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Interview mit Wüstenrot-Chef Bernd Hertweck Warum sich Bausparen noch lohnt

Wüstenrot-Chef Bernd Hertweck über den Reiz des Bausparens, hohe Immobilienpreise und die Zusammenarbeit mit Handwerkern.

DHZ: Herr Hertweck, warum sollte man heutzutage noch einen Bausparvertrag abschließen? 

Bernd Hertweck: Die grundsätzlichen Vorteile des Bausparens gelten nach wie vor: Der Kunde bildet systematisch Eigenkapital und erwirbt damit den Anspruch auf ein vergleichsweise günstiges Darlehen, das durch Sondertilgungsmöglichkeiten und heute schon feststehende Zinsen viele Vorteile bietet.

DHZ: Bausparkassen galten schon immer als etwas langweilig. Und jetzt kommen noch niedrige Zinsen hinzu. Stört Sie das Image der Bausparkasse? 

Hertweck: Wieso? Das Image ist doch gut. Denn je turbulenter und verwirrender die Zeiten sind, desto besser ist es, wenn man als altmodisch und konservativ angesehen wird. Bausparen ist über 90 Jahre alt, die Kunden haben dieses Produkt kennen- und schätzen gelernt. Was die Zinsen angeht, steht Wüstenrot freilich vor den gleichen Schwierigkeiten wie jedes andere Finanzunternehmen auch: etwa, dass diese schneller und tiefer gesunken sind, als wir erwartet hatten. Damit steigt auch die Herausforderung – und die Notwendigkeit, ertragreich zu wirtschaften.

"Irgendwann wird der Zins wieder steigen."

DHZ: Wie wird sich der Zins entwickeln? 

Hertweck: Irgendwann wird er sicher wieder steigen, wenn auch große Ungewissheit über den Zeitpunkt herrscht. Also ist die Absicherung gegen steigende Zinsen heute notwendiger als früher, das ist ein Argument für einen Bausparvertrag.

DHZ: Aber für die reine Baufinanzierung brauche ich den Bausparvertrag nicht mehr. Ich bekomme überall günstige Darlehen geradezu aufgedrängt. 

Hertweck: Bei guter Bonität und bei vorrangiger Besicherung gibt es sehr attraktive Angebote, sofern man nicht an Grenzen bei der Wohnimmobilienkreditrichtlinie stößt. Viele unserer Kunden besichern aber nachrangig und sind eher an kleinen Krediten interessiert. Rund 70 Prozent der Finanzierungen drehen sich inzwischen um die Modernisierung, früher waren es nur 20 Prozent. Dafür ist Bausparen ideal.

DHZ: Sie erwähnen die Wohnimmobilienkreditrichtlinie. Wie gravierend deren Auswirkungen sind, merken viele Darlehensnehmer erst jetzt. Rentner zum Beispiel erhalten oft keinen Kredit mehr, selbst wenn sie solvent sind. Welche Auswirkung hat diese Bestimmung auf Ihr Geschäft?

Hertweck: Sie hat manches erschwert oder zumindest unübersichtlicher gemacht. Ob wir einen Kredit vergeben dürfen oder ein Kunde ein Darlehen bekommt, ist ungewisser geworden, auch durch gut gemeinten Verbraucherschutz. Das bedeutet zugleich, dass die Rechtsgarantie auf ein Bauspardarlehen mehr wert ist als in der Vergangenheit. Mit Beginn des Sparprozesses erwirbt der Kunde schon heute einen Rechtsanspruch auf das künftige Darlehen mit vereinfachter Abwicklung.

DHZ: Die Bausparkassen sind auch deshalb so gut durch die Krise gekommen, weil ihnen gewisse Möglichkeiten verwehrt waren, Kapital anzulegen. Das wurde durch das neue Bausparkassengesetz gelockert. Sie dürfen jetzt auch zu geringen Anteilen in Aktien investieren oder Immobilienkredite außerhalb eines Bauspargeschäfts vergeben. Verliert die Bausparkasse dadurch nicht ein Alleinstellungsmerkmal? Werden sie jetzt ein Finanzkonzern wie jeder andere?

Hertweck: Nein, das verhindern das engmaschige Bausparkassengesetz und die Regulierung. Wir können nicht unbegrenzt Kredite vergeben, sondern haben enge Beleihungsgrenzen. Zudem gibt es strikte Anforderungen an die Bonität und wir müssen relativ viel in Reserven stecken. Gleichzeitig hat uns der Gesetzgeber erfreulicherweise ein wenig mehr Spielraum gegeben.

"Wir können mehr Kredite vergeben als bisher."

DHZ: Wie nutzen Sie diese neue Freiheit?

Hertweck: Wir können mehr Kredite vergeben als bisher und damit auch unserer Rolle für die finanzielle Vorsorge des kleinen Mannes besser nachkommen. Wir können also aus Überschüssen auch Tilgungsdarlehen vergeben. Das passt zu unserem ureigenen Auftrag und birgt kein hohes Risiko. Auch können wir verfügbare Mittel zukünftig in geringem Umfang in Aktien anlegen.

DHZ: Ergeben sich dadurch auch bessere Renditen für die Bausparer?

Hertweck: Zunächst einmal werden auf der Finanzierungsseite neue, attraktive Angebote entstehen. Wir haben in der Vergangenheit mehrere Rechtskörper benötigt, um eine gesamte Finanzierung anzubieten, die Bank und die Bausparkasse. Durch das neue Bausparkassengesetz können wir vieles aus einer Hand anbieten, so wird die Baufinanzierung in Zukunft in der Bausparkasse gebündelt. Das vereinfacht die Abläufe und schlägt sich in günstigeren Konditionen nieder, die wiederum auch den Kunden zugutekommen. Auf der Anlageseite sehe ich keine so großen Möglichkeiten.

DHZ: Inwiefern passen Sie Ihre Finanzprodukte den veränderten Gegebenheiten an?

Hertweck: Grundsätzlich wollen wir an dem Produkt selbst gar nicht so viel verändern. Spannender ist die Frage, welche Zielgruppen Wüstenrot anspricht. Wir haben lange das Thema ‚Ich spare für das Bauen‘ als Grundidee verfolgt. Bauland ist allerdings knapp, viele Menschen können oder wollen gar nicht bauen, aber sie wollen gut wohnen. Seit Februar nennen wir unser Produkt nicht mehr Bausparen, sondern Wohnsparen – und das ist nicht nur eine Marketingidee.

"Die meisten Menschen würden gerne in ihren eigenen vier Wänden alt werden."

DHZ: Wie haben sich die Ziele der Kunden gewandelt?

Hertweck: Nehmen wir einmal das Thema altersgerechtes Wohnen. Die meisten Menschen würden gerne in ihren eigenen vier Wänden alt werden, aber weniger als zehn Prozent der Objekte geben das her, haben also barrierefreie Zugänge zu den Räumen oder ein altersgerechtes Badezimmer. Dann spielt die energetische Sanierung eine große Rolle mit dem Ziel, durch eine Investition Folgekosten in Zukunft zu reduzieren. Da lässt sich viel machen mit Energieberatung, Förderservice, Aufklärungsarbeit.

DHZ: Das sind auch Topthemen fürs Handwerk – sehen Sie Anknüpfungspunkte für eine Zusammenarbeit?

Hertweck: Klar. Wir informieren den Kunden, was man mit dem Bausparen und dem Wohnsparkonto anfangen kann. Wir zeigen dem Kunden, was er an Zuschüssen von Staat, Land, KfW bekommt. Und wir wollen die Kunden auf Ideen bringen, wie sie ihr Wohnumfeld verschönern können. Dafür pflegt Wüstenrot regional viele Kooperationen mit dem Handwerk, etwa dadurch, dass wir Kunden an Betriebe vermitteln. Und das läuft auch umgekehrt: Manchmal kennt der Handwerker oder Architekt jemanden, der sanieren will und dafür eine Finanzierung benötigt. Dafür haben wir regionale Netzwerke geschaffen.

DHZ: Wie entstehen solche Netzwerke zwischen Handwerk und Bausparkasse?

Hertweck: Anfang Mai 2016 ging die Online-Plattform Megameister als Produkt der W&W Digital GmbH an den Start und soll Qualitätshandwerker und Kunden schnell und einfach zusammenbringen. Das Portal bietet Vorteile für beide Seiten: Handwerker haben die Möglichkeit, ohne große Aufwände ihre Kundenstämme zu erhöhen, indem sie sich als Dienstleister auf megameister.de registrieren. Als Auftraggeber hat man den großen Vorteil, schnell ein Angebot von einem geprüften Handwerker zu erhalten – beste Handwerksleistungen zu fairen Preisen. Besonders dieses Qualitätsmerkmal zeichnet das Portal gegenüber anderen Online-Anbietern dieser Art aus. Die Nutzung des Portals ist sowohl für Kunden als auch für interessierte Handwerker kostenlos.

DHZ: Lässt sich die Zusammenarbeit zwischen dem Handwerk und Ihnen weiter vertiefen?

Hertweck: Ja, denn wir ergänzen uns gut. Unser Finanzierungsberater steht schnell auf verlorenem Posten, wenn es um die Frage geht, was konkret am Haus zu machen ist. Umgekehrt ist der Handwerker kein Finanzprofi und kein Experte für Förderungen. Die Verbindung macht es aus. Einige Handwerker würden sich wünschen, sie könnten ihre Kunden besser beraten, welche Förderungen es gibt, zum Beispiel mit einem elektronischen Schnellcheck. Tatsächlich geht es aber nicht ohne professionelle Betreuung. Bei der energetischen Sanierung existieren bis zu 5.000 Fördermöglichkeiten. Da blickt kaum jemand mehr durch, das heißt, ich brauche eine Datenbank und dann nochmals einen Profi, der das einordnet.

"Grundsätzlich sehe ich keine Überhitzung oder Blasenbildung."

DHZ: Zuletzt sind die Preise auf dem Immobilienmarkt stark gestiegen. Sehen Sie da Übertreibungen und die Gefahr einer Überhitzung?

Hertweck: Einzelne Käufer gehen derzeit in der Tat möglicherweise sehr große Risiken ein, wenn sie sich verführen lassen, zu einem niedrigen Zins und einer zu geringen Tilgung zu finanzieren. Es ist gefährlich, sich mit Laufzeiten bis zu 40 Jahre und darüber hinaus locken zu lassen. Niemand kann sagen, wie sich die Konjunktur oder die Immobilienpreise in den nächsten vier Jahrzehnten entwickeln. Grundsätzlich aber sehe ich keine Überhitzung oder Blasenbildung.

DHZ: Was macht Sie da so sicher?

Hertweck: Hierzulande sind zum einen die Kredite meist ausreichend durch Eigenkapital unterlegt und zum anderen gibt es auch viele Regionen, wo die Preise noch moderat sind.

DHZ: Was würden Sie sich vom Staat wünschen, um den Wohnungsbau anzukurbeln?

Hertweck: Der Staat müsste zweigleisig vorgehen. Einerseits ist es dringend nötig, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, insbesondere für Familien. Es müsste mehr Bauland bereitgestellt werden und mehr Möglichkeiten geben, bezahlbaren Wohnraum zu erwerben, auch durch Anreize wie etwa eine Eigenheimzulage. Und andererseits brauchen wir ein Programm zum sozialen Mietwohnungsbau. Da hat sich in den vergangenen Jahren viel zu wenig getan. Mir hat der Vorstoß der Politik gut gefallen, privates Kapital für sozialen Mietwohnungsbau zu mobilisieren durch ein Sonderabschreibungsprogramm. Aber das ist leider versandet.

DHZ: Wüstenrot ist in die Schlagzeilen gekommen, weil Sie sich mit Kunden angelegt haben. Sie haben hochverzinste Altverträge gekündigt. Ihr Unternehmen war gewissermaßen Blockadebrecher für die Branche. War es das wert?

Hertweck: Die Kündigungen nach zehnjähriger Zuteilungsreife werden nahezu von allen Bausparkassen ausgesprochen. Natürlich ist es kein schöner Vorgang, wenn man langjährigen Kunden eine Kündigung schicken muss.

"Wir sind eine Zweckspargemeinschaft."

DHZ: Wie argumentieren Sie in einem solchen Fall?

Hertweck: Wir sind eine Zweckspargemeinschaft und unsere Interpretation ist glasklar: Wenn die Nutzung von Verträgen dem ursprünglichen Vertragszweck Bausparen, also der Erlangung eines zinsgünstigen Bauspardarlehens, widerspricht, lösen wir den Vertrag auf.

DHZ: Sie wollen sich um die hohen Zinszahlungen aus den Altverträgen drücken...

Hertweck: ...die Bauparkassen haben die Pflicht, die Gemeinschaft der Bausparer vor den negativen Auswirkungen der Niedrigzinspolitik zu bewahren. Daher sehen wir uns in der Pflicht, zum Schutz des Bausparkollektivs Verträge aufzulösen, die nicht mehr dem Zweck des Bausparens entsprechen.

DHZ: Wie sicher sind die Bausparkassen? Stehen Sie die Niedrigzinsphase durch?

Hertweck: Unser Geschäftsmodell ist schon seit Ausbruch der Finanzkrise darauf ausgerichtet, eine Niedrigzinsphase erfolgreich zu überstehen.

DHZ: Personal haben Sie bereits abgebaut. Welche Stellschrauben bleiben Ihnen noch?

Hertweck: Wir haben Gestaltungsspielraum beim Kredit. Die Nachfrage nach Wohneigentum ist erfreulich, Modernisierungskredite sind gefragter denn je. Und das Geschäft ist ja zunächst einmal zinsunabhängig, weil ja beide Seiten auf niedrigem Niveau liegen – der Einkauf des Geldes und die Vergabe des Kredits. Die Marge macht es aus, und die ist auskömmlich. Und dann dürfen Sie die Digitalisierung nicht vergessen. Wüstenrot hat die Prozesse automatisiert und damit erhebliche Kosteneinsparungen erzielt. Kreditanträge zum Beispiel kommen heute in der Regel nur noch elektronisch bei uns an und können sofort weiterverarbeitet werden. Wir können bei klaren Fällen in Echtzeit sofort eine Zusage erteilen.

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