet waren, herrschte in Freising mit einer Arbeitslosenquote von 2,5 Prozent fast Vollbeschäftigung. Im bundesweiten Vergleich bildet der eine Bezirk das Schlusslicht, der andere liegt seit Jahren an der Spitze. Und auch für die Veröffentlichung der neuen Arbeitsmarktzahlen am Donnerstag sind keine großen Überraschungen zu erwarten. Es stellt sich die Frage: Was hat Freising, was Sangerhausen nicht hat?

Der neue Leiter der bayerischen Arbeitsagentur, Rainer Bomba, muss es wissen. Denn bevor er vor vier Monaten im Freistaat sein Amt antrat, war er Geschäftsführer der Regionaldirektion in Sachsen-Anhalt. "Die beiden Agenturbezirke haben eine ganz unterschiedliche Struktur", erläutert Bomba. In Freising gebe es mit dem großen Einzugsgebiet von Ingolstadt und München einen sehr guten Arbeitsmarkt. "Wir haben den Flughafen, der unendlich viel Personal benötigt", sagt der Agenturchef. Zudem sorge der Airport für eine "exzellente" Infrastruktur.

Viele kleine und mittelständische Betriebe als Arbeitgeber

Die Leiterin der Arbeitsagentur Freising, Karin Weber, sieht in dem Flughafen dagegen nicht den Hauptgrund für die niedrige Arbeitslosigkeit. "Wir haben einen gesunden Branchen-Mix aus kleinen und mittleren Unternehmen", betont sie. Wenn irgendwo die Auftragslage schlecht ausfalle, sei sie anderswo noch gut. Bei nur einem einzigen Großbetrieb in einer Region schnelle die Arbeitslosigkeit jedoch direkt in die Höhe.

"Seit 1990 liegen wir im Bundesgebiet an der Spitze", sagt Weber stolz. Auf Personal könne ihre Agenturfiliale deshalb aber nicht verzichten. Denn es gebe auf dem Arbeitsmarkt "viel Bewegung", Menschen suchten und fänden stets neue Jobs. Derzeit seien in Freising 3.900 Menschen arbeitslos gemeldet, gleichzeitig gebe es 3.000 offene Stellen. Sie würde sich freuen, wenn sich mehr Bewerber aus anderen Bundesländern melden würden. "Aber das Problem ist, dass bei uns die Lebenshaltungskosten relativ hoch sind", sagt Weber.

Zu wenige Großbetriebe in Sachsen-Anhalt

In Sangerhausen hingegen sind die Mieten niedrig – doch es gibt kaum Arbeit. Laut Bomba ist der Bezirk in den neuen Bundesländern vom "Wegbruch" gekennzeichnet. "Die Hauptbeschäftigung, der Bergbau, ist komplett weggebrochen", sagt der Regionalleiter. Vor der Wende seien vor allem Kupfer und Salze gefördert worden. Im Landkreis Mansfelder Land seien schon immer wenige Unternehmen angesiedelt gewesen. "Da hat sich seither nicht viel verbessert, viele Betriebe haben dicht gemacht", sagt Bomba. Die Großbetriebe könne man heute an einer Hand abzählen, die Region sei immer noch ein Abwanderungsgebiet.

Auch die Chefin der Arbeitsagentur Sangerhausen, Nora George, räumt ein: "Neueinstellungen regionaler Firmen sind vorhanden, reichen aber zur Deckung der Nachfrage nicht aus." Die Arbeitslosen sollten eine hohe Flexibilität und Mobilität mitbringen, um in einer anderen Region einen Job zu finden, rät sie zur Abwanderung.

Bomba sagt, mit Bayern habe er nun einen Bezirk übernommen, der "sehr gut" laufe. "Aber es gibt auch hier einiges zu tun", fügt der Regionalleiter hinzu. Sein Ziel sei es, die Jugend- und die Langzeitarbeitslosigkeit zu senken.

Außerdem wolle er die Arbeitslosigkeit in der Stadt Weiden mit der höchsten Quote im Freistaat dem bayerischen Schnitt angleichen. Hier waren im Dezember 9,6 Prozent der Menschen ohne Job. Denn nach der Grenzöffnung zu Tschechien sei in der Region die Keramik- und Porzellanherstellung weggebrochen.

Trotz Parallelen will Bomba die Region aber nicht mit Sangerhausen vergleichen, schließlich sei die Arbeitslosigkeit in Weiden nur rund halb so hoch. Er räumt den Bemühungen zur Senkung der Arbeitslosigkeit in dem Schlusslicht-Bezirk in Sachsen-Anhalt auch nur begrenzten Erfolg ein: "Wir werden dort in absehbarer Zeit nicht die Ergebnisse erzielen, die wir im besten Bezirk Freising erzielen."

Kathrin Hedtke, Norbert Claus/ddp

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