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Gemeinschaftswährung: Wir-Gefühl oder Spaltung? Was der Euro für Europa bedeutet

Seit 20 Jahren gibt es die Gemeinschaftswährung der EU. Die Anti-Euro-Stimmung ist wieder populär. Aber produziert der Euro Gewinner und Verlierer? Ein Fazit.

Gut 340 Millionen Menschen in 19 Staaten der Europäischen Union haben eines gemeinsam: den Euro. Doch die Gemeinschaftswährung ist 20 Jahre nach ihrer Einführung nicht unumstritten. Der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Otmar Issing, stellte zum Jubiläum fest: "Der Euro wirkt zurzeit eher als Spaltpilz, denn als gemeinschaftsstiftende Einrichtung."

Was ist die Idee des Euro?

"Idee des Euro war und ist es , den europäischen Binnenmarkt zu fördern und für Wirtschaftswachstum und Wohlstand zu sorgen" - so brachte es Sabine Lautenschläger, Mitglied des Führungsgremiums der Europäischen Zentralbank (EZB), im Mai 2016 auf den Punkt. "Aber schon der Name macht es deutlich: der Euro sollte mehr sein. Der Euro sollte eine einheitliche Währung für ein vereintes Europa werden. Er sollte die kulturelle und politische Einheit Europas vertiefen, Grenzen abbauen und das "Wir-Gefühl" stärken."

Hat Deutschland vom Euro profitiert?

"Deutschland profitiert vom Euro wie kaum ein anderes Land in der Europäischen Union", stellte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im März 2011 mitten in der Euro-Schuldenkrise fest. Der erweiterte Binnenmarkt kommt einer Exportnation wie Deutschland zweifelsohne zugute. Knapp 40 Prozent der deutschen Ausfuhren gehen in den Euroraum. Fakt ist aber auch: Als der Euro eingeführt wurde, hatte Deutschland wirtschaftlich massive Probleme. "Der Euro erfordert, dass alle Euro-Mitglieder sich solidarisch verhalten und kooperieren. Andere Länder haben für Deutschland Risiken übernommen, als unser Land der kranke Mann Europas war", erinnert Marcel Fratzscher, Chef des Instituts für Deutsche Wirtschaftsforschung (DIW).

Wo liegen die Vorteile einer gemeinsamen Währung?

Kosten für Währungsumtausch und Absicherung gegen Schwankungen von Wechselkursen fallen weg. Unternehmer aus Deutschland etwa müssen sich bei Geschäften im Euroraum nicht gegen Währungsschwankungen absichern. Für Reisende entfällt für viele Ziele der teure Umtausch in Fremdwährungen. "Europa, die Europäische Union, ein Europa ohne Schranken nach innen, Freizügigkeit für Güter, Dienste, Personen und Kapital - das alles ist eine riesige Errungenschaft", sagt Issing.

Laut Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, haben zudem wirtschaftlich schwächere Länder von der Solidität der starken Europartner profitiert. Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise betont, dass der Euro Vorteile für alle Mitgliedsländer hatte. So habe es intensivere Handels- und Kapitalströme, höhere Preistransparenz, mehr Wettbewerb, geringere Transaktionskosten und eine Integration der Finanzmärkte gegeben.

Gibt es auch Nachteile?

Wirtschaftlich schwächere Länder können ihre Exporte nicht dadurch ankurbeln, dass sie ihre Landeswährung abwerten und Ausfuhren damit billiger machen. Das Centrum für Europäische Politik (cep) zieht daher auch ein negatives Fazit. Wirklich profitiert habe vom Euro eigentlich nur Deutschland - und in erheblich geringerem Maße die Niederlande. In vielen anderen Eurostaaten habe die Gemeinschaftswährung dagegen zu Wohlstandseinbußen geführt, heißt es in einer am Montag veröffentlichten cep-Studie.

Kann man überhaupt von Gewinnern und Verlierern reden?

Der Präsident des Münchner ifo-Instituts, Clemens Fuest, hält nichts von derartigen Vergleichen. "In der Öffentlichkeit vorgetragene Thesen darüber, welche Länder Gewinner oder Verlierer der gemeinsamen Währung sind, haben in der Regel keine seriöse Grundlage ", so der Ökonom. Seriös beantworten könne man lediglich die Frage nach der wirtschaftlichen Entwicklung einzelner Länder seit der Euro-Einführung. Auch Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer hält es nicht für sinnvoll, die Mitgliedsländer in Verlierer und Gewinner aufzuteilen. "Wenn die Währungsunion das Stabilitätsversprechen des Maastricht-Vertrags erfüllte, wären alle Länder Gewinner."

Wie hat sich die Wirtschaft der Euro-Länder entwickelt?

Länder, die vor der Euro-Einführung schon wirtschaftlich stark gewesen seien, hätten sich danach weiterhin sehr gut entwickelt, meint Ulrich Kater, Chefökonom der Dekabank. Dazu gehörten Deutschland, die Niederlande oder Österreich. Aber: "Für Länder wie Spanien, Griechenland oder Italien blieben die alten Probleme von Ineffizienz und hoher Verschuldung auch im Euro bestehen." Beim Wirtschaftswachstum liegt Deutschland laut ifo-Chef Fuest im unteren Mittelfeld. Beim Wachstum je Einwohner liege Deutschland dagegen auf Platz 2, übertroffen nur vom Sonderfall Irland. Italien liege dagegen in beiden Abgrenzungen ganz hinten. Doch Fuest warnt vor falschen Schlüssen: "Weder kann das gute Pro-Kopf-Wachstum in Deutschland als Folge der Euro-Einführung angesehen werden noch sollte man das geringe Wachstum in Italien dem Euro in die Schuhe schieben."

Hat der Euro die Preise nach oben getrieben?

"Befürchtungen, dass durch die Einführung des Euro die Inflation ansteigen würde, haben sich nicht bewahrheitet", konstatiert die Chefvolkswirtin der Landesbank Helaba, Gertrud Traud. In den 20 Jahren betrug die durchschnittliche jährliche Inflationsrate im Währungsraum 1,7 Prozent. In den 50 D-Mark-Jahren zuvor waren es in Deutschland 2,8 Prozent. "Fakt ist, dass der Euro stabil ist - stabiler noch als die D-Mark", sagt Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Nicht zuletzt deshalb ist der Euro nach dem US-Dollar die zweitwichtigste Reservewährung weltweit. dpa

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